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Im Gedenken an den Genossen Josef Eisenbauer, Kommunist, Antifaschist und Freiwilliger in den Interbrigaden im Spanischen Bürgerkrieg – am 10. Dezember im Alter von 94 Jahren verstorben.

Am 17. Juli 1936 erhebt sich von Nordafrika aus die faschistische Militärrevolte unter Führung General Francos gegen die junge Spanische Republik. Etwa die Hälfte des spanischen Territoriums fällt in die Hände der Faschisten. Im übrigen Spanien wird der Putsch durch mutige Aktionen der linken Kräfte und der organisierten Arbeiter_innenschaft niedergeschlagen. In Madrid und Barcelona gehen Zigtausende auf die Straße. Spontan bilden sich Milizen und Kampftrupps. Barrikaden werden errichtet, Frontlinien notdürftig befestigt, Fabriken besetzt und Waffen an die Bevölkerung ausgegeben. Das Land befindet sich im Bürgerkrieg. Hitler und Mussolini sichern Franco ihre Unterstützung zu. Die Spanische Republik bleibt vorerst ganz auf sich allein gestellt. Damit ist der Vorabend des blutigsten Kapitels der Geschichte Europas und der Welt unweigerlich angebrochen.

„Alarm! Zu den Waffen! Werktätige, Antifaschisten, werktätiges Volk! Jugend, Alarm! Auf zum Kampf! Frauen, heldenhafte Frauen des Volkes! Seid alle bereit zur Tat! Jeder Arbeiter, jeder Antifaschist muss sich als mobilisierter Soldat betrachten! Es lebe die Volksfront! Es lebe das Bündnis aller Antifaschisten!“ (Rundfunkrede von Dolores Ibárruri, In: „Wir werden siegen“, Moskau 1937, S. 43f). Mit diesen eindringlichen Worten riefen die spanischen Kommunist_innen im Juli 1936 in einer Rundfunkrede zum erbitterten Widerstand gegen die Konterrevolution auf. Bald war das Echo dieses Aufrufs in alle Winkel Europas und der Welt vorgedrungen. Beantwortet wurde er mit unzähligen Solidaritätsbekundungen. Geheime Flugblätter wurden gedruckt, Untergrundzeitungen begannen zu zirkulieren, Versammlungen wurden abgehalten, Netzwerke wurden aufgebaut, Solidaritätskomitees bildeten sich. Wo dies noch möglich war organisierte man riesige Kundgebungen und Demonstrationen. Aber es sollte nicht bei bloßen Worten bleiben. Gewerkschaften und Parteien organisierten Sammelkampagnen, Geld und Hilfsgüter wurden auf den Weg in Richtung Spanien geschickt. Viele Tausende folgten dem Aufruf zur „Solidarität mit dem um seine Freiheit kämpfenden spanischen Volke“ (ZK der KPD im August 1936). Nach und nach fanden sich immer mehr Freiwillige ein, die bereit und entschlossen waren, dieser Solidaritätsbekundung auch mit dem Gewehr in der Hand Rechnung zu tragen.

„Nicht zu jung um zu kämpfen!“

Josef Eisenbauer aus Wien, damals gerade 19 Jahre alt, gehörte zu jenen mutigen Menschen, die weder bereit waren, sich ins Exil zu flüchten, noch, dem Vormarsch der faschistischen Mächte in ganz Europa tatenlos zuzusehen. Ihm war zu Ohren gekommen, dass Internationale Brigaden zur Verteidigung der Republik aufgestellt werden sollten. Zusammen mit zwei Genossen machte sich der junge Kommunist im November 1936 auf die schwierige und gefährliche Reise in den Süden. „Zu dieser Zeit hatte uns der Austrofaschismus alles genommen. Er hat uns unserer Jugend beraubt“, wie Eisenbauer im April 2009, bereits 92-jährig, einem Reporter des Neuen Deutschland berichtete. „Ich war damals im Kommunistischen Jugendverband und wir waren rot bis an die Zähne“. Über Paris gelangte die Gruppe schließlich nach Albacete, dem zentralen Sammelpunkt der internationalen Freiwilligen, und meldete sich zu den Interbrigaden. Zunächst hatte man ihnen gesagt, sie seien noch nicht alt genug und zu unerfahren, aber sie beharrten auf ihrem Vorhaben: „Wir sind nicht zu jung zum kämpfen!“. Nach einer kurzen Grundausbildung an den völlig veralteten Waffen wurden sie an die Front geschickt. „Wir waren meist unterlegen und von einer 30-köpfigen Gruppe kamen oft nur drei oder vier Männer zurück. [...] Wir sind nach Spanien gegangen, um zu kämpfen. Die Internationalen Brigaden wurden immer dort eingesetzt, wo es brannte. Alle rechneten fest damit, nicht in ihre Heimat zurückzukehren.“Eisenbauer als Brigadist in Spanien

