Lesekreis

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Heute jährt sich zum 78. Mal der Mössinger Generalstreik gegen die Machtergreifung Hitlers am 31. Januar 1933. Damals hatten sich Arbeiterinnen und Arbeiter der Textilindustriebetriebe der schwäbischen Kleinstadt unter Führung der KPD in der Antifaschistischen Aktion zusammengeschlossen und zum Massenstreik gegen die Machtübertragung an die Nazis aufgerufen. Leider blieb das entschlossene Vorgehen der organisierten Mössinger Arbeiterschaft einzigartig in Deutschland. Der Streik wurde durch eine aus der nahe gelegenen Stadt Reutlingen beorderten Einheit der Bereitschaftspolizei niedergeschlagen, die “Rädelsführer” der Aktion am Folgetag verhaftet. Einige dieser mutigen Menschen mussten wegen ihrer Widerstandstätigkeit mehrere Jahre in Nazizuchthäusern absitzen und hatten während des gesamten Zeit der NS-Herrschaft unter den Schikanen und ständigen Drohungen des faschistischen Macht- und Repressionsapparats zu leiden. Und auch nach der militärischen Niederlage des deutschen Faschismus war für viele von ihnen die Zeit der politischen Repression nicht vorbei. Vom KPD-Verbot 1956 waren auch die Mössinger Streikführer von 1933 betroffen, die für ihre antifaschistischen Überzeugung Kopf und Kragen riskiert hatten. Sie hatten die Kriegswirren und den Naziterror überlebt um nun in der BRD im Namen der “freiheitlich demokratischen Grundordnung” daran gehindert zu werden, ihren politischen Kampf für die Befreiung der Menschen und gegen Ausbeutung und Unterdrückung weiterzuführen.

Nun haben in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar antifaschistische Aktivist_innen mit einer Plakataktion an das mutige Vorgehen der Mössinger Arbeiter_innenschaft vor 78 Jahren erinnert.
An den Hallen der Pausa-Werke, in denen der Streik damals ausgerufen wurde, sowie an dem nach einem der Streikführer benannten Jakob-Stotz-Platz wurden großflächig Plakate mit dem historischen Streikaufruf und Informationen zu den Ereignissen von 1933 angebracht.
“Dem Beispiel und dem Andenken dieser mutigen Menschen und ihrer vielen namenlosen Mitstreiter_innen sehen wir uns verpflichtet – Der Widerstand bleibt unvergessen!” heißt es auf einem Plakat, das die wichtigsten Akteure des Mössinger Widerstands, Jakob Stotz, Jakob Textor und Herrmann, Paul und Eugen Ayen mit ihren jeweiligen Schicksalen und Lebensgeschichten vorstellt. Unterzeichnet sind die Plakate mit “Revolutionäre Antifaschist_innen”.

Seinen Ruf als rote Hochburg mitten in der schwäbischen Provinz hat Mössingen längst verloren. Vielmehr ist seine Geschichte in den vergangenen Jahrzehnten von politischen Konservatismus und kleinbürgerlicher Grabesstille geprägt. Das Gedenken an die aufmüpfige und bisweilen revolutionäre Vergangenheit der Stadt wurde von der lokalen Politik bis 2003, als die VVN-BdA eine Großdemonstration zum 70. Jahrestag des Generalstreiks organisierte [Anm.: eine tatsächliche Großdemonstration gab es 83 zum 50-jährigen Jubiläum. 2003 gab es lediglich eine Veranstaltung mit dem Tübinger Literaturprofessor Wertheimer], systematisch be- und verhindert (siehe Bericht in den Antifa-Nachrichten). So wurde das Anbringen einer Gedenktafel am Ausgangsort der Streikdemonstration vom Bürgermeister der Gemeinde damals kurzerhand untersagt. Das Thema sei “zu heikel”. Vom konsequenten Antifaschismus, geschweige denn vom Kommunismus, will man hier im Kleinstadtidyll nichts wissen und am liebsten nie etwas gewusst haben. Um so begrüßenswerter sind antifaschistische Eigeninitiativen, deren Anliegen es ist, die Erinnerung an jene mutigen Menschen aufrecht zu halten, die damals unter so hohem persönlichen Risiko für die Freiheit gekämpft haben, anstatt, wie so viele andere, zu schweigen oder in den “Heil Hitler!” Jubel mit einzustimmen.

