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Die zweite Stufe des Marxismus. Zum 85. Todestag von Lenin

Hans Heinz Holz

[In: Tageszeitung junge Welt, 17.01.09]

Selten kann man einen Epocheneinschnitt in der Geschichte so genau datieren: Der 1. August 1914, der Beginn des Ersten Weltkriegs, bezeichnet den Übergang von der ökonomischen Expansion des imperialistischen Kapitalismus zu seinen weltpolitischen Konsequenzen; es begann ein Jahrhundert der Kriege, der Revolutionen, der antikolonialen Befreiung und der allgemeinen Krise der bürgerlichen Gesellschaft – eine Periode, die noch nicht abgeschlossen ist. Dieses Datum ist es auch, an dem sich die politische Realität der Kapitalismuskritik entschied. Die, die Theorie des Marxismus nur als ein Phänomen des Überbaus, eben als Theorie, aufgenommen hatten und sie auch nur auf Institutionen des Überbaus – von der Sozialgesetzgebung bis zur Bildungsreform – anwenden wollten, ergriffen Partei für die Erhaltung und Reform der bürgerlichen kapitalistischen Gesellschaft. Sie versagten der elften Feuerbachthese von Marx die Gefolgschaft: Es komme darauf an, die Welt zu verändern.

Nadeshda Konstantinowna Krupskaja, Lenins Lebensgefährtin, berichtet aus diesen Tagen: »Die II. Internationale ist, besiegt vom Opportunismus, gestorben, erklärte Lenin. Es galt, die Kräfte zu sammeln, um eine neue, die III. Internationale, eine vom Opportunismus gesäuberte Internationale zu gründen.« Lenin hatte sofort erkannt, daß von nun an zwei Hauptfronten im internationalen Klassenkampf bestehen: Der Kampf für den Sturz der politischen, staatlichen Formen des Kapitalismus, die Revolution; und der Kampf gegen den Revisionismus, die Konterrevolution in den eigenen Reihen. »Der europäische Krieg bedeutet eine gewaltige historische Krise‚ den Beginn einer neuen Epoche. Wie jede Krise hat der Krieg die tief verborgenen Widersprüche verschärft und ans Tageslicht gebracht (…). Die II. Internationale (…) hat ihre historische Rolle ausgespielt und ist nun tot, besiegt durch den Opportunismus. (…) Die Internationale besteht darin, daß sich Menschen zusammenfinden (zunächst ideologisch, dann aber auch zu gegebener Zeit organisatorisch), die fähig sind, sich in der jetzigen schweren Zeit wirklich für den sozialistischen Internationalismus einzusetzen.« (LW 21, 87 f).

Gegen Opportunismus

Die Auseinandersetzung mit dem Revisionismus durchzieht Lenins Werk von Anfang an, früh schon in den politisch-polemischen Schriften »Was tun?« und »Zwei Taktiken der Sozialdemokratie« und in ökonomischer und philosophischer Grundlegung als Romantik-Kritik und als Kritik am Empiriokritizismus. Gleichzeitig mit den politischen Anforderungen, die durch den imperialistischen Krieg gestellt wurden, rückt der Revisionismus in die Stellung eines zweiten Zentralthemas, Am 7. Oktober 1914 schreibt Lenin in einem Brief an Schljapnikow: »Kautsky ist jetzt derjenige, der den meisten Schaden anrichtet. So gefährlich und niedertrachtig ist seine Sophistik, die mit den glattesten und öligsten Phrasen die Gemeinheiten der Opportunisten bemäntelt. Die Opportunisten sind ein klar erkennbares Übel. Das deutsche ›Zentrum‹ mit Kausky an der Spitze ist ein verstecktes, diplomatisch verbrämtes Übel, das Auge, Verstand und Gewissen der Arbeiter verkleistert, ist das allergefährlichste Übel. Unsere Aufgabe ist jetzt der bedingungslose und offene Kampf gegen den internationalen Opportunismus und seine Schirmherren.« (LW 35, 137) Der Brief enthält, wie Krupskaja vermerkt, »die kurze und klare Formulierung der Hauptpunkte der Kampflinie«.

Es ist eine merkwürdige Situation, in der Lenin sich befindet, zur Zurückhaltung im neutralen Exil verpflichtet, voll revolutionären Tatendrangs, der sich in Korrespondenzen und Vorträgen mitteilt, aufs äußerste konzentriert, einen theoretischen Begriff der neuen Situation zu erarbeiten. Eine Szene, die Krupskaja schildert, illustriert diese innere Spannung: »Die Erinnerung an diese Monate sind in meinem Gedächtnis verbunden mit den Erinnerungen an das Bild des Berner Herbstwaldes. (…) Mitunter saßen wir stundenlang an einem buschbewachsenen sonnigen Berghang. Lenin verfaßte die Konzepte für seine Reden und Artikel, präzisierte die Formulierungen, ich lernte Italienisch aus einem Toussaint- Langenscheidtschen Lehrbuch, Ines (Armand) nähte irgend etwas und ließ sich wohlig von der Herbstsonne bescheinen.«

