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Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Sozialismus

NEUAUFLAGE: Aktualisiert und erweitert – August 2011
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Einleitung:

„Wir erleben, erschüttert und verwirrt, das Scheitern beim Aufbau der sozialistischen Gesellschaften. Der Sozialismus, den wir von der Utopie zur Wissenschaft entwickeln wollten, scheint sich als eine bloße Utopie zu erweisen, die vor der Wirklichkeit – zumindest vor der Wirklichkeit unserer Zeit – nicht standhält.“

So beginnt die Einleitung zu einem Essay des marxistischen Philosophen Hans Heinz Holz, der sich mit der Frage nach philosophisch-politischen Perspektiven des Marxismus nach den welthistorischen Ereignissen von 1989-1991 auseinandersetzt. „Ist“, so fragt Holz weiter, „wie manche meinen, die Lehre von Marx, Engels und Lenin durch die Verwirklichung dementiert, die ihr zuteil geworden ist? Brauchen wir, allenfalls, einen Sozialdemokratismus ohne Marx und die Theorietradition, die an ihn anknüpfte?“[1]. Diese Schrift verfolgt nun das Ziel, eine Antwort auf solcherlei Fragen zu geben und gleichzeitig in das Denken der Klassiker des Marxismus, also in erster Linie Marx, Engels und Lenin, einzuführen. Das muss selbstverständlich ohne den Anspruch geschehen, dem Tiefgang und der Vielschichtigkeit dessen, was man als Marxismus bezeichnen kann, auf knapp 70 Seiten auch nur annähernd gerecht werden zu können. Diese Seiten sollen und können nicht ein selbstständiges Studium des Marxismus in seinen zahlreichen Facetten ersetzen: Sie ersetzen nicht die Lektüre der Marxschen Ökonomietheorie, seines dreibändigen Hauptwerks „Das Kapital“. Sie ersetzen nicht die wissenschaftliche Überprüfung der marxistischen Geschichts- und Gesellschaftsauffassung durch Anwendung auf die historischen Tatsachen. Und natürlich und vor allem kann der praktische und kollektive Einsatz für eine grundsätzlich andere Gesellschaft, für den Sozialismus, nicht durch einführende Broschüren ersetzt werden. Diese Broschüre kann aber sehr wohl Interesse wecken, zum eigenständigen Nachdenken anregen, das analytische Instrumentarium zum Verständnis der Realität bereichern und den Blick auf unsere Gesellschaft aus einer Perspektive eröffnen, die sich in der heutigen Zeit keiner großen Beliebtheit mehr erfreut.

Immanuel Kant war kein Sozialist, aber er war einer der großen Denker der Aufklärung, deren Kerngedanken er damit benannte, „sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“[2]. Wenn sich die großen Philosophen der Aufklärung gegen die Herrschaft des Dogmas über Vernunft und Wissenschaft sowie gegen geburtsrechtlich überkommene Rechts- und Herrschaftsansprüche wandten, so gilt den meisten Bewohner_innen der entwickelten Länder heute eine Zeit gekommen, in der die Vernunft regiert – die Herrschenden seien demnach reine Repräsentant_innen der Volkssouveränität und müssten sich in demokratischen Systemen dem Willen der Mehrheit beugen. Nach langen Jahrhunderten des gesellschaftlichen Stillstands im Mittelalter und dem „Nicht-Funktionieren“ und schlussendlichen „Zusammenbruch“ des Sozialismus scheint diesen Auffassungen zufolge nun eine Wirtschafts- und Gesellschaftsform (der moderne Kapitalismus und die parlamentarische Demokratie) erreicht zu sein, die der „Natur des Menschen“ angemessen ist, die „Wohlstand“ und „Freiheit“ schafft und so letztendlich den Interessen aller dient. Die Widerlegung und Überwindung solcher Vorstellungen war das Lebenswerk von Karl Marx.

Für die heutige bürgerliche Rechte war Marx ein Vertreter irrelevant gewordener Irrlehren auf den Gebieten der Ökonomie, Soziologie und Geschichtsphilosophie und zudem mitschuldig an den „kommunistischen Verbrechen“ im 20. Jahrhundert. Für die bürgerliche Linke war Marx ähnlich wie Jesus der tragische Prophet eines für immer gescheiterten Menschheitstraums vom würdigen Leben aller Menschen, den man bestenfalls noch als Moralphilosophen und Bereicherung der bürgerlichen Kultur gebrauchen kann. Ähnliche Schicksale teilen die geistigen Erben von Karl Marx: Bertolt Brecht ist in linksliberalen Kreisen gern gesehen als scharfzüngiger Kritiker bestimmter Phänomene der bürgerlichen Gesellschaft und großer Lyriker, aber nicht als das, was er war, nämlich ein revolutionärer Feind dieser Verhältnisse. Schostakowitsch war ein großer Komponist, dass er aber außerdem ein Kommunist war und diesem Umstand in seiner Musik Ausdruck zu verleihen suchte, interessiert nicht. Ähnliches gilt für Künstler wie Mikis Theodorakis, Pablo Neruda, Peter Hacks oder Pablo Picasso. Was Marx und die Marxisten für die sozialistische Linke bedeuteten und heute noch bedeuten, soll Gegenstand dieser Seiten sein.

Was ist nun überhaupt Marxismus?

Lenin, einer der größten Denker (und Praktiker) der sozialistischen Arbeiterbewegung, schrieb in einem berühmten Kurzaufsatz, der Marxismus entspringe aus drei geistesgeschichtlichen Quellen, denen drei seiner Bestandteile entsprechen würden[3]. Eine Quelle sei die deutsche Philosophie vor Marx und Engels, als deren Vertreter insbesondere Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Ludwig Feuerbach zu nennen wären. Der daraus entwickelte Bestandteil des Marxismus sei die materialistische Dialektik und der Historische Materialismus. Was Historischer Materialismus und Dialektik sind, warum sie eine wissenschaftliche Revolution darstellen und warum sie für die Frage der sozialistischen Revolution von Bedeutung sind, soll im ersten und zweiten Kapitel dieser Schrift erläutert werden. Die zweite Quelle sind für Lenin die Leistungen der britischen Klassischen Schule der Nationalökonomie, vor allem Adam Smith und David Ricardo. In Weiterentwicklung der Werttheorie von Smith und Ricardo stellte Marx sein äußerst komplexes System der Kritik der Politischen Ökonomie auf, das noch heute die unverzichtbare theoretische Grundlage jedes linken Ökonomen bildet. Die wichtigsten Stationen des Analysegangs der marxistischen Ökonomie sollen im dritten Kapitel umrissen werden. Es soll ebenfalls darum gehen, warum die marxistische Ökonomie unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten den konkurrierenden bürgerlichen Lehren weit überlegen ist. Auch wenn „Das Kapital“ keine ausformulierte Krisentheorie enthält, wird es einen Abschnitt zu den Gründen, Auslösern, Verlaufsformen und historischen Funktionen von kapitalistischen Wirtschaftskrisen geben. Für die Analyse des Kapitalismus ist ein korrektes Verständnis dessen, was der bürgerliche Staat ist, unabdingbar. Auch wenn sich bei Marx und Engels dazu keine fertige Theorie findet und von einem eigenständigen Bestandteil des Marxismus kaum zu sprechen ist, bringen sie ein eigenes Staatsverständnis in die staatstheoretische Debatte ein. Um den bürgerlichen Staat soll es im vierten Kapitel gehen. Die dritte Quelle sind die frühen Sozialisten Frankreichs (und anderer Länder) und ihre utopischen Vorstellungen von einer Gesellschaft der Gleichen. Zu nennen wären vor allem Saint-Simon, Babeuf, Morelly, Owen und Fourier. In Verbindung mit dem Historischen Materialismus und der Kritik der Politischen Ökonomie wurde bei Marx und Engels aus den sozialistischen Utopien eine sozialistische Wissenschaft. Die Notwendigkeit der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft konnte nun nicht mehr nur moralisch, das heißt durch verschwommene Vorstellungen von Gerechtigkeit, sondern durch die wissenschaftliche Analyse der kapitalistischen Gesellschaft und ihrer Vorgeschichte sowie ihrer geschichtlichen Entwicklungstendenz begründet werden. Der Sozialismus und der Kommunismus als dessen am höchsten entwickeltes Stadium sind der dritte integrale Bestandteil des Marxismus. Warum man sich auch heute noch für die Abschaffung des Kapitalismus und den Aufbau des Sozialismus einsetzen sollte, soll im fünften Kapitel mit guten Argumenten begründet werden. Gegen den allgegenwärtigen Einwand, Sozialismus sei ja schön und gut, aber „funktioniere“ nun mal einfach nicht, hilft die Lektüre des sechsten Kapitels. Im siebten Kapitel soll schließlich versucht werden, Fragen von taktischer und strategischer Bedeutung für unsere Bewegung – etwa die Bedeutung der Kommunistischen Partei – zu beantworten[4].

Auch wenn der Ausdruck „Kapitalismus“ von unseren Gegnern oft unter Ideologieverdacht gestellt wird, also als parteiische und von vornherein mit Vorurteilen belegte Bezeichnung der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung abgelehnt wird, halten wir daran fest. Der Grund ist, dass die alternative Bezeichnung „Marktwirtschaft“ nach unserer Meinung erhebliche Nachteile gegenüber dem Kapitalismusbegriff hat. Erstens ist Kapitalismus, wie im Folgenden hoffentlich klar werden wird, nicht einfach nur eine Wirtschaftsordnung. Es handelt sich vielmehr um eine Gesellschaftsform, deren Basis zwar die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse sind, die sich aber gleichzeitig in Fragen des Staatsaufbaus, der kulturellen Entwicklung, des Denkens der Menschen und vielen anderen Punkten grundlegend von allen anderen Gesellschaftsformen unterscheidet. Zweitens ist der Kapitalismus auch nicht einfach nur durch den Markt gekennzeichnet, sondern durch das Kapital als treibende Kraft der Entwicklung und der Entstehung des Marktes. Auch ist der Austausch von Waren auf einem Markt noch kein ausreichendes Kriterium, um von einer kapitalistischen Produktions- und Austauschweise zu sprechen. Doch mehr dazu in den folgenden Kapiteln.

 

1. Was ist Dialektik?

Wer sich mit Marxismus oder abendländischer Philosophie allgemein schon ein wenig beschäftigt hat, der ist sicher schon auf den Begriff der Dialektik gestoßen. Zuweilen fällt auch in Diskussionen zwischen Marxist_innen und Nicht-Marxist_innen der Vorwurf an Letztere, sie würden sich „undialektischen Denkens“ schuldig machen. Oft ist dabei einigen Beteiligten weder klar, was unter Dialektik im Marxismus, noch, was darunter in anderen Verwendungen (etwa der griechischen Antike) zu verstehen ist. So ist es zu erklären, dass Michael Heinrich, ein nichtmarxistischer Autor, dessen mangelhafte Bücher über den Marxismus in letzter Zeit jedoch sehr viel gelesen wurden, über die Dialektik schreibt, sie sei im sogenannten „Weltanschauungsmarxismus“ (eine seiner Formeln zur allgemeinen Diffamierung des Marxismus) als „eine Art Wunderwaffe, mit der man alles und jedes erklären“ könne, verstanden worden[5].

Eine Einführung in den Marxismus kann vor diesem Hintergrund auf annähernde Vollständigkeit keinen Anspruch erheben, wenn sie nicht wenigstens in einem kurzen Abschnitt den Marxschen Begriff der Dialektik erläutert.