Die Interbrigaden waren bei Ausbruch des Krieges in aller Eile mit Hilfe der Komintern und unter Federführung der PCE (Kommunistische Partei Spaniens) aufgebaut worden. Bald gehörten sie zu den wichtigsten und schlagkräftigsten Einheiten innerhalb der Republikanischen Armee. In ihren Reihen kämpften Antifaschist_innen aus aller Herren Länder, aus Frankreich, Deutschland, Italien, Österreich, Ungarn, den USA, Belgien, Palästina und vielen mehr. Es kamen Arbeiter_innen, Schriftsteller_innen Journalist_inen Mediziner_innen und Intellektuelle.  Die einen um mit der Waffe, die anderen um mit Stift oder Skalpell zu helfen. Viele von ihnen waren aus ihrer Heimat vertrieben worden, hatten ihre Freunde und Familien an den Naziterror verloren oder waren selbst nur mit letzter Not aus den Lagern und Gefängnissen der Nazis geflohen. Ihre Batallione trugen die Namen von Revolutionären, und vergangenen Schlachten. Es gab eine Centuria Thälmann, ein Batallion Edgar André und eine Einheit namens Commune de Paris. Es waren diese Freiwilligen Interbrigadisten, mit deren Hilfe es gelang, in der ersten Kriegsphase die verheerenden Angriffe der an Technik und Truppenstärke weit überlegenen faschistischen Armee auf Madrid und andere Frontabschnitte abzuwehren. Die erste große Niederlage, die den Faschisten in der Schlacht von Guadalajara zugefügt wurde, ist dem Einsatz der Batallione der Internationalen Brigaden zu verdanken. Auch Josef Eisenbauer war an den Kämpfen in Guadalajara beteiligt.

Während Franco offen politisch, finanziell und vor allem militärisch durch die Nazis und die italienischen Faschisten unterstützt wurde, betrieb der Rest der Welt eine Nichteinmischungspolitik, die Franco einen entscheidenden Vorteil verschaffte und den Widerstand der Republikaner erheblich schwächte. Waffenlieferungen wurden an der französischen Grenze aufgehalten, die großen Häfen wurden von der See her blockiert. Einzig die Sowjetunion und Mexiko kamen dem republikanischen Spanien zur Hilfe. Diese äußerst schwierige Situation machte den Einsatz der internationalen Freiwilligen umso wichtiger und wertvoller.

Der Kampf an der Seite der Republikaner hatte nicht hauptsächlich die Verteidigung einer Nation und ihrer jungen Demokratie gegen die gnadenlose Konterrevolution zum Ziel, sondern er war getragen vom Prinzip der internationalen Solidarität. Die Kämpfer in Spanien wussten um die unbedingte Notwendigkeit, die Freiheit und das Leben gegen die faschistische Unterdrückungs- und Vernichtungsmaschine zu verteidigen. Es bestand kein Zweifel daran, dass in Spanien ein blutiger Klassenkampf ausgetragen wurde. Die ehemals herrschende Klasse war bereit, sich ihre Macht und ihre Privilegien mit aller notwendigen Gewalt zurückzuerobern. Francos erklärtes Ziel war es, alle fortschrittlichen Kräfte niederzuschlagen, alles Moderne auszulöschen, die Grabesstille herzustellen, die es brauchte, um das alte Spanische Imperium wieder aufzurichten. Die Freiwilligen waren nach Spanien gekommen, um an der Seite der Unterdrückten gegen die Unterdrücker zu kämpfen, unabhängig von Hautfarbe, Herkunft, Glaube oder Geschlecht. Es galt dem Faschismus alle vorhandenen Kräfte entgegenzuwerfen. In der Zeit von Oktober 1936 bis Oktober 1938 waren insgesamt 40.000 Interbrigadisten nach Spanien gekommen. Mehr als die Hälfte von ihnen ließ dort ihr Leben.