Die zahlreichen migrantischen Familien, die vor allem in den 70er Jahren als Gastarbeiter_innen, zu großen Teilen aber auch als Kriegsflüchtlinge nach dem Nato-Überfall auf Jugoslawien, in die Region gekommen sind, leben weitgehend isoliert und perspektivlos im Stadtteil Bästenhardt. Ihre Integration wurde nie befördert und war politisch nie gewollt. Sie sollten in der einzigen Plattenbausiedlung der Gemeinde unter sich bleiben und so bald wie möglich wieder in ihre “Heimat” zurückkehren. In den Teilortschaften um Mössingen, darunter allen voran Talheim, fällt rechtes Gedankengut vor allem bei der Dorfjugend nach wie vor auf fruchtbaren Boden. Immer wieder kommt es zu rassistischen Pöbeleien, zu Hakenkreuzschmierereien, und anderen Vorfällen. In nicht wenigen Haushalten besagter Ortschaft gehört es zum guten Ton, am “Volkstrauertag” und am “Führergeburtstag” Kerzen ins Fenster zu stellen und die Sonntagskleider aus dem Schrank zu holen.

Es gibt also viel zu tun in Mössingen und Umgebung. Das Gedenken an die Kämpfer_innen von gestern hat nur einen Sinn, wenn es den Kämpfen von heute und morgen gewidmet ist!

In diesem Sinne: Nie wieder Faschismus !Gegen das Vergessen!

Plakat 1:
(übereinstimmend mit dem Aufruf zum Mössinger Generalstreik gegen Hitler am 31. Januar 1933)

MASSENSTREIK!
Hitler Reichskanzler!
Der Reichspräsident Hindenburg, der Präsidentschaftskandidat der SPD, Reichbanner – und Gewerkschaftsführer, hat seinen „Gegner“ Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt.
Hitler hat eine Regierung der faschistischen Konterrevolution gebildet.

Diese Regierung wird mit allen Mitteln des faschistischen Terrors unter Einsatz der SA-Mordkolonnen und des Stahlhelm versuchen, den Widerstand der Arbeiter- klasse zu brechen und den Weg der offenen faschistischen Diktatur zur Rettung des bankrotten Kapitalismus gehen. Die Grundlage der Einigung zwischen Nazis, Deutschnationalen und Stahlhelm ist: Ausnahmezustand und Verbot der Kommunistischen Partei und der revolutionären Waffenorganisationen. [...]

Die Kommunistische Partei ruft die Arbeiterklasse, die Angestellten und Beamten, die Mittelständler, Kleinbauern zur machtvollen Entfaltung der Anti- faschistischen Aktion, zum entschlossenen Widerstand. Noch dringender, mahnender, der ganzen ungeheuerlichen Reichweite der kommenden Ereignisse für das weitere Schicksal des deutschen Proletariats bewußt, widerholen die Kommunistische Partei und die RGO [Revolutionäre Gewerkschafts Opposition] ihr schon am 20. Juli vorigen Jahres gemachtes Einheitsfrontangebot an die Sozialdemokraten und freigewerkschaftlichen Arbeiter und unteren Organisationen, an die parteilosen und christlichen Arbeiter zum gemeinsamen und entschlossenen Handeln gegen die faschistische Reaktion und ihre staatsstreichlerischen Pläne. Wir rufen die Belegschaften der Betriebe zum Massenstreik heraus, die gewaltige Offensivkraft der Betriebe zu verbinden mit den Massenkämpfen der millionenfachen Erwerbslosenarmee.

Ihr SPD-Arbeiter und Klassengenossen in den Gewerkschaftsverbänden, ihr unteren Organisationen der SPD [...] in den Betrieben, in den Verbänden, in den Arbeitervierteln, in den Stadtteilen und Ortsverwaltungen ! Wir sind bereit Schulter an Schulter im engsten Klassenbündnis mit euch allen den drohenden Schlag des Faschismus durch den kühnen Gegenschlag mit der Waffe des Massen- streiks zu beantworten. [...]

