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Die deutsche Linke oder die Neocons im linken Gewand?

Anmerkungen zu Tilman Tarachs Israel-Vortrag

Am Abend des Donnerstag, den 2.11. 2010 fand in der Neuen Aula, einem Gebäude der Universität Tübingen, eine Veranstaltung der Stuttgarter Gruppe „Emanzipation und Frieden“ in Kooperation mit der „Tübinger Initiative gegen Antisemitismus und Antizionismus“ statt. Im Folgenden wollen wir zu den Inhalten der Veranstaltung Stellung nehmen.

Tilman Tarach, im wissenschaftlichen Kontext bislang weitgehend unbekannt, sprach als Referent über sein Buch „Der ewige Sündenbock. Heiliger Krieg, die »Protokolle der Weisen von Zion« und die Verlogenheit der sogenannten Linken im Nahost­konflikt“. Wer nun solchen Hasspredigern und Unwissenschaftlern wie Tarach für ihre Bücher nicht auch noch Geld hinterherwerfen will oder wem schlicht und einfach Zeit und Geld fehlen, sich mit all den Tarachs unserer Zeit intensiv auseinanderzusetzen, der konnte sich auf dem Vortrag dennoch ein ausreichendes Bild von den Ergüssen des Autors verschaffen. Wer nach der Lektüre dieses Textes immer noch das Bedürfnis nach weiteren Kostproben hat, der kann sich im Internet kostenlos drei Kapitel zu Gemüte führen (hier klicken).

Alles Nazis außer Tilman:

Der Titel des Machwerks wirft die Frage auf, wofür und in wessen Argumentation Israel denn ständig als „Sündenbock“ herhalten muss – und suggeriert die Antwort direkt hinterher: Schurke im Stück ist die „sogenannte Linke“, gegen die sich Veranstaltungen der Leute vom Schlage eines Tarach in aller Regel richten. Die Begründung konnten die interessierten Zuhörer_innen auf Tarachs Vortrag vernehmen: Die Konflikte um Kurdistan und die Westsahara spielten, wie Tarach mit Nachdruck unterstellte, für die hiesige Öffentlichkeit trotz ihrer Brutalität überhaupt keine Rolle, wohingegen Kritik an Israel allgegenwärtig sei. Auch werde von „Palästinenserfreunden“ (für Tarach und Konsorten auch synonym: „Israelhasser“), wie Tarach das Spektrum der Solidarität mit den Palästinenser_innen abqualifizierte, systematisch übergangen, dass arabische Staaten wie der Libanon oder Saudi Arabien die Palästinenser_innen (im Gegensatz zu Israel, versteht sich) tatsächlich diskriminieren und ihnen die Staatsangehörigkeit aberkennen. (Man stelle sich einmal den antideutschen Aufschrei vor, würde sie jemand als „Judenfreunde“ bezeichnen und das als Schimpfwort meinen.) Die „Palästinenserfreunde“, so Tarachs Schlussfolgerung, seien in Wirklichkeit an den Palästinenser_innen nicht interessiert – in Wahrheit gehe es ihnen nur um das Ausleben ihres antisemitischen, mithin stellvertretend gegen den Staat der Juden gerichteten Ressentiments. Der Grund, weshalb die Palästinenser_innen so viele Verbündete haben, argumentierte Tarach messerscharf, ist nämlich, dass sie gegen die Juden und Jüdinnen seien und nicht gegen die Türk_innen oder Marokkaner_innen. Die Begründung hierfür hat, wie es sich bei Tarach als methodisches Programm im Verlauf seines Vortrags immer deutlicher abzeichnet, mit Wissenschaftlichkeit nicht viel gemein, sondern ist allenfalls spekulativ-psychoanalytischer Natur: die Ursache für diese Solidarisierung mit den Palästinenser_innen gegen Israel liegt nämlich in einem kollektiven neurotischen Schuldkomplex der deutschen Linken, aus dem es nur einen einzigen Ausweg gibt, nämlich die einstigen Opfer (die Juden und Jüdinnen) der selben Grausamkeiten anzuklagen, der man sich historisch selbst schuldig gemacht und deren Schuld man geerbt hat. Wie bei Israel-Apologeten üblich, halluziniert Tarach eine Weltverschwörung gegen das Judentum herbei, an der fast alle beteiligt sind: Die UNO, die Muslime, die „deutsche Linke“, die Nazis, linke Juden wie Ilan Pappe und Noam Chomsky – dem „Hohepriester der Israelhasser“ – sowie Amnesty International. Dieses Mal kamen ausnahmsweise der „internationale Terrorismus“ und die rot-grüne Bundesregierung 1998-2005 nicht vor, auch wenn jeder vom Schlage Tarachs weiß, dass diese eigentlich auch einen ständigen Sitz in der „Antisemitischen Internationalen“ innehaben. Aus dem Publikum kam zu Recht der kritische Hinweis, dass auch der Antisemitismus mit solchen Verschwörungstheorien arbeitet, worauf der Referent nichts zu erwidern wusste.