Alles Existierende existiert unter den Bedingungen der Zeit und ist dem Prozess der Veränderung unterworfen. Das Leben ist ohne Veränderung, ohne Bewegung nicht möglich: Die Zirkulation von Flüssigkeiten, die Umwandlung von Kohlenstoffverbindungen in andere Kohlenstoffverbindungen und wieder zurück, das Wachsen, Entstehen und Sterben von Zellen gehören notwendigerweise zum Leben dazu. Doch auch mit der nicht-belebten Materie ist es nicht anders: Da alle Atome, selbst die an den entferntesten Orten des Weltalls, eine gewisse Menge Energie speichern, sind auch alle Atome ständig in Bewegung. Auch das Licht, das es uns ermöglicht, zu sehen, bewegt sich in Form von Wellen und gleichzeitig als Teilchenstrom. Nach den herrschenden physikalischen Theorien ist selbst unser Universum kein ewig Gleiches, sondern ist zu einem bestimmten Augenblick entstanden, hat sich seitdem zu dem entwickelt, was es heute ist, und wird irgendwann wieder vergehen. Veränderung ist also eine Grundkonstante allen Seins. Bereits die antike griechische Philosophie beschäftigte sich mit der Bewegung und ihren Ursprüngen. Fragt man danach, warum die Dinge sich bewegen, kommt man zu einem der bedeutendsten Probleme der Philosophie. Denn Bewegung, wie sie der Alltagsverstand kennt, ist immer schon das Resultat von Bewegung. Eine angestoßene Billardkugel bewegt sich nur, weil sie angestoßen wurde. Ein Baum fällt nicht von selbst um, sondern weil er gefällt wird, weil der Wind zu stark ist, weil sein Stamm zu stark verrottet ist, um ihn zu halten oder aus einem beliebigen anderen Grund, der aber notwendigerweise Bewegung impliziert. Die Suche nach der ersten Bewegung führt uns zu einem regressus ad infinitum, einem Zurückschreiten ins Unendliche. Aristoteles hielt das Problem für gelöst, wenn man einen Anfangspunkt aller Bewegungen annimmt, an dem ein „unbewegter Beweger“ steht – ein Ding, das aus sich heraus Bewegung schaffen kann. Alle Schöpfungsgeschichten der verschiedenen Religionen beruhen auf dem Gedanken, dass eine vor der Welt existierende Wesenheit – Gott – die Dinge geschaffen und damit ihre Bewegung ermöglicht hat. Ist das Problem damit gelöst? Ist Gott die einzig mögliche Erklärung? Zunächst einmal ist er überhaupt keine Erklärung: Die Annahme, dass Bewegung immer Bewegung voraussetzt, hatte uns zu dem Problem geführt, dass ein letzter Grund für Bewegung nicht auffindbar ist. Einen unbewegten Beweger einzuführen, der eben dieser Annahme widerspricht, ist natürlich eine sehr unbefriedigende Erklärung. Eine Lücke in einer wissenschaftlichen, das heißt empirisch verifizierbaren Erklärung schließen zu wollen, indem man willkürlich ein empirisch nicht verifizierbares Ding (Gott) einführt, dessen angenommene Eigenschaften die Erklärungslücke schließen, ist reine Tautologie[6] – und ist dem wissenschaftlichen Vorgehen entgegengesetzt. Es spielt dabei keine Rolle, ob wir die Entwicklung von Gesellschaften erklären wollen, also Geschichte, oder etwa die der verschiedenen Lebewesen, also Biologie.

Eine wissenschaftliche Lösung des Problems muss also Selbstbewegung von Dingen denken können. Selbstbewegung bedeutet, dass eine Sache aufgrund von Eigenschaften, die ihr innewohnen, also nicht von außen auf sie einwirken, sich zu verändern beginnt. Bei dem altgriechischen Philosophen und Vorsokratiker Heraklit, von dem uns nur wenige Textfragmente erhalten sind, finden wir zum ersten Mal den Gedanken der Bewegung in Zusammenhang mit dem der Einheit von Gegensätzen, welche den Kern des dialektischen Denkens ausmachen.

Hegel erklärte ca. 2300 Jahre später geschichtliche Entwicklung durch eine progressive Entwicklung des Geistes vom Niederen hin zum Höheren. Der Geist trägt während seines Entwicklungsprozesses das Erbe der Vergangenheit weiter, revidiert es ständig in Teilen und erklimmt so im Verlauf der Zeit von einer Stufe die nächste. Was für den Geist auf der Ebene des einzelnen Menschen gilt, gilt auch für die des Weltgeistes, den man als eine Art kollektiven Entwicklungsstand des Erkenntnisprozesses in einer Epoche verstehen kann. Die Stufe, auf welcher der Geist zu einem bestimmten Zeitpunkt steht, wirkt nach Ansicht Hegels auch auf den Entwicklungsstand der anderen Sphären der Gesellschaft (Ökonomie, Gesetze, Politik, Kunst usw.) ein, sodass sie sich ebenfalls progressiv weiterentwickeln.

Weil Hegel die Entwicklung des Geistes für das bestimmende Moment hält, die der Materie dagegen für das nachrangige, nennt man das philosophische System, dem er anhing, Idealismus. Marx, der umgekehrt das Materielle für ursächlich hält (siehe nächstes Kapitel), das Bewusstsein der Menschen dagegen nur für dessen Folge, begründete zwar nicht den Materialismus, wurde aber sein wohl größter Verfechter. Beide sind sich jedoch einig in dem Punkt, dass die innere Widersprüchlichkeit eines Dings dieses aus sich heraus zur Veränderung antreibt. Diese Lehre vom Widerspruch nennt man Dialektik.

Engels formuliert im „Anti-Dühring“[7], einer der wichtigsten klassischen Schriften des Marxismus, drei Grundgesetze der Dialektik.

Deren erstes ist das Gesetz von der Einheit und dem Kampf der Gegensätze. Es besagt, dass in jedem System (so auch in Natur und Gesellschaft) bestimmte Elemente vorkommen, die sich gegenseitig beeinflussen. Diese Elemente gehören gleichermaßen zum System dazu, schließen sich aber der Sache nach aus und wirken einander entgegen. Ein bekanntes Beispiel, dessen ökonomische Grundlage später in dieser Einführung behandelt werden wird, ist das Verhältnis von Arbeiterklasse und Bourgeoisie. Die Arbeiterklasse ist gewissermaßen das Gegenteil der Bourgeoisie: Sie muss arbeiten, die Bourgeoisie nicht. Die Bourgeoisie ist Eigentümer der Produktionsmittel, die Arbeiterklasse ist gerade durch ihr Nicht-Eigentum an den Produktionsmitteln gekennzeichnet. Außerdem ist ihr Klasseninteresse dem der Bourgeoisie entgegengesetzt, wie wir weiter unten sehen werden. Obwohl Bourgeoisie und Arbeiterklasse einander ausschließen, sind sie doch beide notwendiger Bestandteil des Systems, in dessen Rahmen sie überhaupt nur existieren können – des Kapitalismus. Bourgeoisie und Arbeiterklasse gehören zugleich untrennbar zusammen und fallen dennoch weit auseinander. Der dialektische Widerspruch ist nicht zu verwechseln mit dem logischen Widerspruch: Ein logischer Widerspruch ist ein Gedanke, der einen logisch unmöglichen Zustand beschreibt, z.B. ein Baum existiert und existiert zugleich nicht. Ein dialektischer Widerspruch ist nicht nur nicht unmöglich, sondern ein real bestehendes Verhältnis, das sich überall in der Welt finden lässt. Dialektische Widersprüche bestimmen auch die Natur: Die Bahn des Mondes um die Erde ist von zwei entgegengesetzten Bewegungen bestimmt – der Gravitation, also der wechselseitigen Anziehung beider Körper, und einer Bewegung des Mondes weg von der Erde. Letztere Bewegung und die durch die Gravitation bewirkte Bewegung des Mondes auf die Erde zu sind aber in einem Gleichgewicht, sodass sie als Synthese eine dritte Bewegung hervorbringen, die von den beiden ursprünglichen verschieden ist: Die Umkreisung der Erde in einer stabilen Bahn. Wichtig ist das Gesetz von Einheit und Kampf der Gegensätze, weil es zeigt, dass entgegengesetzte Tendenzen und Kräfte gemeinsam ein neues, komplexeres System erwirken können. Daher kann sich die Welt aus sich heraus, also durch Wechselwirkung ihrer einzelnen Elemente, verändern, ohne dass man einen göttlichen Eingriff oder ähnliches annehmen müsste.

Die Dialektik denkt Entwicklung als einen Aufstieg vom Niederen zum Höheren, wobei qualitative Sprünge von einer Stufe auf die nächste inbegriffen sind. Diese Sprünge finden jedoch nicht über absolute Grenzen hinweg statt, sodass eine Sache urplötzlich in eine andere umschlägt, ohne dass dieser Umschlag sich vorher angekündigt hätte und ohne dass Elemente des alten Zustands im neuen erhalten blieben. Es ist vielmehr die langsame quantitative Veränderung, die auf einer bestimmten Stufe zum qualitativen Sprung umschlägt. So gab es auch schon vor den Menschen im Tierreich intelligente Wesen, die Werkzeuge benutzten und sich ihrer eigenen Existenz bewusst waren – was für die Mehrzahl aller Tierarten undenkbar wäre. Dennoch besitzt der Mensch offensichtlich besondere Fähigkeiten und Eigenschaften, die ihn von allen Tieren unterscheiden; davon wird an späterer Stelle noch zu reden sein. Die Entwicklung des Gehirns und seiner Fähigkeit, Bewusstsein hervorzubringen, war also ein langwieriger Prozess quantitativ steigender Komplexität, bis er zum ersten Mal das spezifisch menschliche Bewusstsein als ein neues Ergebnis hervorbrachte. Auch Revolutionen wurden in der Geschichte immer durch langsame quantitative Prozesse, z.B. durch das Anwachsen der sozialistischen Arbeiterbewegung, vorbereitet. Dass quantitative Veränderungen in qualitative umschlagen, nennt Engels das zweite der Grundgesetze der Dialektik. Dieses ist deshalb so wichtig, weil qualitative Sprünge aus der Entwicklung einer Sache (z.B. Natur oder Gesellschaft) selbst erklärt werden können und nicht mehr nur durch eine von außen einwirkende Kraft, etwa einen Gott.

Wird eine qualitative Stufe durch eine andere abgelöst, nennt man das seit Hegel Negation oder auch Aufhebung. Aufhebung ist bei Hegel immer im dreifachen Sinne zu verstehen, wobei er mit der dreifachen Bedeutung des Wortes im Deutschen spielt: Aufheben kann sowohl Aufbewahren, wie auch Negieren/Auslöschen, wie auch auf eine höhere Stufe heben bedeuten. In der Dialektik ist ein Aufhebungsprozess alles auf einmal: Er bewahrt Elemente des aufgehobenen Zustands, er zerstört und ersetzt andere Elemente und hebt das ganze System auf eine höhere, komplexere Stufe. Ein Beispiel: Als der Feudalismus zugrundeging und dem Kapitalismus in der Geschichte Platz machte, übernahm der Kapitalismus wichtige Errungenschaften der Entwicklung des Feudalismus: Die Entstehung der Städte und des Handels- und Wucherkapitals[8], die Steigerung der Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft, die bis dahin machtvollste Waffentechnik usw. Gleichzeitig wurden wesentliche Eigenschaften des Feudalismus abgeschafft: Die Privilegien der Stände, die Zünfte, die Leibeigenschaft und viele andere juristische Ungleichheiten, schließlich in vielen Ländern auch die Monarchie. Durch die Verbindung einer vergleichsweise hochentwickelten Wirtschaft mit der bürgerlichen Freizügigkeit, Gleichheit vor dem Gesetz usw. wurde der Kapitalismus zu einem völlig neuen System, und zwar dem mit Abstand dynamischsten, das es bis dato gegeben hatte. Diese Negation muss jedoch nicht endgültig sein. Auch der Kapitalismus trägt in sich die Tendenz zu seiner eigenen Zerstörung, er wird irgendwann nicht mehr sein. Das Ende des Kapitalismus ist eine erneute Negation – eine Negation der Negation, die zu einer wiederum neuen Stufe führt, die Elemente des Kapitalismus in sich tragen wird (und damit auch der ihm vorangegangenen Gesellschaftsordnungen), aber auch neue Elemente. Das Gesetz der Negation der Negation, das die Bewegung der Dinge in Zyklen (also Kreisläufen) beschreibt, ist das dritte Gesetz der Dialektik. Weiter unten wird etwa zu sehen sein, wie wichtig zyklische, sich selbst negierende Negationen auch in der Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie sind.