Auf internationalen Druck hin, vor allem von Seiten Frankreichs und Englands, wurde die Republik 1938 gezwungen, die internationalen Verbände aufzulösen. Nur wenige Monate später brachen die Verteidigungslinien endgültig zusammen und Katalonien fiel als letzte Provinz in die Hände der Faschisten. Die Verbundenheit der Menschen in Spanien mit den internationalen Freiwilligen und ihrem Kampf drückt sich in einer Dankesrede aus, die Dolores Ibárruri, auch bekannt als La Pasionaria (PCE, Delegierte in der Komintern, Urheberin der Parole No Pasarán), im September1938 in Barcelona zum Abschied der Interbrigadisten hielt.

Auf baldiges Wiedersehen, Brüder!“

„Ein Gefühl der Qual, unendlichen Schmerzes schnürt unsere Kehlen zusammen [...] über die, die weggehen, Soldaten des höchsten menschlichen Ideals, Verbannte aus ihrem Vaterland, verfolgt von den Tyrannen aller Völker… Schmerz über die, die für immer hier bleiben, die in unserer Erde ruhen und die im tiefsten unseres Herzens [...] durch das Gefühl unserer ewigen Dankbarkeit weiterleben.

Ihr kamt hierher zu uns [...] als unsere Brüder [...], und in den härtesten Tagen unseres Krieges, als die Hauptstadt der Spanischen Republik bedroht war, wart ihr es, tapfere Kameraden der Internationalen Brigaden, die ihr dazu beigetragen habt, sie durch eure Kampfbegeisterung, euren Heldenmut und Opfergeist zu retten. [...]

Kommunisten, Sozialisten, Anarchisten, Republikaner, Männer verschiedener Hautfarbe, verschiedener Ideologien und gegensätzlicher Religionen, die aber alle innig in die Freiheit und Gerechtigkeit lieben, kamen hierher, um sich uns bedingungslos anzuschließen.

Sie gaben uns alles, ihre Jugend oder Reife, ihr Wissen und ihre Erfahrung, ihr Blut und ihr Leben, ihre Hoffnungen und Wünsche… und von uns verlangen sie nichts. Das heißt, doch, sie wollten einen Platz im Kampfe. [...]

Mütter! Frauen! Wenn die Jahre vergehen und die Wunden des Krieges verheilen [...] sprecht zu euren Kindern, erzählt ihnen von diesen Männern der Internationalen Brigaden.

Erzählt ihnen, wie sie Meere und Berge überquert haben, wie sie über bajonettstarrende Grenzen kamen, die von wütenden Hunden bewacht wurden, die ihre Zähne in sie einkrallen wollten, wie sie in unser Vaterland als Bannerträger der Freiheit kamen, um für die Freiheit und Unabhängigkeit Spaniens, die vom deutschen und italienischen Faschismus bedroht waren, zu kämpfen und zu sterben. Sie verließen alles: Liebe, Vaterland, Heim, Glück, Mutter, Frau, Geschwister, Kinder, und kamen zu uns, um uns zu sagen: ‚Hier sind wir! Eure Sache, die Sache Spaniens, ist unsere Sache, sie ist die Angelegenheit der gesamten fortschrittlichen Menschheit’.

Heute gehen sie; viele Tausende bleiben hier und haben als letzte Hülle die Erde Spaniens über sich [...].“

(In: Dolores Ibárruri, „Brigades Internacionales“, Octubre 1936 – Octubre 1938.)