Dass die Solidarität mit der kurdischen Bewegung für einen erheblichen Teil der Linken in Deutschland sehr wohl ein wichtiges Aktionsfeld ausmacht, ist Tarach, den man wohl nicht der Linken zurechnen kann, offenbar entgangen. Warum der Fall Westsahara für Linke in Deutschland kein dem Nahostkonflikt vergleichbares Agitationsfeld darstellt, sollte eigentlich ersichtlich sein:

1. Israel ist ein im Wesentlichen westliches Land, Marokko ein Land des Trikont.

2. Israel ist trotz (oder gerade wegen) seiner Politik gegenüber den Palästinenser_innen der weltweit größte Empfänger von Militärhilfe (abgesehen von den beiden US-Kolonien Irak und Afghanistan).

3. Marokko liegt am äußersten Rand der Region Mittlerer Osten und Nordafrika (MENA), während Israel in ihrem Zentrum liegt, was den israelisch-arabischen Konflikt in die Mitte der Aufmerksamkeit der USA und anderer imperialistischer Staaten rückt.

4. Viele Menschen in Deutschland haben Verwandte und Freunde in Israel oder Palästina, nicht zuletzt aufgrund der massenhaften Emigration deutscher Jüdinnen und Juden nach der Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Rote Armee und die Truppen der Westalliierten. Der kulturelle wie intellektuelle Austausch zwischen Israel und Deutschland muss auch deshalb als deutlich intensiver angesehen werden als die entsprechenden Kontakte zwischen Deutschland und Marokko oder der Westsahara.

5. Dank den sogenannten „Antideutschen“ besteht für jede_n Linke_n in Deutschland die ständige Herausforderung, den antiimperialistischen Standpunkt zu verteidigen, was eine unverhältnismäßig intensive Beschäftigung mit dem Konflikt erforderlich macht.

Dass der Konflikt um Palästina sich stärkerer Aufmerksamkeit der europäischen Linken erfreut als gleich schwerwiegende oder schlimmere Konflikte in anderen Teilen der Welt, lässt sich durch vieles erklären, aber sicher nicht durch einen latenten Antisemitismus der Linken. Ideologen wie Tarach lassen selbstverständlich auch unerwähnt, dass z.B. die Proteste gegen den Kosovokrieg, den Afghanistankrieg oder den Bundeswehreinsatz vor der somalischen Küste naturgemäß deutlich massiver ausfielen als die gegen die brutale Beendigung des srilankischen Bürgerkrieges oder den Krieg zwischen Russland und Georgien. Ganz sicher kann von einer Fixierung der deutschen Linken auf den Nahostkonflikt keine Rede sein, es sei denn, man zählt Menschen wie Tarach zur Linken. Nur diese Ecke ist es nämlich, aus der so gut wie nie ein Thema von internationaler Relevanz angesprochen wird, das nicht mit Israel, dem Iran oder beiden zusammenhängt. Kommunistische Gruppen und Organisationen in der BRD haben dagegen seit jeher eine Vielzahl von internationalen Konflikten thematisiert: von den Kriegen der USA in Korea und Vietnam über die Sandinistische Revolution in Nicaragua, den US-Staatsterrorismus gegen Kuba, den Putsch 1973 in Chile, die griechische Militärjunta, das Bündnis mit den faschistischen Staaten in Spanien und Portugal, die chinesische Kulturrevolution, die Hungerkrise im globalen Süden und der Aufstieg fortschrittlicher Bewegungen in Lateinamerika seit Beginn des neuen Jahrtausends, um nur einige davon zu nennen.