Die Dialektik erfasst als wissenschaftliche Methode also nicht die wahrnehmbaren Dinge einzeln in ihrem isolierten Dasein, sondern in ihrer Beziehung zueinander und in ihrer Beziehung zum Ganzen. Dem entgegengesetzt ist die in der bürgerlichen Wissenschaft verwandte Methode des Positivismus: Der Positivismus untersucht die Gegenstände für sich genommen und beschränkt sich darauf, ihre Eigenschaften als isolierte Objekte festzuhalten. Die Dialektik untersucht dagegen Realität immer als Totalität, als organisches Ganzes, dessen Teile miteinander zusammenhängen, und nicht als zufälliger Haufen kontingenter Tatsachen, als bloße Summe der Teile. Wie bedeutsam dieser fundamentale Unterschied der dialektischen von anderen Methoden ist, wird an späterer Stelle besser verständlich werden.

Die Dialektik, die der Marxismus von Hegel geerbt und – in dialektischer Art und Weise – aufgehoben (indem aus einer idealistischen eine materialistische Dialektik entwickelt wurde) hat, ist zugleich die Bewegungsform alles Seienden und die Denkmethode, mit der wir diese Bewegungsform erfassen können: Der wissenschaftliche Sozialismus bedient sich der Dialektik als Methode, gerade weil sich die Realität dialektisch bewegt.

 

2. Was ist Materialismus?

a) Dialektischer Materialismus

Im Nachwort zur zweiten Auflage des ersten Bandes des “Kapital” grenzt sich Marx von der dialektischen Methode Hegels ab:

„Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozess, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts anderes als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.[9]

Für Marx ist der Mensch daher fest verbunden mit seiner Umwelt, er kann sich nicht lösen von den Bestimmungsgründen seiner Existenzweise, die in den materiellen Verhältnissen wurzeln. Natur und Gesellschaft entwickeln sich mit Notwendigkeit in eine bestimmte Richtung, aber sie tun das nicht, weil es ein unabhängiges Bewusstsein gäbe, an dessen Vorstellungen sich die Realität anpassen würde. Dieser Vorstellung des hegelschen Idealismus setzt Marx die Auffassung des Dialektischen und Historischen Materialismus entgegen. Den Streit zwischen Materialismus und Idealismus sehen Marx und Engels als den grundlegenden Streit aller Philosophie[10].

Der Dialektische Materialismus (DiaMat) geht im Gegensatz zum Idealismus etwa der christlichen Schöpfungslehre davon aus, dass die Materie dem Bewusstsein zeitlich vorausgeht und nicht erst durch ein Bewusstsein geschaffen wurde. Der Dialektische Materialismus betrachtet die Materie als eine Konstante im Universum: Sie wurde nicht geschaffen, sondern besteht ewig[11]. Das ist keine willkürliche Annahme, sondern eine durch den Massenerhaltungssatz physikalisch gesicherte Erkenntnis. Energie und Masse können zwar teilweise ineinander übergehen, sind aber, auch wenn man diesem Umstand der Energie-Masse-Äquivalenz Rechnung trägt, in der Summe immer gleich. Materie kann nicht vernichtet oder geschaffen werden, außer durch den Übergang in Energie bzw. umgekehrt. Wie verhält sich nun Materie zu Geist?

Leben und Bewusstsein gab es früher nicht. Durch die Zusammenballung von anorganischer zu organischer Materie, die schließlich einzelne Zellen bildeten, entwickelte sich das Leben graduell und über mehrere Milliarden Jahre bis hin zu höheren Lebewesen. Mit der Entwicklung des menschlichen Gehirns hatte die Materie – ziemlich am Ende auf der Zeitleiste der Evolutionsgeschichte – eine Organisationsform angenommen, die es ermöglichte, Bewusstsein hervorzubringen. Somit ist der Geist eine „Schöpfung“ der Materie und nicht umgekehrt. Das Bewusstsein gewinnt Erkenntnisse aus seinem Umfeld und durch die sinnliche Wahrnehmung – und nicht aus übernatürlichen, gottgegebenen Quellen (etwa einer Art Kommunikation zwischen Gott und Mensch). Das Bewusstsein ist daher, weil es sich durch Interaktion mit der Materie fortentwickelt, eine Widerspiegelung der materiellen Welt in Bildern, Zusammenhängen, schließlich Begriffen und hochentwickelten wissenschaftlichen Systemen. Das Bewusstsein ist in der Lage, durch die Sinneswahrnehmung zu objektiv richtigen Aussagen über die Welt zu kommen: So sind nach allem, was wir wissen, die Aussagen, dass Chlorophyll durch Reflexion von grünem Licht die Pflanzen für unser Auge in grüner Farbe sichtbar macht und dass schwere Massen die Raumzeit krümmen, richtig. Unrichtig ist dagegen die Vorstellung, die Erde sei eine Scheibe. Neue Erkenntnisse führen uns dahin, dass wir bisherige Vorstellungen revidieren und durch neue, dem Anschein nach richtigere, ersetzen. Dass wir bestimmte Aspekte der Realität richtig erkennen können, darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir die Wahrheit als Gesamtheit niemals kennen können: Durch gezielte Nachforschung können wir unser Wissen über die Welt vertiefen, aber weder ein Mensch noch die Menschheit als Ganze kann jemals Alles wissen. Deshalb kann die Entwicklung der Wissenschaft auch zu keinem Zeitpunkt der noch kommenden Menschheitsgeschichte abgeschlossen sein. Da der Materialismus ohne Schöpfungsakte, Götter und übernatürliche Bestimmungsgründe auskommt, ermöglicht erst die materialistische Philosophie den Sieg der Wissenschaft über die Religion auf dem Gebiet der Theorie[12].

 

b) Historischer Materialismus

Während der Dialektische Materialismus sich mit dem Verhältnis von Sein und Bewusstsein allgemein, also auch in der Natur, befasst, bezieht sich der Historische Materialismus (HistoMat) speziell auf den Entwicklungsgang von Geschichte unter diesem Aspekt: Menschen kommen auf bestimmte Gedanken nicht ohne Grund und nicht im „leeren Raum“ – bestimmte Ideen entstehen immer in einem bestimmten Kontext und sind zu einem gewissen Grad (das heißt: beschränkte und mehr oder weniger verzerrte) Spiegelbilder dieses Kontextes.

Beispiel: Die Wurzeln des Wirtschaftsliberalismus, wie er heute noch an den Universitäten als herrschende Meinung gelehrt wird, sind nicht ohne Grund erst ca. 230 Jahre alt. Der Grund ist folgender: Der Liberalismus, also die Vorstellung, eine Marktwirtschaft führe von alleine zum Wohlstand aller, wenn der Staat sich auf die „Ordnungspolitik“ (was so viel bedeutet wie den Schutz der Eigentumsverhältnisse) beschränkt, beschreibt – wenn auch falsch – Zusammenhänge  des Kapitalismus. Er gibt außerdem Empfehlungen für die Wirtschaftspolitik, also die Art der Verwaltung der kapitalistischen Produktion durch den Staat. Es ist klar, dass diese Gedanken den Kapitalismus voraussetzen.

Dem Historischen Materialismus gilt die Arbeit und vor allem die Aufhäufung von Arbeit als spezifisch menschliche Tätigkeit. Während Schimpansen schon seit den Anfängen ihrer Art Stöcke benutzen, um Ameisen aus ihren Bauen zu locken und sie zu essen, haben sich die Produktionstechniken der Menschen allein in den letzten 100 Jahren ungemein verändert. Der Grund dafür ist, dass Menschen die Arbeit und das aufgehäufte Wissen ihrer Vorfahren nutzen: Der Bauernhof, den die Eltern gebaut haben, kann auch noch von Kindern und Enkeln benutzt werden und sie können ihre Lebenszeit dazu nutzen, ihn zu erweitern, Anbautechniken zu verfeinern usw. Während alle anderen Wesen des Tierreichs ihre Bedürfnisse mehr oder weniger direkt aus ihrem natürlichen Umfeld befriedigen, richten Menschen eben dieses Umfeld nach ihren Bedürfnissen ein: Sie säen Pflanzen, um sie nicht in der Wildnis suchen zu müssen. Sie verändern deren Erbgut, um mit einer Ernte mehr Nahrung zu gewinnen. Sie bauen Häuser, um nicht unter Bäumen schlafen zu müssen. Sie haben das Alphabet, den Buchdruck, die Schreibmaschine und schließlich den Computer entwickelt, um ihren Gedanken eine bleibende Form zu geben – heute entweder durch Zeichen auf Papier oder durch Kombinationen winziger Schalter in einem Computer.

Zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Teilen der Welt waren und sind Menschen zu sehr verschiedenen Dingen in der Lage: Erschien unseren Vorfahren ein Gewitter noch als Zeichen göttlichen Zorns und wäre ihnen ein Telefon wie Magie vorgekommen, können heute in Deutschland die meisten Zwölfjährigen im Groben erklären was ein Blitz ist und bedienen jeden Tag technische Apparaturen mit kompliziertem Innenleben. Die Ureinwohner_innen Amerikas erfuhren die Schusswaffen der Europäer_innen als einen Schrecken, dem sie nichts entgegenzusetzen hatten. Das Resultat war für viele ihrer Völker die vollständige Auslöschung, für die Überlebenden war (und ist) es jahrhundertelange Knechtschaft und Unterordnung unter die Weißen.

Wir bearbeiten also die Natur nicht immer gleich, sondern auf historisch sich entwickelnden Stufen der gesellschaftlichen Produktion. Historische Stufen sind es deswegen, weil sich die Menschen einer Epoche das akkumulierte Wissen ihrer Vorfahren zunutze machen und weiter entwickeln können. Gesellschaftlich ist die Produktion, weil sie nicht einfach die Summe voneinander unabhängig arbeitender Produzenten ist – Menschen teilen Arbeiten auf, spezialisieren sich und sparen so riesige Mengen an Arbeitszeit ein. Es ist vollkommen unmöglich, dass ein Mensch Medizin studiert und Arzt wird, wenn er gleichzeitig den ganzen Tag auf dem Feld arbeiten muss, Holz für seine Hütte fällt, Tiere jagt und Kleidung aus deren Leder macht usw. Ein wichtiges Zeichen für den Entwicklungsgrad einer Gesellschaft ist der Grad der gesellschaftlichen Arbeitsteilung.