Die philosophischen Studien Lenins nahmen viel Zeit in Anspruch. Mitten im Kriegsgewirr, in der Vorbereitung und Auswertung der Zimmerwalder Konferenz 1915, in der konzeptionellen Planung einer III. Internationale nimmt er sich diese Zeit. Er schreibt die kurze, konzise und mit der Philosophie beginnende Enzyklopädie- Abhandlung über Marx und studiert dafür Hegel, Aristoteles, Feuerbach. »Im Zusammenhang mit dem Kapitel über philosophischen Materialismus und Dialektik vertiefte sich Lenin wieder angelegentlich in das Studium Hegels und anderer Philosophen und gab auch nach Beendigung des Aufsatzes über Marx diese Arbeit nicht auf. Das Ziel seiner philosophischen Studien war, sich eine Methode zu eigen zu machen, die die Philosophie in eine konkrete Anleitung zum Handeln umgestalten konnte. (…) Kampf und Studium, Studium und wissenschaftliche Arbeit, das verband Lenin stets zu einem festen Ganzen.«

Die Lebensgefährtin sagt das Entscheidende: Politischer Kampf und wissenschaftliches Studium bildeten inhaltlich eine Einheit. In der vorrevolutionäen Phase, in der Marx und Engels schrieben, war die Erforschung und Erklärung der Sachverhalte, die Begründung der Prinzipien die revolutionäre Leistung. Das Bewußtsein der Arbeiterklasse mußte geformt, die dazu nötigen Kenntnisse bereitgestellt, der Grundriß einer wissenschaftlichen Weltanschauung gezeichnet werden. Nach 1848 gab es nur noch einmal Barrikaden, auf denen um die Revolution gekämpft wurde, in der Pariser Commune. Die eigentlichen Barrikaden waren die, auf denen die Waffen der Theorie plaziert wurden, die einmal die Massen ergreifen sollten.

Theorie und Praxis

Lenin sah 1914 den Zeitpunkt gekommen, die Massen mit der Theorie zu bewegen und die Theorie zur materiellen Gewalt werden zu lassen. War der Marxismus programmatisch und potentiell seit dem »Manifest« die Einheit von Theorie und Praxis, so wird er es nun aktuell als Kompaß der Revolution und Voraussetzung für den Aufbau des Sozialismus. Von Zimmerwald bis zur Oktoberrevolution arbeitet Lenin an der Gestaltung dieser neuen Phase des Marxismus als theoretisch begründete Strategie kommunistischer Politik, als Praxis. Schriften wie »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus« und »Staat und Revolution«, zuletzt noch »Über den streitbaren Materialismus« sind deren Marksteine.

Lenin findet in der Periodisierung der bürgerlichen Gesellschaft auch das Einteilungsprinzip der proletarischen Antithese: »Die erste Epoche, von der großen französischen Revolution bis zum deutsch-französischen Krieg, ist die Epoche des Aufstiegs und des vollen Siegs der Bourgeoisie. (…) Die zweite Epoche ist die Epoche der vollen Herrschaft und des Niedergangs der Bourgeoisie, die Epoche des Übergangs von der fortschrittlichen Bourgeoisie zum reaktionären und erzreaktionären Finanzkapital. Es ist dies die Epoche der Vorbereitung und langsamen Kräftesammlung seitens der neuen Klasse, der modernen Demokratie. Die dritte, eben erst anbrechende Epoche (…) ist die des Imperialismus und der imperialistischen wie auch der durch den Imperialismus ausgelösten Erschütterungen«. (LW 21, 135) Diese dritte Epoche der bürgerlichen Gesellschaft ist die zweite Phase des Widerspruchs in der und gegen die politische Form des Kapitalismus, die des Übergangs zur revolutionären Praxis.

Opportunismus und Revisionismus in der Sozialdemokratie der Industriestaaten, wo die Arbeiterklasse stark war, hatten eine Disproportion in der Entwicklung zur Folge: Einerseits das weitere Wuchern des Finanzkapitals bis hin zu seinen faschistischen Herrschaftsformen; andererseits den Beginn mit dem Aufbau des Sozialismus in der dafür noch nicht gereiften ökonomischen Situation der Sowjetunion. Lenin erkannte schon früh, daß dies die gefährlichste Schwachstelle in der sozialistischen Bewegung ist: »Die Opportunisten sind bürgerliche Feinde der proletarischen Revolution, die sich in Friedenszeiten in den Arbeiterparteien einnisten und ihre bürgerliche Arbeit im geheimen verrichten, sich in Krisenepochen aber sofort als offene Verbündete der gesamten vereinigten Bourgeoisie erweisen – von der konservativen bis zur radikalsten und demokratischsten, von der freigeistigen bis zur religiösen und klerikalen. Wer diese Wahrheit nach den Ereignissen, die wir erleben, noch nicht begriffen hat, der betrügt hoffnungslos sich selbst und die Arbeiter.« (LW 21, 99) Es klingt, als wären diese Worte ein halbes Jahrhundert später geschrieben. Geschichte wiederholt sich doch, wenn auch in verschiedenen Kulissen und Kostümen.

Die größten Niederlagen fügt sich die Arbeiterbewegung selbst zu; Lenin war Realist genug, dies vorauszusagen. Aber er war auch Kämpfer genug, hinter den Niederlagen die geschichtliche Kraft des Wiederaufstiegs zu sehen. In einer bewegenden Charakteristik von Lenins Persönlichkeit schreibt Lunatscharski, oft Lenins Kontrahent, doch immer sein Bewunderer: »Wladimir Iljitsch hielt es für möglich, daß Kommunisten Fehler begehen können, daß sich die allgemeinen Umstände gegen sie wenden, aber einen Sieg der Feinde hielt er nie für möglich. (…) Das Schönste, was wir alle unseren Kindern und Enkelkindern wünschen können, ist ja, in dieser Hinsicht so viel wie möglich dem großen Vorbild Lenins nachzueifern.«

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