Dass die umliegenden arabischen Staaten die Palästinenser_innen als „Manövriermasse“ (eine von Tarachs Lieblingsvokabeln) für ihre eigenen politischen Ziele missbrauchen, dass sie sie misshandeln und dass von ihnen keine Lösung des Konflikts zu erwarten ist, hat nie ein seriöser Antiimperialist geleugnet. All dies ist anzusprechen und unmissverständlich zu verurteilen. Allerdings sollte man Ursache und Wirkung nicht verdrehen: Die Palästinenser_innen wurden von Israel vertrieben[1], ihr Land wird von Israel besetzt und Israel ist es, das allein in Gaza ca. 1,5 Mio. Menschen unter katastrophalen Bedingungen gefangen hält – von ständigen größeren oder kleineren Militäraktionen der IDF (Israelische Armee), die regelmäßig viele Tote unter palästinensischen Zivilisten fordern, ganz zu schweigen[2]. Für all das ist nicht die Arabische Liga zur Verantwortung zu ziehen, sondern Israel und seine Verbündeten in Europa, Nordamerika und dem Nahen Osten. Die Behauptung Tarachs, Amnesty International würde über Misshandlungen der Palästinenser_innen durch die Behörden der arabischen Staaten nichts schreiben, ist im Übrigen eine glatte Lüge. Den Abschnitt „Flüchtlinge und Asylsuchende“ im AI-Report 2010 zum Libanon hat Tarach offenbar „übersehen“. In besagtem Bericht wird die Situation der Palästinenser_innen im Libanon sehr deutlich thematisiert, so heißt es z.B.: „Die Mehrzahl der palästinensischen Flüchtlinge war weiterhin in zwölf überfüllten offiziellen Flüchtlingslagern unter oft armseligen Bedingungen untergebracht. Fast 422000 registrierte Flüchtlinge litten unter diskriminierenden Gesetzen und Bestimmungen. So wurde ihnen das Recht abgesprochen, Wohneigentum zu erben. Auch der Zugang zu rund 20 Berufen und weitere Grundrechte blieben ihnen verwehrt“.