Die materiellen Instrumente und Voraussetzungen der Produktion, das Wissen über die Produktion (Technologie) und die mehr oder minder effiziente Organisationsform der Arbeit nennt Marx Produktivkräfte. Die Produktivkräfte sind der bestimmende Faktor für die Frage, welche Dinge überhaupt produziert werden können und wie viel Arbeitsaufwand dafür notwendig ist. Während vor 4000 Jahren die Feldarbeit der gesamten Gesellschaft kaum und nur auf sehr unsicherer Basis für die Ernährung ausreichte, reichen heute in den Industrieländern ein oder zwei Prozent der Bevölkerung aus, um alle anderen mit landwirtschaftlichen Produkten mehr als ausreichend zu versorgen. Der Historiker Immanuel Wallerstein hat das als „Entagrarisierung“ der Welt bezeichnet. Die Produktivkräfte haben sich in allen Zweigen der Arbeit, wenn auch mit unterschiedlichem Tempo, sehr stark fortentwickelt. Wie schnell eine Gesellschaft ihre Produktivkräfte entwickelt, ist aber keineswegs zufällig und hängt auch nur zu einem geringen Grad vom Fleiß und dem Erfindungsreichtum der Individuen ab. Die Sklavenhaltung ist ein relativ statisches System mit geringem Entwicklungstempo. Dasselbe gilt für das System der Leibeigenschaft, wie es im Mittelalter herrschte. Als die herrschende Klasse ein festes Einkommen aus der zwangsweisen Ausbeutung der Mehrheit bezog und damit im Luxus leben und ihre Kriege finanzieren konnte, gab es keinen großen Anreiz, die Produktion auszuweiten und zu verbessern. Investitionen waren ein Abzug vom Luxuskonsum und ihr Erfolg nicht einmal gewiss. Seit zuerst die Städte Westeuropas und dann die Bauern von den Frondiensten der Leibeigenschaft befreit wurden, nahm das Wachstum der Produktivkräfte ein historisch bis dahin absolut beispielloses Ausmaß an. Unter dem Feudalsystem wäre der Bau von Mondraketen völlig undenkbar gewesen. Wallerstein sieht zwei tiefe Umbrüche in der Geschichte der Produktivkräfte, die zugleich die zwei wesentlichen Zäsuren der Menschheitsgeschichte sind: Die erste sei die neolithische Revolution, also der Übergang zu sesshaften Lebensformen und Ackerbau. Die zweite sei die Entstehung der modernen Welt, des Kapitalismus[13]. Warum nun ausgerechnet der Kapitalismus die Produktivkräfte in einem solchen Ausmaß entfesselte, erklärt Marx sehr ausführlich, doch dazu mehr im nächsten Kapitel. Entscheidend für die Entwicklung der Produktivkräfte sind also die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen produziert wird. Diese Verhältnisse nennt Marx Produktionsverhältnisse. Deren juristische Entsprechung sind die Eigentumsverhältnisse, denn die gesellschaftlichen Bedingungen der Produktion hängen damit zusammen, wem die Produktionsmittel (Boden, Werkzeuge, Maschinen, Rohstoffe, Gebäude usw.) gehören und zu welchem Zweck der Eigentümer ihren Gebrauch (und Verbrauch) veranlasst. Gesellschaft ist demnach nicht einfach die Summe der Individuen, sondern „drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zueinander stehen“[14]. Marx schreibt über die Produktionsverhältnisse:

„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige, Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen.[...]Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“[15]

Der Kapitalismus ist für Marx weder die erste, noch die letzte Form der Produktionsverhältnisse. Im Altertum und in den Südstaaten der USA sogar noch bis zum Sieg der Nordstaaten im Sezessionskrieg (1861-1865) lebte eine Klasse von Grundbesitzer_innen von der unbezahlten Arbeit ihrer Sklav_innen. Letztere bekamen Nahrung und Kleidung – denn man hatte sie ja gekauft und ihr Tod wäre ein ökonomischer Verlust gewesen –, aber sie waren gezwungen, eine bestimmte Zeit Arbeiten für ihre Herren zu verrichten. Diese Arbeit war deutlich länger als sie gebraucht hätten, wenn sie ihre Nahrung und andere Bedarfsgüter selbst produziert hätten. Die Arbeitszeit, die ein Sklave oder eine Sklavin über den Teil des Arbeitstages, der zur Befriedigung seiner lebenswichtigen Bedürfnisse notwendig war, hinaus verrichtete, kann man mit Marx als Mehrarbeit bezeichnen. Gibt es eine Klasse (z.B. Sklavenhalter), die sich die Mehrarbeit einer anderen Klasse (z.B. Sklav_innen) bzw. deren Produkte aneignet (denn dem/der Sklaven/Sklavin gehörte ja das Produkt seiner Arbeit nicht mehr), dann kann man von Ausbeutung sprechen. Der Ausbeutungsbegriff bei Marx ist demnach nicht moralisch, er bezeichnet keine „besonders schlechten Arbeitsverhältnisse“ oder Kinderarbeit oder Überarbeitung durch den 14-Stunden-Tag. Ausbeutung ist ein wissenschaftlich objektiver Begriff, der schlicht und einfach das Verhältnis zwischen zwei Menschen bezeichnet, von denen der eine für den anderen arbeitet und Mehrarbeit leistet. Welche besondere Gestalt die Ausbeutung im Kapitalismus annimmt, wird ein zentrales Thema des nächsten Kapitels sein. Ob in einer Gesellschaft Ausbeutung der Arbeitskraft stattfindet und welche Formen diese annimmt, sind die entscheidenden Unterscheidungsmerkmale verschiedener Produktionsweisen. Die verschiedenen Produktionsweisen wiederum machen die verschiedenen Gesellschaftsformationen und Produktionsverhältnisse aus: Z.B. Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus, Kapitalismus oder Sozialismus. Hierbei kommt es wiederum darauf an, Veränderungen der Produktionsweise in ihrer Beziehung aufs Ganze zu betrachten. Der marxistische Philosoph Georg Lukács schreibt dazu:

„Der wirkliche Unterschied der Stufen der Entwicklung äußert sich weit weniger klar und eindeutig in den Veränderungen, denen diese einzelnen, isolierten Teilmomente unterworfen sind, als in den Veränderungen, die ihre Funktion in dem Gesamtprozeß der Geschichte, ihre Beziehung auf das Ganze der Gesellschaft erleidet.“[16]

Menschen sind also historische Wesen, die in einer bestimmten historischen Epoche leben und auf der jeweiligen Entwicklungsstufe der Produktionsverhältnisse und der Produktivkräfte die Bedingungen für ihr Überleben produzieren. Das hat eine wichtige Konsequenz: Indem Menschen ihre Umwelt bearbeiten und so sinnlich erfahren, verändern sie nicht nur ihre Umwelt sondern auch sich selbst! Die Art, wie wir über unsere gesellschaftliche und natürliche Umwelt denken, verändert sich genauso wie diese Umwelt selbst sich als Gegenstand unserer Arbeit verändert. Die Erweiterung unserer Sinne durch die gesellschaftliche Entwicklung ist auch, aber nicht nur, direkt physisch zu verstehen: Das Teleskop erlaubt uns die Erforschung des Weltraums, das Elektronenmikroskop die des Mikrokosmos und die Physik erklärt uns, warum eine gekrümmte Raumzeit möglich ist, obwohl sie dem Alltagsverstand widerspricht. Die sinnliche Wahrnehmung des Menschen verändert sich also – nicht nur durch den geschichtlichen Entwicklungsprozess des wahrgenommenen Gegenstands, sondern auch durch den der Wahrnehmung selbst.

Die Produktivkräfte als in bestimmte Produktionsverhältnisse eingebundene Bedingungen der materiellen und geistigen Reproduktion der Gesellschaften nennt Marx auch die Basis der Gesellschaft. Wie ein Haus, dem man sein Fundament entziehen würde, auf den Boden fallen und zerschellen würde, so ist eine Gesellschaft ohne ihre Basis, das heißt ohne Arbeit ein absurder Gedanke. Wie gezeigt wurde, folgt die Entwicklung der gesellschaftlichen Basis bestimmten historischen Gesetzmäßigkeiten, wie der Entwicklung der Produktivkräfte. Welche diese Gesetzmäßigkeiten im Konkreten sind, das heißt, woraus sie resultieren und worin sie bestehen, ist in verschiedenen Gesellschaftsformationen unterschiedlich. Wir leben im Kapitalismus und für uns sind die Entwicklungsgesetze des Kapitalismus von der größten Relevanz. Ein paar dieser Entwicklungsgesetze werden im folgenden Kapitel dargestellt werden.

Wie ein Fundament wenig Sinn macht, wenn man darüber kein Haus baut, so entspricht auch der gesellschaftlichen Basis immer ein gesellschaftlicher Überbau, der sich in mehrere Teile untergliedern lässt. Bestimmte Produktionsverhältnisse erfordern bestimmte Gesetze und bestimmte Gesetze erfordern bestimmte Staatsapparate, die über ihre Einhaltung wachen. Der Feudalismus brauchte eine Staatsgewalt, die die Bauern und Bäuerinnen dazu zwang, auf dem Landstück zu bleiben, auf dem sie geboren waren und auf dem Feld ihrer Herren und Herrinnen Arbeitsdienste zu leisten. Der Staat des Feudalismus war ein Ständestaat. Der Kapitalismus basiert auf der freien Bewegung der Arbeitskraft und auf Verträgen zwischen formell Gleichen (s.u.), daher schützt der bürgerliche (kapitalistische) Staat nicht mehr die Standesprivilegien, aber dafür das Privateigentum.

Wie schon gesagt wurde, machen Menschen sich in bestimmten Epochen bestimmte Gedanken. Das heißt nicht, dass alle Menschen dasselbe denken, aber welche Gedanken zu herrschenden Ideen einer Gesellschaft überhaupt aufsteigen können, hängt ab von den Produktionsverhältnissen. Darunter fallen Religionen (seit dem Kapitalismus z.B. die berühmte protestantische Ethik),  die in den Medien vertretene Meinung, die an den Universitäten gelehrte Wissenschaft, sofern sie die Verhältnisse rechtfertigt und die Vorstellungen, die sich die meisten Menschen machen, wenn sie zur Wahl gehen. Diesen Teil des Überbaus kann man den ideologischen Überbau nennen. Unter Ideologie ist im Marxschen Sinne die Verinnerlichung der Herrschaftsverhältnisse durch den Menschen zu verstehen, also die Umwandlung der materiellen Basisphänomene in Bewusstseinsformen, die diese rechtfertigen. Andere Phänomene des Überbaus wie Kultur usw. lassen sich ebenfalls im Rahmen des Historischen Materialismus analysieren.