Plakat 2:
WER WAREN EIGENTLICH…

Jakob Stotz (1899-1975)?
Am 31. Januar 1933 streikten die Mössinger Arbeiter_innen gegen die Übertragung der Macht an Hitler und die NSDAP. Jakob Stotz war der Verantwortliche und Anführer dieser mutigen Aktion und marschierte an der Spitze des Demonstrationszuges. Während seiner Lehre hatte er sich der KPD angeschlossen und übernahm Ende der 20er Jahre führende Positionen in der Mössinger Arbeiter_innenbewegung. Als überzeugter Kommunist und Antifaschist vertrat er die Ansicht, man müsse eine Einheitsfront bilden und mit allen verfügbaren Kräften gegen die faschistische Diktatur ankämpfen.

Wie alle seine Genoss_innen war Jakob Stotz bereit, für sein politisches Engagement gegen den Kapitalismus und die faschistische Herrschaft und für die soziale Revolution, ein hohes persönliches Risiko auf sich zu nehmen. Wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilten ihn die Nazis zu 2 ½ Jahren Gefängnis.

Jakob Textor (1908-2010)?
Jakob Textor wurde als Sohn eines Maurers und einer Fabriknäherin in Mössingen geboren und war schon in jungen Jahren politisch aktiv. Er engagierte sich in den Arbeiter-Sportvereinen und war bei seinen Genoss_innen bald bekannt für seine waghalsigen Aktionen. Bei den Reichtagswahlen 1932 kletterte er heimlich auf den Schornstein der Pausa-Werke und hisste dort eine Rote Fahne mit Hammer und Sichel. Ein Jahr später malte er nachts die antifaschistische Parole “Wer Hitler wählt, wählt Krieg!” an eine Wand in Mössingen. Als Malermeister hatte er das rote Transparent angefertigt, welches am 31. Januar 1933 von den Streikenden durch die Stadt getragen wurde. Auch er ging an der Spitze des Demonstrationszuges.

Auch nachdem er wegen seiner Teilnahme am Mössinger Generalstreik 8 Monate im Gefängnis gesessen hatte, wollte Jakob Textor seinen politischen Kampf nicht aufgeben. 1934 wurde er beim Verteilen Anti-faschistischer Flugblätter erwischt. Jakob Textor gehört zu den vielen Tausend Antifaschist_innen, für die die politische Repression mit Ende der Naziherrschaft nicht vorbei war – 1956 wurde seine Partei, die KPD, in der Bundesrepublik verboten.

Herrmann, Paul und Eugen Ayen?
Herrmann Ayen und seine Söhne Paul und Eugen waren in allen Bereichen der Mössinger Arbeiter_innenbewegung aktiv und beteiligten sich am Widerstand gegen die Nazis und dem Generalstreik. Alle drei verbrachten mehrere Jahre in Nazigefängnissen. Paul gehörte dem Kampfbund gegen den Faschismus an und meldete sich 1936 freiwillig zu den Internationalen Brigaden, um in Spanien gegen den Franco-Faschismus zu kämpfen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren Hermann und seine Söhne als Kommunisten weiterhin politischer Repression ausgesetzt.

Dem Beispiel und dem Andenken dieser mutigen Menschen und ihrer vielen namenlosen Mitstreiter_innen sehen wir uns verpflichtet!

Der Widerstand bleibt unvergessen!
Revolutionäre Antifaschist_innen

Informationen zum Mössinger Generalstreik:

- Hans-Joachim Althaus (Herausgeber) u.a.: „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier – Das rote Mössingen im Generalstreik gegen Hitler. Geschichte eines schwäbischen Arbeiterdorfes“; Rotbuch-Verlag Berlin 1982.
- Gertrud Döffinger, Hans-Joachim Althaus: „Mössingen. Arbeiterpolitik nach 1945“; TVV-Verlag Tübingen 1990. (Das Buch erschien in der Reihe „Studien & Materialien“ des Tübinger Ludwig-Uhland-Instituts für empirische Kulturwissenschaft im Auftrag der Tübinger Vereinigung für Volkskunde e.V. (TVV) und beschäftigt sich mit den Folgen des Mössinger Generalstreiks für die Mössinger (Arbeiter-)Politik.)

http://tuebingen.vvn-bda.de/links/
http://www.cityinfonetz.de/das.magazin/2003/05/artikel6.html
http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%B6ssinger_Generalstreik

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