Schlechte Vergleiche sind offenbar Tarachs Spezialgebiet: Indem er die Gruppen der „Palästinafreunde“ als „Heimatvertriebenenverbände der Palästinenser“ bezeichnet, setzt er sie mit einer geschichtsrevisionistischen, reaktionären Vereinigung gleich. Doch damit nicht genug: Auch die palästinensischen Flüchtlinge (denen Tarach freilich den Flüchtlingsstatus abspricht, auf den sie als Nachkommen der 1948 Vertriebenen seiner Meinung nach kein Anrecht haben) setzt er mit den deutschen Heimatvertriebenen gleich und vermisst eine seiner Meinung nach angebrachte Skandalisierung ihrer Forderungen: Wenn in Deutschland jemand Rückkehr in die ehemaligen Ostgebiete des Deutschen Reiches fordert, sei das ein Skandal. Bei den Palästinensern sei es ganz normal. Hier wird also die Vertreibung von Hunderttausenden Palästinenser_innen aus ihrer Heimat gleichgesetzt mit der Flucht von Deutschen nach dem NS-Vernichtungskrieg, die sich meist aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen der Roten Armee für die unvorstellbaren Verbrechen der Nazis an den Jüdinnen und Juden und den Bürgern der Sowjetunion in Richtung Westen davonmachten. Auch die tatsächlich vertriebenen Deutschen sind vor dem genannten historischen Kontext nicht mit den Opfern der Nakba (Vertreibung d. Palästinenser_innen) gleichzusetzen. Doch (!), findet Tarach, denn 1948 fielen ja bekanntlich die umliegenden arabischen Staaten über Israel her. Was das mit den Palästinenser_innen zu tun hat, die daraufhin vertrieben wurden, und wie er auf die Dummheit kommt, diesen Krieg mit dem Holocaust und dem Überfall der Nazis auf die Sowjetunion gleichzusetzen, bleibt aber sein Geheimnis. Dass ausgerechnet ein selbsternannter Kämpfer gegen den Antisemitismus wie Tarach sich zu einer derartigen Ausblendung, wenn nicht Verharmlosung der Verbrechen des deutschen Faschismus versteigt, verwundert allerdings nur den, der mit der verqueren Apologetik von Tarach und seinesgleichen nicht vertraut ist. Diese Gleichsetzung der deutschen „Ost-Vertriebenen“ und deren reaktionär-revanchistischer Organisation mit den palästinensischen Flüchtlingen und deren Fürsprechern müsste sogar bei dem eher „antideutsch“ orientierten Teil des jüngeren Publikums Empörung hervorgerufen haben. Auf die Anmerkung eines kritischen Zuhörers, der ausdrücklich darauf hinwies, wo die Ursachen für die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten zu suchen sind, und dass sich etwas Vergleichbares in der Geschichte der palästinensischen Araber_innen nicht finden lasse, reagierte Tarach anstatt mit Argumenten mit Schweigen und einem gleichgültigen Schulterzucken.

Dass ähnliche Vergleiche, die bisweilen von der Gegenseite ausgehen, so z.B. der Ausruf eines aufgebrachten Zuhörers, „Gaza ist ein Konzentrationslager“, mit der selben Konsequenz zu verurteilen sind, erachten wir als Selbstverständlichkeit.

„Der demografische Djihad gegen Israel“

Warum Tarach das Thema von Vertreibung und Rückkehr so wichtig ist, macht er seinen Hörern dann klar: Eine Rückkehr der Palästinenser_innen müsse „natürlich“ von Israel kategorisch ausgeschlossen werden, denn dann wären die Palästinenser_innen in Israel ja bald in der Mehrheit. Dann wäre Israel aber kein jüdischer Staat mehr – für Tarach eine Schreckensvision. Denn, so fährt er fort, in einem Staat, in dem die demographische Dominanz der Juden in Frage gestellt ist, wären die Juden bald zwingend wieder Opfer von Verfolgung und Unterdrückung. Wir lernen: Israel schafft sich ab. Bald sind die Juden Fremde in ihrem eigenen Land. Es stellt sich natürlich die Frage, wonach, wenn nicht ethnisch und religiös, entschieden werden soll, wer Jude ist und wer nicht.. Tarachs „Theorie“ verdichtet sich schließlich im Konstrukt des von ihm postulierten „demografischen Djihad gegen Israel“. Dieser „Heilige Krieg gegen die Juden“ besteht darin, dass sich die palästinensischen Flüchtlinge unter der schützenden Hand der UN, von der sie sich schamlos „aushalten lassen“, rasend schnell vermehren – und das alles mit dem einzigen Ziel, durch massenhafte Rückkehr in ihre ehemalige Heimat den jüdischen Charakter des Staates Israel „auszulöschen“. Da ist bei Tarach sogar von „Vernichten“ die Rede, man beachte die gewollte Unschärfe des Begriffs und die unschönen Assoziationen, die er hervorruft.