Das Basis-Überbau-Schema hat viele Gegner_innen des Marxismus, aber auch Leute, die sich auf den Marxismus berufen, zu einem vulgären Fehlverständnis verleitet. Die Bezeichnung „Basis“ für die Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte signalisiert, dass die historischen Gesetzmäßigkeiten, welche die Entwicklung von Gesellschaften und den Übergang von einer Gesellschaftsformation zur nächsten bestimmen, in der Sphäre der materiellen Produktion zu finden sind und eben nicht im Geist der Menschen. Es ist damit jedoch keine einseitige Kausalbeziehung gemeint, die immer die Basis als Ursache und den Überbau als Folge in eine direkte Abhängigkeit bringen würde. Um ein solches Verständnis auszuschließen, schrieb Marx:

“Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß.”[17]

In Wirklichkeit ist der Geschichtsprozess daher bestimmt von der dialektischen Beziehung des Subjekts (des Menschen) und Objekts (der gesellschaftlichen Verhältnisse) der Geschichte. Die politischen Konsequenzen der oben genannten einseitigen Auffassung von Materialismus sind offensichtlich: Wenn der Mensch nur Spielball der Produktionsverhältnisse ist, gibt es keine Möglichkeit für ihn, sich durch politische Praxis selbst aus der Abhängigkeit und den Übeln des Kapitalismus zu befreien. Sein Schicksal ist dann gänzlich abhängig von historischen Gesetzmäßigkeiten und ob die Geschichte sich zur allgemeinen Befreiung der Menschheit bequemt oder nicht, bliebe abzuwarten. Sich politisch zu organisieren und eine möglichst große Zahl von Menschen zu Revolutionär_innen zu machen, wäre Zeitverschwendung. Ein ähnlich vulgäres Verständnis vom Übergang zum Sozialismus hatten die russischen Menschewiki. Sie glaubten, dass die Entwicklung Russlands noch viel zu wenig fortgeschritten sei, als dass eine sozialistische Revolution stattfinden könne. Daher versuchten sie es auch dann nicht, als die Bedingungen gegeben waren und selbst nach dem Sturz der bürgerlichen Regierung durch von den Bolschewiki angeführte Massen von Arbeiter_innen und Bauern und Bäuerinnen rangen sich die Menschewiki nicht zur Unterstützung der – offensichtlich ja doch machbaren – Oktoberrevolution durch. Die Vorstellung, das Bewusstsein könne nicht das Sein bestimmen, vergisst nämlich auch, dass Menschen kreative, denk- und willensfähige Wesen sind, die ihre Umwelt nach einem im Kopf gemachten Plan verändern können – was sie auch dann jedes Mal tun, wenn sie einen Gegenstand bearbeiten. Dass die geplante Veränderung der menschlichen Gesellschaft wesentlich schwieriger und langwieriger ist, als aus einem Stück Holz einen Tisch zu machen, sei zugestanden. Am grundsätzlichen Sachverhalt ändert das jedoch nichts. Das Verhältnis zwischen den Menschen als Subjekten und den Verhältnissen, in denen sie leben, die sie aber auch verändern können, formulierte Marx so: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“[18]

Eine von Marx und Engels selbst nicht explizit erwähnte Konsequenz davon, dass die Menschen selbst ihre Geschichte machen, besteht aber auch darin, dass unter Umständen Rückschritte in der gesellschaftlichen Entwicklung möglich sind. Dies gilt weniger für die Basis der Gesellschaft als für den Überbau. So war der deutsche Faschismus zwar unzweifelhaft eine Epoche in der Geschichte des deutschen (Monopol-)Kapitalismus und steht nicht außerhalb derselben – aber er war gleichzeitig auch eine brutale Zurückweisung der bürgerlichen (wie auch der sozialistischen) Gleichheits- und Freiheitsvorstellungen der Französischen Revolution. Der Liberalismus als Ideologie der bürgerlichen Freiheit und die Gleichheit vor dem Gesetz galten den Faschisten, nicht nur den deutschen, als fast ebenso verabscheuungswürdig wie der Kommunismus. Dieser ideologische Rückfall (der natürlich nicht wörtlich als Rückkehr mittelalterlicher Vorstellungen zu verstehen ist) ermöglichte auf der Basis hochentwickelter kapitalistischer Produktivkräfte die industrielle Vernichtung von sechs Millionen Juden und Jüdinnen, über drei Millionen gefangenen Rotarmist_innen, einer halben Million Sinti und Roma und Angehöriger anderer von den Faschisten gehasster Minderheiten. Doch zurück zu helleren Stunden der Menschheitsgeschichte:

Revolutionen sind also das Produkt bewusster Entscheidungen der Menschen. Sind sie aber nur vom Willen einer Gruppe von Revolutionär_innen abhängig?

Wir hatten bereits herausgestellt, dass bestimmte Gesellschaftsformationen in bestimmter Weise auf die schnelle oder langsame Entwicklung der Produktivkräfte wirken. Umgekehrt zeigt aber auch die Entwicklung der Produktivkräfte an, wann die Bedingungen für die Herausbildung neuer Produktionsverhältnisse gegeben sind. Die Teilung der ursprünglichen Stammesgesellschaften in Sklav_innen und Herr_innen setzte z.B. voraus, dass überhaupt ein Überschuss produziert wurde, den die herrschende Klasse konsumieren konnte. Vor der Erfindung des Ackerbaus waren menschliche Gesellschaften notwendigerweise sehr klein und zogen umher, um sich überhaupt ernähren zu können. Zeitweise schrumpfte die Weltbevölkerung aus Gründen des Nahrungsmangels auf einen winzigen Rumpf von wahrscheinlich ein paar Tausend Menschen zusammen. Es wäre völlig unmöglich gewesen, zusätzlich noch eine Klasse von Sklavenhaltern oder Feudalherren zu ernähren. Auch der kapitalistische Weltmarkt setzte in seiner entwickelteren Form, wie sie etwa Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden war, gewisse Produktivkräfte voraus. Ohne die Eisenbahn, die Dampfschifffahrt, den Kompass, den Buchdruck, die Metallurgie, die Elektrizität usw. wäre ein solcher Grad der gesellschaftlichen Arbeitsteilung nicht möglich gewesen. Auch die Entstehung einer Industriearbeiterklasse setzte voraus, dass nicht mehr der Großteil der Menschen gezwungen war, auf dem Land zu leben (weil die Produktivität der Landwirtschaft nun erstmals hoch genug war, um eine Stadtbevölkerung von nennenswerter Größe ernähren zu können).

Revolutionen wie die Französische Revolution, die in den Jahren nach 1789 vorübergehend die Monarchie in Frankreich beseitigte, hatten meistens ein langes Vorspiel. Die Entstehung kapitalistischer Produktionsverhältnisse hatte an einigen Flecken Europas im Keim schon im 15. Jahrhundert stattgefunden. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang einige Städte Norditaliens, dann Flandern, Nord- und Süddeutschland (durch die Handelserfolge der Hanse bzw. Fugger), Holland und England[19]. Doch auch in Frankreich hatte die Auflösung und Unterminierung der feudalen Besitzverhältnisse schon lange vor 1789 eingesetzt. Sie war überhaupt erst die Voraussetzung für die Entstehung eines Bürgertums und einer bürgerlichen Opposition gegen die absolute Monarchie. Und ähnlich, wie im Schoß der feudalen Gesellschaft die Bedingungen der bürgerlichen reiften, hat auch der Kapitalismus eine Klasse produziert, in deren Händen die Möglichkeit liegt, den Kapitalismus abzulösen durch eine neue Gesellschaft, den Sozialismus. Marx nannte das Proletariat daher den „Totengräber“ des Kapitalismus[20]. Weil die ökonomische Entwicklung selbst nicht ausreicht, um den endgültigen Übergang von einer Gesellschaftsformation in eine andere zu bewirken, bedarf es eines revolutionären Aktes, der das Ergebnis der vielfältigen Konflikte zwischen den Klassen ist. Der Klassenkampf als bestimmendes Bewegungsmoment der Geschichte umschließt nicht nur Kämpfe um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, sondern auch die Kämpfe der den Klassen zugehörigen Ideologien gegeneinander (z.B. Liberalismus gegen Kommunismus), Kämpfe um die bessere Organisierung und um bessere Siegeschancen einer Klasse oder, im besonderen Fall des 20. Jahrhunderts, den internationalen Konflikt zwischen den sozialistischen und den kapitalistischen Ländern. Doch nicht nur die Entstehung von revolutionären Klassen zeigt an, wann eine Gesellschaftsform reif für den Übergang zur nächsthöheren ist. Während die klassengesellschaftlichen Produktionsverhältnisse die Entwicklung der Produktivkräfte zu Anfang ihres Bestehens befördern, werden die spezifischen Institutionen der Produktionsverhältnisse irgendwann immer die weitere Entwicklung der Produktivkräfte hemmen. Die Institutionen des Feudalstaats (Leibeigenschaft, Zünfte, Zehnten usw.) wurden zur Fessel der Produktivkraftentwicklung und mussten verschwinden, bevor der technische Fortschritt des Kapitalismus möglich wurde. Auch der Kapitalismus wirkt heute in zunehmendem Maße nur noch als Schranke der Produktivkräfte (s.u). Die einzige Gesellschaftsformation, die diesem Schicksal entgehen kann, ist die sozialistische. Um den Kapitalismus und seine Klassen wird es nun gehen. Um den Sozialismus und darum, wie man ihn erreicht, an späterer Stelle.

Da der Historische und Dialektische Materialismus seinen Blick auf den Geschichtsprozess als Ganzes richtet, statt, wie die bürgerliche Geschichtsschreibung, als Aneinanderreihung von Daten und Ereignissen, denen nur teilweise ein Zusammenhang zugestanden wird, ist auch nur er in der Lage, die bestehende Gesellschaft als Ganze, also auf der Ebene des Systems, zu kritisieren. Die bürgerliche Wissenschaft erkennt dagegen immer nur einzelne Problemlagen, nicht jedoch ihre kausale Verbindung zu den gesellschaftlichen Verhältnissen, die sie erst hervorgebracht haben. Indem der gesellschaftliche und historische Gesamtzusammenhang nicht betrachtet und nicht kritisiert wird, gerät die bürgerliche Anschauungsweise zur stillen Rechtfertigung dieses Gesamtzusammenhangs: Das Bestehende erscheint als ewig Notwendiges, dem historischen Wandel nicht Unterworfenes. Lukács schreibt über diese Art Anschauung:

„Die Rohheit und Begriffslosigkeit solcher Reflexionszusammenhänge besteht vor allem darin, daß durch sie der geschichtliche, der vorübergehende Charakter der kapitalistischen Gesellschaft verdunkelt wird und diese Bestimmungen als zeitlose, ewige, allen gesellschaftlichen Formen gemeinsame Kategorien erscheinen.“[21]

Außerdem übersehe die bürgerlich-positivistische Methode

„daß die einfachste Aufzählung, die kommentarloseste Aneinanderreihung von ‚Tatsachen‘ bereits eine ‚Interpretation‘ ist: daß schon hier die Tatsachen von einer Theorie, von einer Methode aus erfaßt, aus dem Lebenszusammenhang, in dem sie sich ursprünglich befunden haben, herausgerissen und in den Zusammenhang einer Theorie eingefügt worden sind.“[22]

Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

3. Kritik der Politischen Ökonomie

Der Platz, den Charles Darwin und die Evolutionstheorie in der Biologie einnehmen, steht Marx und dem Marxismus in der Politischen Ökonomie zu. Dass sich der Marxismus im Gegensatz zur Evolutionstheorie nicht als allgemein anerkannte, richtige Theorie durchgesetzt hat, liegt nicht an Schwächen der Theorie, sondern unter anderem daran, dass die Interessen der Herrschenden einer Entschleierung und richtigen Analyse des Kapitalismus entgegengesetzt sind. Als Galileo Galilei das Dogma der Kirche bestritt, die Sonne drehe sich um die Erde und dieser Irrlehre das kopernikanische Weltbild entgegensetzte, demzufolge es umgekehrt die Planeten sind, die sich um die Sonne bewegen, stellte er die Unfehlbarkeit der Kirche in Frage und sie verbot seine Lehren. Heute fällt auch das Werk von Marx metaphorisch gesehen täglich der Inquisition zum Opfer – im Fernsehen, in den bürgerlichen Zeitungen, in der bürgerlichen Wissenschaft. Dies kann sich erst eines Tages durch den Sieg des Sozialismus ändern.

Die an den Universitäten, in den Wirtschaftsteilen der großen Tageszeitungen und natürlich in Unternehmerverbänden und rechten Think Tanks vorherrschende Wirtschaftstheorie beginnt ihre Argumentation in der Regel damit, dass gewisse Handlungen von Menschen festgestellt und zu immer gültigen Verhaltensmustern der Menschheit verallgemeinert werden. Diese postulierte „Natur des Menschen“ lässt sich, wie es mit Natureigenschaften nun mal der Fall ist, dem Verständnis der bürgerlichen Theorien zufolge auch nicht ändern. Und von diesen angeblich allgemeingültigen Verhaltensweisen der Menschen schließen liberale Ökonomen auf das dem Menschen angeblich angemessenste System: Die „Marktwirtschaft“, oder, wie wir es nennen wollen, den Kapitalismus.