Abschied der Interbrigadisten, Barcelona 1938

Die Zeitzeugen berichten, die ganze Stadt sei an diesem Tag im September auf der Straße gewesen, um den Internationalen ihren Dank und Arme voll Blumen mit auf den Weg in ihre abermals ungewisses Schicksal zu geben. In einem langen Tross überquerten sie die Grenze nach Frankreich. Der Großteil von ihnen wurde dort zunächst interniert und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Viele fanden später unter dem Vichy-Regime ihren Weg in die KZs der Nazis. Darunter einer der beiden Freunde, die mit Josef Eisenbauer 1936 in Wien aufgebrochen waren. Er wurde nach Dachau gebracht, überlebte aber und traf seinen ehemaligen Kampfgefährten Jahre später in Wien wieder. Andere ließen ihr Leben in Auschwitz. Jene die dem Lagerschicksal entgehen konnten, schlossen sich in großer Zahl der französischen Résistance an und führten ihren Kampf im Untergrund fort. Wieder andere halfen mit ihrem Mut, ihrem Wissen und ihrer Kampferfahrung dabei, Partisanengruppen (Maquis) aufzubauen und die Besatzungsmacht im Hinterland anzugreifen und zu sabotieren. Manche, denen rechtzeitig die Flucht in die Sowjetunion geglückt war, schlossen sich bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges dort der Roten Armee an, um dem Faschismus, der in Spanien gesiegt hatte, hier endlich ein Ende zu setzen. Viele Spanier und ehemalige Interbrigadisten fielen an der russischen Front im Kampf gegen die Wehrmacht, unter ihnen der Sohn von Dolores Ibárurri. Er wurde im Winter 1942 in der Schlacht um Stalingrad getötet. Nach 1945 rührten die Alliierten, anders als von den überlebenden spanischen Republikanern gehofft, nicht an Francos Herrschaft. Die Westmächte waren eher bereit ein faschistisches Regime tolerieren, als das Risiko eines Linksrucks westlich der Demarkationslinie einzugehen. Einige Jahre lang wurde in Spanien der bewaffnete Kampf gegen den Faschismus im Untergrund fortgeführt. Aufgrund fehlender Unterstützung und der immer aussichtsloseren weltpolitischen Lage mussten die letzten Guerillaeinheiten 1952 ihren Kampf einstellen. Danach legte sich bis zu Francos Tod endgültig das Schweigen der Massengräber und Foltergefängnisse über das Andenken an die Zweite Republik und die Freiwilligen, die sie gegen die Tyrannei zu verteidigen versuchten.

Gegen das Vergessen!

Josef Eisenbauer war 1938 verwundet worden und musste in ein Lazarett nach Frankreich evakuiert werden. Von dort aus wurde er mit einem Invalidentransport in die Sowjetunion verbracht, wo er bald als Politkommissar und Dollmetscher in der Roten Armee eingesetzt wurde. Er gehörte zu den Wenigen, die nach 1939 auch noch die Schrecken des Zweiten Weltkrieges überstanden hatten und konnte 1945 in seine Heimatstadt Wien zurückkehren.

Bis ins hohe Alter kämpfte er unermüdlich gegen das Vergessen. Auf zahlreichen Vorträgen, vor Schüler_innen und Student_innen, vor Journalist_innen und Filmkameras, berichtete er immer wieder von seinen Erlebnissen in Spanien. Er wurde nicht müde, an jene zu erinnern, die nicht wie er heimgekehrt waren. Es war ihm ein großes Anliegen, junge Leute über die Barbarei des Faschismus aufzuklären und sie vor dieser menschen- und lebensfeindlichen Ideologie zu warnen.

Ende Januar wäre er zu uns nach Tübingen gekommen, um im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltung mit der VVN-BdA als Zeitzeuge von seinen Erlebnissen im Spanischen Bürgerkrieg zu berichten.

Am 19. Dezember erreichte uns schließlich die Nachricht seines plötzlichen Todes. Er ist am 10. Dezember im Alter von 94 Jahren in seiner Heimatstadt Wien verstorben. Wir wollen hiermit unsere aufrichtige Trauer und Betroffenheit über diesen plötzlichen Verlust zum Ausdruck bringen und seinen Freund_innen und Hinterbliebenen unser herzliches Beileid aussprechen.

Als Antifaschist_innen betrachten wir es als unsere Pflicht und unsere Aufgabe, die Erinnerung an Menschen wie Josef Eisenbauer – an ihren Mut, ihre Konsequenz und ihre Entschlossenheit – lebendig zu halten und weiter zu tragen. Ihrem Andenken sehen wir uns verpflichtet!

Hoch die internationale Solidarität!

No Pasarán!

Marxistische Aktion Tübingen

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