Die völkischen und rassistischen Konsequenzen solch einer verdrehten Logik springen ins Auge. Sie sind Folge davon, dass die Araber_innen für unfähig erklärt werden, friedlich mit den Jüdinnen und Juden zusammenzuleben. Denn, so das Denken der Tarachs, nicht die aktuelle Unterdrückungspolitik Israels und die ständige Gefahr, die es durch seine Außenpolitik für die Umgebung darstellt, sind der Grund für Hass auf beiden Seiten. Nein, da muss schon eine metaphysische Natur des Arabers her, um das zu erklären. Blöd nur, wenn alle arabisch-stämmigen Diskutanten aus dem Publikum bestreiten, irgendetwas gegen Jüdinnen und Juden zu haben (Tarach meint wahrscheinlich jetzt, dass die sicher nur ihre wahre antisemitische Natur verbergen). Der Umgang mit diesen ist auch eine Erwähnung wert: Nachdem sich ein Palästinenser aus dem Publikum lautstark über die Verzerrungen und Fälschungen des Referenten erbost hatte, bedauerte Tarach, als nächstes „schon wieder einen Kollegen“ auf der Redeliste zu haben – dass es sich um einen „Kollegen“ handelte, entnahm Tarach offenbar dem südländischen Aussehen des nächsten Diskussionsteilnehmers. Um seinen Familienstammbaum zu prüfen, fehlte allerdings die Zeit, sodass er es bei der Vermutung belassen musste, bis der Diskutant selbst den gehegten Verdacht bestätigte: Er war aus dem Libanon. Von Arabern gibt es seiner Meinung nach offenbar sowieso nur eine Sorte. Ach nein, einen Iraker führt er an, der Israel für seine Achtung der Menschenrechte gelobt habe und deshalb jetzt auf der Abschussliste des irakischen Widerstands sei (als wäre „der irakische Widerstand“ eine einheitliche Organisation). Aber immerhin: Tarach gesteht ein, dass sogar Araber_innen vereinzelt dem Einfluss von Vernunft und Aufklärung zugänglich sein können. Überhaupt besteht seine Methode im Wesentlichen darin, mit Zitaten von Einzelnen, in der Regel 5-6 Personen, die kollektive Gesinnung ganzer Bevölkerungsgruppen zu beweisen zu versuchen. Findet man fünf antisemitische Palästinenser_innen, kann man den Eindruck eines kleinen, bedrängten Staates erwecken, der von judenfeindlichen Horden, die nichts lieber wollen, als den Holocaust zu Ende zu führen, umgeben ist und sich deshalb gewaltsam gegen diese zur Wehr setzen muss. Auf diese Art kann man natürlich je nach Bedarf nahezu alles beweisen oder widerlegen. Solche Konglomerate von Einzelpositionen und Zitatschnipseln erfüllen zwar ihren propagandistischen Zweck, haben jedoch mit einer historischen und empirischen Analyse der Verhältnisse nichts gemein.

Israel, Palästina, Blut, Boden und die deutsche Linke:

Für alle Probleme der Palästinenser_innen hat Tarach auch eine Lösung: Sollen sie doch einfach in Kairo oder Tripoli leben, statt in Israel! In Wirklichkeit, so Tarach, wollen sie nämlich nur nach Israel, weil man ihnen das ständig von außen einimpft. Daher nennt er die Linke, die sich dieses Verbrechens schuldig macht, auch „Blut-und-Boden-Linke“. Eine Blut-und-Boden-Ideologie vertreten nämlich in seinem Denken nicht die Wächter der ethnischen Reinheit Israels, wie er selbst, sondern die Vertreter eines nicht-rassistischen, multiethnischen Gemeinwesens, ergo die Linken. Aber Tarachs Winkelzug ist geschickt: Indem er den Palästinenser_innen vorschlägt, doch einfach woanders hinzugehen als in ihre alte Heimat, entbindet er den Staat Israel von jeder Verantwortung für ihr Schicksal: Wenn die arabischen Staaten den Palästinenser_innen das ihnen geraubte Land nicht ersetzen, sind sie auch Schuld für deren Elend.