Gegen diese Vorgehensweise müssen schwer wiegende Einwände erhoben werden. Es ist wissenschaftlich völlig unzulässig, von den Verhaltensweisen mancher Menschen (von allen kann ja nicht einmal die Rede sein), die allesamt unter denselben Bedingungen beobachtet wurden, nämlich denen des Kapitalismus, auf eine allgemeine Menschennatur zu schließen. Genau das tut aber die psychologisierende Methode der liberalen Wirtschaftstheorie: Das „Streben nach Nutzenmaximierung“, das jedem Individuum zueigen sei, komme am besten im Kapitalismus zum Tragen und ermögliche dort Wohlstand für alle durch den konkurrenzförmigen Anreiz zur Anstrengung. Die Erkenntnis des Historischen Materialismus bestand nun aber gerade darin, dass Menschen nicht gleich bleiben, sondern sich über die verschiedenen Stufen der Entwicklung von Gesellschaften hin verändern. Einen individualistischen Drang zur Maximierung des eigenen Nutzens kann man erst im Kapitalismus, das heißt etwa in den letzten 300 oder 400 Jahren der Menschheitsgeschichte beobachten. Im Denken eines mittelalterlichen Bauern oder Bäuerin wird man vergeblich überhaupt nach einem Begriff vom Individuum im neuzeitlichen Sinn suchen. Es ist also klar, dass nicht das „naturgemäße“ Handeln der Menschen schuld am Kapitalismus ist, sondern umgekehrt der Kapitalismus erst das Bewusstsein produziert, das die Verfechter des Systems dann als Natur des Menschen deuten.  Aus der Wirtschaftswissenschaft, die eine Erklärung der Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie bieten sollte, wird im Fall der liberalen Wirtschaftswissenschaft überwiegend Apologie, also Verschleierung, Rechtfertigung und Schönfärberei des kapitalistischen Systems durch Missachtung wissenschaftlicher Methoden. Der Begriff Politische Ökonomie verweist darauf, dass für Marx die Ökonomie kein für sich abgeschlossener Wissenschaftsbereich war, der zu seinen Analysen durch die Untersuchung rein wirtschaftlicher Phänomene oder das Aufstellen mathematischer Modelle über die Volkswirtschaft gelangen könnte. Ökonomie ist aus Marxscher Perspektive eng verknüpft mit der Politik, die ihren Ablauf sichert wie beeinflusst und die ihrerseits in vielfacher Hinsicht auf der Ökonomie basiert.

Ware, Tauschwert, Wert, Gebrauchswert, Geld und Preis:

Die ökonomische Theorie von Karl Marx beginnt im Gegensatz dazu nicht mit dem Individuum, sondern mit der Ware, die Marx als „elementarisches Dasein“ des bürgerlichen Reichtums bezeichnet[23]. Die Ware ist für Marx die Grundeinheit und höchste Abstraktionsebene der kapitalistischen Produktionsweise, und da er diese Produktionsweise untersuchen möchte, muss er bei ihrer einfachsten Ausdrucksform anfangen. Waren haben laut Marx einen Doppelcharakter. Sie sind einerseits Objekte mit bestimmten physischen Eigenschaften, die sie für die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse nutzbar machen. Z.B. eignet sich ein Apfel so gut zum essen, weil er Vitamine beinhaltet und gut schmeckt; Öl eignet sich zum Heizen, weil es in wenig Volumen viel Energie speichert usw. Solche nützlichen Dinge, die Bedürfnisse befriedigen können, nennt Marx Gebrauchswerte[24]. In der kapitalistischen Gesellschaft werden Gebrauchswerte aber selten für den Eigenkonsum produziert und auch nicht, um verschenkt oder sonstwie einfach verteilt zu werden. Während sich früher noch viele Familien ihre Bauernhöfe und ihr Land selbst ernähren konnten, sind heute in den Industrieländern fast alle Menschen darauf angewiesen, sämtliche Mittel ihres Bedarfs zu kaufen. Die Gebrauchswerte nehmen dadurch Warenform an, womit sie, wie bereits angekündigt, eine zweite Seite erhalten: einen Tauschwert. Der Tauschwert einer Ware bezeichnet das quantitative Verhältnis „worin sich Gebrauchswerte einer Art gegen Gebrauchswerte anderer Art austauschen, ein Verhältnis, das beständig mit Zeit und Ort wechselt“[25]. Obwohl dieses Verhältnis wechselt, ist es doch über kürzere Zeiträume und innerhalb einer Gesellschaft mit entwickelten Tauschbeziehungen mehr oder weniger auf einem bestimmten Niveau konstant. Wer sich einbildet, seine Äpfel morgen für das Zehnfache verkaufen zu können, wird schnell merken, dass er zu solchen Preisen vermutlich gar keine Äpfel mehr verkaufen kann. Die Tauschverhältnisse sind also weder zufällig noch vom Willen Einzelner abhängig. Wie das bestimmte Niveau, auf dem Güter einer Art gegen Güter einer anderen Art typischerweise getauscht werden (z.B. 3 kg Äpfel gegen 2 kg Baumwolle) zustande kommt, erfordert eine Erklärung. Offensichtlich haben die getauschten Güter trotz ihrer verschiedenen physischen Eigenschaften eine gemeinsame Eigenschaft, die sie vergleichbar und damit tauschbar macht. Genau genommen sind sie ja sogar erst wegen ihrer unterschiedlichen physischen Eigenschaften tauschbar, denn Äpfel gegen gleiche Äpfel zu tauschen, ist völlig sinnlose Zeitverschwendung. Diese gemeinsame Eigenschaft der Waren kann also nicht in physischen Eigenschaften wie Masse, Volumen, Farbe etc. bestehen. Die gemeinsame Eigenschaft ist ihr Wert, und der besteht darin, dass sie Arbeitsprodukte sind, die für den Tausch produziert wurden. Der Wert der Waren ist, im Gegensatz zum Gebrauchswert, als Quantum messbar und zwar durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zur Produktion der Ware. Ein Schiff ist deswegen so viel teurer als eine Flasche Orangensaft, weil man viel mehr Zeit braucht, um ein Schiff zu bauen, als um einen Liter Saft zu pressen. Was zählt, ist hierbei nicht die individuelle Arbeitszeit, sondern wie gesagt die gesellschaftlich notwendige: Ein Tisch wird nicht dadurch mehr wert, dass der Tischler oder die Tischlerin besonders ungeschickt ist und doppelt so lange braucht wie alle anderen. Die Preise sind ja für eine und dieselbe Warenart dieselben, denn niemand kauft einen Tisch, wenn er den gleichen Tisch beim benachbarten Händler für den halben Preis bekommt. Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist die Arbeitszeit, die für die Produktion einer bestimmten Warensorte mit durchschnittlicher Technik, durchschnittlich ununterbrochener Rohstoffzufuhr, durchschnittlichem Geschick des Arbeiters/der Arbeiterin usw. benötigt wird. Wert gibt es in Gesellschaften, in denen Privatpersonen unabhängig voneinander (das heißt, nicht unter einem gemeinsamen zentralen Wirtschaftsplan) produzieren und ihre Produkte auf dem Markt gegeneinander tauschen. Der Wert ist also letztendlich nichts anderes als eine Befähigung dazu, durch Tausch auf Reichtum zuzugreifen, der von anderen Menschen produziert wurde.

Doch warum soll es ausgerechnet die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit sein, die die Austauschrelationen reguliert und nicht irgendetwas anderes? Ein häufig gehörter Gegenvorschlag ist, dass Angebot und Nachfrage nach einer Ware ihre Austauschrelationen regulieren. Das ist auch in gewissem Sinne richtig, aber es kann auch nicht die ganze Wahrheit sein. Schwankungen in Angebot und Nachfrage bewirken immer nur eine Abweichung der Austauschrelationen von einem bestimmten Niveau. Die Theorie muss aber nun erklären können, was die Austauschrelationen reguliert, wenn Angebot und Nachfrage genau im Gleichgewicht sind. Ein gemeinsames Drittes, das allen Austauschrelationen zugrundeliegt, müssen die beiden Waren also trotzdem noch haben.

Adam Smith wählt das Beispiel eines Jägervolks, dessen einer Teil sich auf das Jagen von Bibern spezialisiert hat, während ein anderer Teil Rehe jagt[26]. Wenn die Jagd eines Bibers durchschnittlich doppelt so viel Arbeitszeit kostet wie die eines Rehs, muss nach der Arbeitswerttheorie ein Biber so viel wert sein wie zwei Rehe. Nach diesem Gesetz würden sich auf dem Markt die Jäger beider Tiere richten müssen, ob sie es wollen oder nicht. Denn würden beispielsweise einige Jäger der Rehe aus irgendeinem Grund nur noch ein Reh gegen einen Biber tauschen, dann wäre die Jagd auf Biber nicht mehr lohnend und viele Biber-Jäger würden auf die Jagd von Rehen umsteigen. Dadurch würde ein Überangebot an Rehen entstehen und ihr Austauschverhältnis zu den Bibern würde wieder sinken. Umgekehrt wäre es auf Dauer genauso unmöglich, für einen Biber drei Rehe zu verlangen, da dadurch die Reh-Jäger zu Biber-Jägern würden und der Umtauschkurs sich zugunsten der Rehe wieder ändern würde. Dieses extrem vereinfachende Beispiel trifft auf die heutige Realität natürlich nur bedingt zu: Es gibt mehrere Faktoren, die ein solch unmittelbares Wirken des Wertgesetzes behindern, indem sie z.B. den freien Fluss der Arbeitskräfte zwischen den Produktionszweigen blockieren. Das Beispiel zeigt allerdings, wie unter den allgemeinsten Umständen (das heißt unter Abstraktion von allen modifizierenden Faktoren) die Austauschrelationen in einer warenproduzierenden Gesellschaft gebildet werden. Es weist somit auf die zentrale Erkenntnis hin, dass das Wertgesetz der Mechanismus ist, der durch die Regulierung der Austauschbeziehungen die Arbeit im Kapitalismus auf die verschiedenen Produktionszweige verteilt. Dass das Gesetz, welches die Austauschbeziehungen in letzter Instanz reguliert, nur dann ganz unmittelbar wirken kann, wenn der Tausch ungestört von allen zusätzlichen Einflüssen vor sich geht, ist nur logisch. Die besagten Faktoren, die die unmittelbare Durchsetzung des Wertgesetzes, also einen Tausch von exakten Wertäquivalenten, normalerweise verhindern, müssen durch die Theorie erklärbar sein. Aber gleichzeitig muss das ihnen zugrundeliegende Gesetz den Ausgangspunkt der Analyse bilden, wenn man nicht bei der Beschreibung bloßer Oberflächenphänomene verbleiben will.

Der Gebrauchswert der Dinge ist zwar Voraussetzung dafür, dass sie überhaupt verkauft werden und einen Wert haben können (denn einen für nichts brauchbaren Gegenstand, der nicht einmal der Dekoration dienen kann, kauft niemand) – aber trotzdem hat der Gebrauchswert mit dem Wert nicht direkt etwas zu tun. Eine Sache wird nicht deshalb viel wert, weil sie einen großen Gebrauchswert hat. Das wäre auch gar nicht möglich, denn der Wert ist eine objektiv gegebene Eigenschaft der Waren auf dem Markt, während der Gebrauchswert immer mehr oder weniger subjektiv empfunden wird. Die liberale Grenznutzenlehre macht jedoch genau diesen Fehler, indem sie versucht, objektiv vorherrschende Preisrelationen durch subjektive Bedürfnisse der tauschenden Individuen zu erklären[27].

Manche Dinge sind für die Menschen sehr wichtig, wie z.B. Wasser, aber trotzdem nicht sehr teuer, weil man es (noch) leicht fördern und reinigen kann. Marx schreibt zur Verdeutlichung des Unterschieds:

„Am Brot als Gebrauchswert interessieren uns seine Eigenschaften als Nahrungsmittel, keineswegs die Arbeiten von Pächter, Müller, Bäcker usw. Wenn durch irgendeine Erfindung 19/20 dieser Arbeiten wegfielen, würde das Laib denselben Dienst leisten wie zuvor. Wenn es fertig vom Himmel fiele, würde es kein Atom seines Gebrauchswerts verlieren.“[28]

Es würde in diesem Fall aber sehr wohl seinen Wert verlieren und zwar vollständig. An dieser Stelle ist vielleicht schon dem/der einen oder anderen Leser_in aufgefallen, dass Marx nicht alle gehandelten Güter als Waren behandelt, sondern den Kreis der Waren einschränkt, indem er ausschließlich von Arbeitsprodukten spricht. Unbearbeiteter Boden, den man ja ebenfalls verkaufen kann, oder Wertpapiere an der Börse wurden nicht durch Arbeitsaufwand produziert und haben daher auch keinen Wert. Marx‘ Kritiker Eugen von Böhm-Bawerk hat diese Vorgehensweise später scharf kritisiert, da sie willkürlich einen Teil der Waren ausklammere und den Erklärungsbereich der Theorie unzulässig einschränke[29]. Dass dieser Vorwurf falsch ist, wird an späterer Stelle des „Kapital“ klar, da Erscheinungen wie die genannten (Boden, Wertpapiere etc.) auch wenn sie keinen eigenen Wert haben, doch von Werten abgeleitet sind und daher voll und ganz auf dem Boden der Arbeitswerttheorie erklärbar sind.

Dass die Marxsche Analyse mit so abstrakten Kategorien wie Wert und Ware beginnt, ist kein Zufall. Wie wir im Folgenden darstellen werden, entwickelt Marx in seinem Werk aus der abstraktesten, grundlegendsten Kategorie (der Ware) die konkreteren. Auch die Ökonomie ist eine Totalität, deren Analyse nicht Untersuchung ihrer Einzelteile sein darf (wie es in der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaft geschieht), sondern die Ableitung des Ganzen von seinem zentralen Punkt, seiner „Keimzelle“ aus. Deshalb kann auch nur eine Darstellungsweise, die die Entwicklung des Ganzen in seinen konkreten Einzeläußerungen aus dem Abstraktesten zeigt, dem Totalitätscharakter der Realität gerecht werden. Dies verkompliziert aber das Verständnis des Marxschen Analysegangs, denn die Wahrnehmung funktioniert ja umgekehrt: Wir nehmen nicht abstrakte Kategorien wahr (wie „die Ware“ usw.), sondern konkrete Tatsachen wie z.B. ein kapitalistisches Unternehmen, eine Krise, ein Profit in bestimmter Höhe usw. Von all den konkreten Eigenschaften abzusehen, um zum Kern der Sache vorzudringen, erfordert ein gewisses Abstraktionsvermögen. Im Folgenden wird nun die Entfaltung der grundlegenden ökonomischen Kategorie Ware zu weniger allgemeinen Kategorien wie Geld, Kapital, Lohnarbeit usw. vorgestellt werden.

Im direkten, unmittelbaren Tausch der Waren gegeneinander wird schnell klar, dass dieser Tausch unpraktisch ist. Ein_e Müller_in, der/die Holz zum Heizen braucht, müsste, um an Holz zu kommen, jedes Mal eine_n Holzfäller_in finden, der/die die entsprechende Menge Mehl nachfragt. In einer Gesellschaft mit entwickelter Arbeitsteilung und vielen Millionen Warensorten ist das natürlich nicht möglich. Daher hat sich in jeder solchen Gesellschaft eine Ware herausgebildet, die überall im Austausch für alle anderen akzeptiert wird und gegen die man umgekehrt auch alle Waren eintauschen kann. Diese Ware nennt Marx das allgemeine Äquivalent. Nimmt eine bestimmte Ware dauerhaft die Funktionen des allgemeinen Äquivalents an, z.B. Gold, dann kann man von Geld sprechen. Der Wert einer Ware, in Geld ausgedrückt, heißt Preis. Preis und Wert sind also begrifflich streng zu trennen[30]. Zu Zeiten von Marx war das Geld also selbst eine Ware. Es gab zwar auch Papiergeld, aber dieses war in seinem Wert an das Gold gebunden. Seit das internationale Währungssystem von Bretton Woods Anfang der 1970er Jahre zusammenbrach, ist das anders: Geld hat keine feste Bindung mehr an irgendeine Ware. Ob dieser Befund für die marxistische Arbeitswertlehre ein theoretisches Problem darstellt, ob die Marxsche Theorie eine Geldware braucht und ob es eine solche vielleicht doch noch gibt, ist in vielen Beiträgen diskutiert worden[31]. Diese Diskussion kann hier selbstverständlich nicht nachgezeichnet werden. Das Hauptproblem dreht sich darum, ob Geld ohne Eigenwert (d.h. Geld, das keine vergegenständlichte abstrakte Arbeit darstellt, z.B. Papiergeld oder digitales Geld) erklärbar ist mit einer Theorie, die vom Austausch gleichwertiger Arbeitsprodukte ausgeht und auch das Geld (als Gold) davon nicht ausnahm. Nach unserer Meinung ist ein an keine Ware gebundenes, reines Zeichengeld mit den Begriffen der Marxschen Theorie aber vollständig erklärbar. In einem System des Warengeldes, z.B. des Goldstandards, ist der Geldwert doppelt fixiert: Er ist bestimmt durch die Werte der Waren, die man mit einer bestimmten Summe Geld kaufen kann. Er ist aber auch bestimmt durch den Wert des Goldes, an den die staatliche Emission (d.h. Schöpfung) des Papiergeldes gebunden ist – in dem Sinne, dass das Papiergeld nicht dauerhaft in bedeutendem Maße vom Goldwert abweichen kann, ohne für das Währungssystem erhebliche Probleme zu verursachen. Eine solche doppelte Fixierung, die bei historischen Geldsystemen vorkam, gehört aber nicht zum Wesen des Geldes. Das heißt, dass die Bestimmtheit des Geldwertes durch die Masse der Waren, gegen die es getauscht werden kann, ausreicht. Geld einer bestimmten Menge lässt sich nur dann gegen eine Ware mit tatsächlichem Wert eintauschen, wenn es dem Verkäufer der Ware garantiert ist, dass er seinerseits das Geld gegen eine Ware mit demselben (oder einem höheren) Wert eintauschen können wird. Marx drückt diesen Sachverhalt so aus, dass die Geldform „nur der an einer Ware festhaftende Reflex der Beziehungen aller andren Waren“[32] sei.

Indem den Waren außer ihrem sinnlich wahrnehmbaren Gebrauchswert auch noch Wert zukommt, ist die Ware nicht mehr auf das Verhältnis zwischen Mensch und Gebrauchsgegenstand reduzierbar. Der Wert als Eigenschaft der Ware verweist auf einen abstrakten, gesellschaftlichen Charakter des Gegenstandes, der sich nur aus der Beziehung zwischen verschiedenen Menschen erklären lässt: Robinson Crusoe kann auf seiner Insel keinen Wert produzieren, solange es niemanden gibt, der mit ihm tauschen kann oder will. Robinson stellt nur Gebrauchswerte her, die er selbst konsumiert[33]. Im Kapitalismus dagegen werden Waren produziert, um sie gegen Geld tauschen zu können und so ihren Wert zu realisieren. Die Produktion von Waren ist mit wenigen Ausnahmen für den Menschen im Kapitalismus die einzige Möglichkeit, an das zum Überleben notwendige Einkommen zu kommen (wie genau das aussieht, wird wenig später näher erklärt). Die Bewegungen der Warenströme stehen aber nicht unter der Kontrolle einzelner Menschen oder irgendeiner höheren Instanz. Das Wertgesetz (d.h. der „Markt“, wie liberale Ökonom_innen sagen würden) reguliert die Proportionen, in denen Waren  produziert, konsumiert oder vernichtet sowie die Preise, zu denen sie gehandelt werden. Der Mensch ist im Kapitalismus nicht Herrscher über die Waren, sondern umgekehrt: Wie eine Götterstatue, die ein lebloser Gegenstand ist, der aber trotzdem übernatürliche, Menschen beherrschende Eigenschaften zugeschrieben werden, beherrscht die Ware und ihr „Eigenleben“ das Leben der Menschen. Marx spricht daher vom Fetischcharakter der Ware: Die Verhältnisse zwischen den Menschen stellen sich auf dem Markt als Verhältnisse zwischen Waren, also zwischen Sachen dar. So entsteht die Illusion, dass der Wert und die Warenform (also die Tauschbarkeit von Gegenständen) Eigenschaften der Dinge selbst, also Natureigenschaften wären. Dass sie aber nur gesellschaftliche Eigenschaften sind, die in anderen Gesellschaftsformationen nicht vorkamen, wird verschleiert. Die Beherrschung der Menschen durch den Austauschprozess der Waren erscheint den Beteiligten nicht als in einer bestimmten Gesellschaftsformation, dem Kapitalismus, vorherrschendes Verhältnis, das von Menschen gemacht wurde und von Menschen wieder aufgehoben werden kann – sie erscheint als „Sachzwang“. Daher die Rechtfertigungen bürgerlicher Politiker_innen für Lohnkürzungen, Sozialabbau, mangelnde Umweltschutzgesetze usw. als dem „Sachzwang“, der „Globalisierung“ und ähnlichem geschuldet. Die Bezeichnung Fetischcharakter spielt auf die Gemeinsamkeit bürgerlicher Ideologie mit den Religionen an: In beiden erscheint der Mensch einer Art überirdischer Gewalt unterworfen, der er durch sein Handeln nicht entrinnen kann – in der Religion einem oder vielen Göttern, in der bürgerlichen Ideologie dem Markt. Beide Auffassungen haben mit Wissenschaft wenig zu tun und beide behindern die Selbstbefreiung des Menschen aus gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen ihm und seinen Lebensinteressen ständig Gewalt angetan wird. Der Warenfetisch ist somit ein dem Kapitalismus immanentes Hindernis für die Entstehung von Klassenbewusstsein, dem nur mit der richtigen Analyse der kapitalistischen Gesellschaft entgegengewirkt werden kann. Die richtige Analyse kann selbstredend den Warenfetisch nicht aufheben; die Beherrschung von Menschen durch Waren kann nur gleichzeitig mit dem Kapitalismus aufgehoben werden. Sie kann aber die Menschen in die Lage versetzen, in die Ursachen ihrer Unterwerfung unter den Markt Einsicht zu gewinnen und gegen diese Ursachen vorzugehen.

Mit der weiteren Entwicklung der Theorie werden weitere Fetischisierungen aufgedeckt: Das Geld trägt zur noch weiteren Verschleierung der Realität bei. Weil alle Waren auf dem Markt gegen Geld getauscht werden und ihren Wert im Geld darstellen, scheint es so, als wäre das Geld eine Art innere Eigenschaft, eine Substanz der Waren: „Eine Ware scheint nicht erst Geld zu werden, weil die anderen Waren allseitig ihre Werte in ihr darstellen, sondern sie scheinen umgekehrt allgemein ihre Werte in ihr darzustellen, weil sie Geld ist“[34]. Das Geld erscheint dem/der vom Geldfetisch Geblendeten als das eigentliche Wesen, das dem Wert der Waren zugrundeliegt und die Waren scheinen nur deshalb gegeneinander tauschbar zu sein, weil sie im Geld eine Gemeinsamkeit haben. In Wirklichkeit ist es aber umgekehrt: Die Waren können nur deshalb gegeneinander und gegen Geld getauscht werden, weil sie einen intrinsischen, also in ihnen selbst liegenden Wert (also gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit) besitzen[35].