Ein Schelm, wer bei den Worten „Blut und Boden“ Böses denkt – in der Welt von Tilman Tarach und Konsorten, soviel haben wir bisher gelernt, ist diese mit Abstand zynischste NS-Gleichsetzung aus seinem umfangreichen Repertoire kaum mehr der Rede Wert. „Blut und Boden“, das sind die ideologischen Grundsteine, auf denen die Nazis jenen Kriegs- und Terrorapparat errichtet haben, der ganz Europa der Herrschaft der „arischen Rasse“ unterwerfen, die europäischen Juden vernichten und nicht zuletzt die Sowjetunion zerschlagen sollte. Es ist diese Ideologie, in deren Namen die Faschisten den bisher blutigsten und verheerendsten Krieg der Menschheitsgeschichte über die Welt gebracht haben.

Wir werden uns im Folgenden jedes Vergleiches mit der NS-Ideologie ausdrücklich enthalten, ergänzend sei jedoch darauf hingewiesen, dass es sich beim Zionismus um eine Lehre handelt, die einer Gruppe von Menschen (Jüdinnen und Juden) qua eines bestimmten gemeinsamen Charakteristikums (hier: Zugehörigkeit zu einer Glaubens- bzw. Abstammungsgemeinschaft), das Anrecht auf die hegemoniale Beherrschung eines bestimmten Territoriums (Israel, über dessen Grenzen viel und leidenschaftlich gestritten wird) und wo nötig die gewaltsame Durchsetzung desselben zuspricht. (Auch wenn man sich über die Gewaltfrage innerhalb der zionistischen Bewegung nicht immer einig war.)

Summa summarum wird von Tarach letztlich nahezu alles, was bürgerliche und rechtspopulistische Ideologie und Geschichtsverdrehung zu bieten haben, in einen Topf geworfen, großzügig mit zynischer Polemik und NS-Vokabular gewürzt und anschließend kräftig vermengt. Am Ende bietet dieses bunte Potpourri nicht zuletzt ein Lehrstück in Sachen angewandter Extremismustheorie. Das können CDU, FDP, Verfassungsschutz und Springer-Feuilleton kaum besser. Die Linken wollen demnach heute im Nahostkonflikt eigentlich das gleiche wie die Nazis in den 30er und 40er Jahren, die UN ist gewissermaßen der historisch verlängerte Arm der SS und überhaupt hat sich die ganze Welt, allen voran natürlich die „deutsche Linke“ (je mehr sich der Vortrag seinem Ende zuneigt, desto ratloser fragt man sich, wer das denn überhaupt sein soll), gegen die Jüdinnen und Juden und zur Vernichtung Israels verschworen. Erhaben über diesen völkisch-antisemitischen, regressiven, antiwestlichen (etc.) Sumpf ist demzufolge freilich einzig die israelsolidarische antideutsche Szene (in all ihren Facetten), die selbsternannte Speerspitze der Emanzipation (und natürlich des Friedens).

Fazit:

Sowohl die Methoden als auch die Positionen Tarachs und seiner Anhänger sind als unwissenschaftlich, tendenziös und reaktionär einzustufen. An ihnen ist nichts in irgendeiner Art fortschrittliches oder gar emanzipatorisches zu erkennen. Im Gegenteil: sie sind Teil einer diffamierenden Hetzkampagne gegen die sog. „antiimperialistische Linke“ und münden letztlich in lakaienhafter Systemaffirmation, Bellizismus und nicht selten antimuslimischem Rassismus bzw., wie man in der antideutschen Szene zu verniedlichen pflegt, „antimuslimischen Ressentiments“. Dass Tarachs Thesen begeisterten Zuspruch von Seiten rechtspopulistischer Gruppierungen wie Politically Incorrect und sogar aus dem Lager der CDU erhalten, braucht niemanden zu wundern. Einem Frieden in Nahost, geschweige denn einer äußerst wünschenswerten sachlichen und konstruktiven Auseinandersetzung mit dem Thema, sind Veranstaltungen wie die am vergangenen Donnerstag jedenfalls in keiner Weise dienlich.

Eine detaillierte Analyse der wissenschaftlichen Schlampereien, Verdrehungen und Winkelzüge, auf denen das hier in seinen Grundzügen umrissene ideologische Kartenhaus fußt, werden wir hier nicht liefern können. Es sei uns nachgesehen. (Hier aber eine kleine Kostprobe.) Es mag manchem schwer begreiflich sein, aber für eine marxistische Gruppe gibt es zu Zeiten der kapitalistischen Krise und ihrer schmerzhaften Nachwehen, zu Zeiten, in denen sich in ganz Europa rechte Parteien auf dem Vormarsch befinden und fremdenfeindliches sowie offen rassistisches Gedankengut immer weiter in die „Mitte“ der Gesellschaft vordringt, und nicht zuletzt zu Zeiten, in denen deutsche Soldaten und deutsches Kapital wieder in aller Herren Länder Krieg führen, tatsächlich wichtigere Betätigungsfelder als die nervenzehrende Auseinandersetzung mit ideologischen Zerfallsprodukten wie etwa der Lehre eines Tilman Tarach.

Mit Tilman Tarach und seiner Propagandaveranstaltung über den angeblichen „Sündenbock Israel“, immerhin in einem Hörsaal der Uni Tübingen, hat sich gezeigt, dass Tübingen gefährlich tolerant gegenüber neokonservativem und rassistischem Gedankengut ist. Reaktionären sollte in Tübingen keine Plattform geboten werden. Rechte Geschichtsverdreher haben die Gegnerschaft aller fortschrittlichen und antifaschistischen Menschen verdient. Egal, ob sie im linken Gewand daherkommen oder nicht! Sollte es tatsächlich das Bestreben der lokalen antideutschen Szene sein (und diese wird hier ausdrücklich nicht als ideologisch homogenes Subjekt begriffen), sich durch Auftritte wie dem von Tilman Tarach selbst weiter zu delegitimieren und ins Abseits zu befördern, so ist das grundsätzlich als dieser Ideologie inhärente Zersetzungstendenz zu begrüßen, wird aber nicht ohne unseren und den Widerstand anderer Linker und Antifaschist_innen vonstatten gehen!

Marxistische Aktion Tübingen


[1] vgl. z.B.: ILAN PAPPE, Die Ethnische Säuberung Palästinas, Zweitausendeins, Frankfurt a.M. 2007.

[2] Zum Beispiel zwischen November 2008 und Januar 2009 während der „Operation gegossenes Blei“. Besagte Militäroperation bestand in anhaltenden schweren Bombardements des Gazastreifens mit 1000-Kilo-Bomben, Luft-Boden-Raketen und Phosphorgranaten. Etwa 1500 Palästinenser_innen wurden dabei getötet, 950 davon Zivilisten, darunter 340 Kinder und 110 Frauen. Zur selben Zeit wurden drei Israelis durch Kassam-Raketen der Hamas getötet. Zehn Angehörige der IDF wurden in Kampfhandlungen getötet, mindestens die Hälfte durch „friendly fire“. Die genauen Daten sind nachzulesen im Goldstone-Bericht:

ABRAHAM MELZER Hrsg., Bericht der Untersuchungskommission der Vereinten Nationen über den Gaza Konflikt, Melzer Verlag/Semit Edition, Neu Isenburg 2010.

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