Lohnarbeit, Mehrwert, variables und konstantes Kapital

Wer einen nützlichen Gegenstand von Wert sein eigen nennt, aber stattdessen lieber einen anderen Gegenstand mit demselben Wert besäße, kann verkaufen und mit dem so gewonnenen Geld den Gegenstand seines Begehrens auf dem Markt kaufen. So kann ein_e Schreiner_in beispielsweise durch den Verkauf eines Tisches zu dem Geld kommen, das er bzw. sie benötigt, um ein paar Tage lang seiner bzw. ihrer Familie die Nahrung, die Miete und sonstige Mittel zur Bedürfnisbefriedigung zu bezahlen. Ware wird verkauft, sie „verwandelt“ sich in Geld. Das Geld kommt erneut auf den Markt und „verwandelt“ sich seinerseits wiederum in eine andere Ware. Wichtig ist, dass es sich nicht zweimal um gleiche Waren handelt, da sonst der Tausch sinnlos wäre. Marx nennt diesen zweistufigen Tauschprozess Ware – Geld – Ware oder W – G – W. Das Ziel, das der/die Schreiner_in mit einem solchen Tauschvorgang verfolgt, ist die Befriedigung seiner bzw. ihrer Bedürfnisse, z.B. nach Nahrung.

Der Besitzer einer Summe Geld kann mit seinem Geld viele nützliche Dinge kaufen. Oft, wenn Menschen mit Geld etwas kaufen, dient die Ware der Befriedigung irgendeines Bedürfnisses. Der/die Schreiner_in könnte z.B. in den Supermarkt gehen und für seine/ihre Familie die Zutaten zu einer Gemüsesuppe kaufen. In unserer Gesellschaft, die eine kapitalistische ist, kann man aber auch Dinge kaufen mit dem Ziel, sie wieder zu verkaufen. In einem solchen Fall haben wir es mit dem Vorgang Geld – Ware – Geld oder G – W – G zu tun. Wenn das Geld am Anfang und am Ende des Tauschprozesses steht, macht der Vorgang nur unter einer Bedingung Sinn: Am Ende muss mehr Geld vorhanden sein als am Anfang, denn für 1000 € Waren kaufen, um sie für 1000 € wieder zu verkaufen wäre reine Zeitverschwendung. Kaufe ich allerdings für 1000 € ein und kann für 1100 oder 1200 € wieder verkaufen, wird dieser Vorgang interessant. Diesen Vorgang, während dem eine Vergrößerung von G stattfindet, fasst Marx in die Formel G – W – G‘.

Woher kann aber ein solcher Wertunterschied kommen? Es wäre möglich, dass ein_e Verkäufer_in durch geschickten Handel Waren unter ihrem Wert kaufen und/oder sie über ihrem Wert wieder verkaufen kann. Dann könnte er einen Gewinn einstreichen, ohne dass sich am eigentlichen Wert der Ware etwas verändert hätte. Dies kann aber nur in manchen Fällen der Grund für den Wertunterschied sein, denn in so einem Fall gewinnt der/die Händler_in nur dadurch, dass seine Handelspartner_innen verlieren. In der gesamten Gesellschaft kann auf diese Weise kein neuer Wert geschaffen werden, denn es wurde ja nur bereits vorhandener Wert umverteilt. Außerdem hatten wir anfangs ja angenommen, dass alle Waren zu ihren Werten getauscht werden und daher Betrügereien oder Benachteiligungen beim Tausch ausgeschlossen sind.

Es gibt nur eine Möglichkeit, wie beim Tauschvorgang G – W – G ein Gewinn herausspringen kann, ohne dass es zu ungleichem Tausch kommt: Mit dem Geld vom Anfang muss eine Ware gekauft werden, die den besonderen Gebrauchswert hat, Wert zu schaffen. Der Ursprung des Wertes ist nun, wie wir an früherer Stelle gelernt haben, allein die menschliche Arbeit. Wenn ein Mann oder eine Frau Holz kauft und es wieder verkauft, hat sich an seinem Wert nichts geändert. Wenn er/sie aber gewissermaßen als „Zutat“ die Arbeitskraft kaufen kann, die das Holz zu einem neuen Produkt verarbeitet, ändert sich der Wert des Holzes sehr wohl. Das Holz schlagen hat vielleicht 3 Stunden in Anspruch genommen und daher kostete das Holz entsprechend viel. Die Weiterverarbeitung des Holzes zu einem Stuhl könnte z.B. durchschnittlich 7 Stunden dauern, sodass die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit für den Stuhl 10 Stunden beträgt. Der Einfachheit halber nehmen wir an, dass der Preis für das Holz bei 30, der für den Stuhl bei 100€ liegt. Natürlich wäre es falsch, anzunehmen, dass der Mann nur den Gegenwert von 3 Stunden Arbeitszeit für das Holz zahlen muss und den Wert, der 7 Stunden Arbeitszeit entspricht, als reinen Gewinn einstreichen kann. Denn natürlich arbeitet niemand umsonst, der es nicht muss, und der Mann/die Frau müsste daher dem/der Handwerker_in, der die 7 Stunden an dem Stuhl gearbeitet hat, einen Arbeitslohn zahlen.

Wie hoch muss nun dieser Arbeitslohn sein? Wir können sofort sagen, wie hoch er nicht sein darf: Ist der Arbeitslohn der vergegenständlichte Wert von 7 Stunden Arbeit, also 70€, wären die Produktionskosten für den Stuhl 30€ (Holz) + 70 € (Lohn) = 100€. Da der Stuhl auch 100€ wert ist, wären Produktionskosten und Produktwert gleich. Dann hätte der Mann/die Frau zwar dazu beigetragen, die Welt mit Stühlen zu versorgen und einem/einer Handwerker_in Arbeit zu verschaffen, doch einen persönlichen Gewinn hätte er bzw. sie nicht. Die Hoffnung auf einen Gewinn war aber das treibende Motiv des Mannes/der Frau, überhaupt in die Herstellung von Stühlen einzusteigen, denn aus reiner Wohltätigkeit hätte er/sie seine/ihre Investition nicht riskiert. Um am Ende des Tages auf diese Weise einen Gewinn zu erzielen, müsste der Arbeitslohn also auf jeden Fall unter 70€ liegen. Je niedriger der Lohn ist, desto weniger Geld muss der Mann/die Frau vorschießen und desto mehr Gewinn kann er/sie am Abend behalten. Liegt der Lohn unter 70€, z.B. bei 50€, dann betragen die Produktionskosten nur noch 80€. Wenn der Stuhl zu seinem Wert (100€) verkauft wird, behält der Mann/die Frau einen Gewinn von 20€. Dieser Vorgang, der ihm/ihr ohne eigene Arbeit einen Gewinn beschert hat, lässt sich selbstverständlich beliebig oft wiederholen. Wenn er/sie mit seinem Bemühen weiterhin denselben Erfolg hat, wird das Geld in seinem/ihrem Besitz nicht nur linear, sondern exponentiell wachsen.

Es hat also eine Vermehrung des Werts der beteiligten Güter (Holz + Arbeitskraft) von 80 auf 100€ stattgefunden. Diese Differenz ist für die marxistische Theorie des Kapitalismus von höchster Wichtigkeit. Marx nennt sie den Mehrwert. Der Mehrwert eines Industrieprodukts lässt sich berechnen als:

Produktwert minus Wert der verbrauchten Produktionsmittel (verbrauchte Rohstoffe und Verschleiß der Maschinen; letzteres heißt in der bürgerlichen Ökonomie „Abschreibung“) minus Wert der Arbeitskraft (Arbeitslohn)

Da der Prozess beliebig oft wiederholt werden kann, kann der erzeugte Mehrwert jedes Zyklus dem investierbaren Wert des nächsten Zyklus zugerechnet werden, sodass das wertmäßige Wachstum exponentiell verläuft[36]. Wert, der investiert wird, um der Produktion eines Mehrwerts zu dienen, heißt Kapital. Kapital, das diese Operation erfolgreich abschließt, d.h. tatsächlich seinen Wert vergrößert, wird verwertet. Die Personen, die diese Bewegung vollziehen,  also die Personen, die Geld für Produktionsanlagen ausgeben, Arbeiter_innen anheuern und am Ende den Profit einstreichen – heißen bei Marx Kapitalisten. Der/die Kapitalist_in besitzt zwei Eigenschaften: Er/sie ist Eigentümer_in des Kapitals und er/sie übt die Kontrolle aus über das Kapital und seine Verwertung. Er/sie ist also einerseits Kapitaleigner_in, andrerseits fungierender Kapitalist. Heute sind die beiden Eigenschaften häufig getrennt, sodass der/die Großaktionär_in, dem/der das Kapital gehört, mit der Verwaltung der Produktion nichts zu tun hat; diese übergibt er/sie in die Hände eines Managers oder einer Managerin, der/die wiederum nur das Kapital verwaltet, aber nicht besitzt. In Kapitalgesellschaften ist es überdies so, dass das Kapital des Unternehmens nicht einem, sondern vielen gehört. An den Bewegungsgesetzen, die sich aus dem Wesen des Kapitals ergeben, ändert das jedoch nicht das geringste. Diese Bewegungsgesetze sind, wie der Titel vermuten lässt, der Hauptgegenstand des dreibändigen Werks „Das Kapital“ von Marx.

Die Produktion von Mehrwert kann nur stattfinden, weil es Menschen gibt, die nichts besitzen, von dessen Verkauf sie leben könnten, außer ihrer Arbeitskraft. Außerdem kann sie nur stattfinden, weil es andrerseits Menschen gibt, die über genug Eigentum verfügen, um die Arbeitskraft der ersten Gruppe von Menschen zu kaufen und damit einen Profit zu erzielen. Produktion von Mehrwert gibt es also, genau wie Lohnarbeit, nur in einer Klassengesellschaft – und zwar nicht irgendeiner, sondern nur in einer kapitalistischen Klassengesellschaft. Die Arbeiter_innen sind nach Marx „doppelt frei“: Erstens müssen sie frei sein von Subsistenzmitteln (z.B. Ackerland zur Selbstversorgung), das heißt, sie haben nicht die Möglichkeit, anders ihren Lebensunterhalt zu verdienen als durch Lohnarbeit. Zweitens müssen sie juristisch gesehen die Freiheit haben, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, an wen sie wollen. Beide „Freiheiten“ existierten nicht unbedingt vor dem Kapitalismus und mussten erst – oft sehr gewaltsam – hergestellt werden: Weder durften leibeigene Bauern und Bäuerinnen ihre Arbeitskraft verkaufen an wen sie wollten, denn sie waren ja gezwungen, ohne Lohn für ihren Herrn oder ihre Herrin zu arbeiten, noch war die Freiheit von Subsistenzmitteln vorherrschend in den vorkapitalistischen Gesellschaften, in denen die Mehrheit der Bevölkerung auf dem Land lebte und dort auch ohne Lohnarbeit überleben konnte.

Der Mehrwert beruht also darauf, dass es im Kapitalismus eine Klasse von Menschen gibt, die keine andere Wahl haben, als ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Gekauft wird die Arbeitskraft nur, weil der Käufer oder die Käuferin (der/die Kapitalist_in) glaubt, damit einen Profit machen zu können. Er/sie kann damit meistens einen Profit machen, weil der Lohn für die Arbeit geringer ist als der von den Arbeitern neu geschaffene Wert. Aber ist das nicht ein ungleicher Tausch? Und waren wir nicht davon ausgegangen, dass alle Waren zu ihren Werten getauscht werden?

Es hilft hier, sich noch mal zu vergegenwärtigen, was der Wert einer Ware ist – nämlich die zu ihrer Produktion gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Beim Wert der Arbeitskraft dürfte es grundsätzlich nicht anders sein. Der Wert, zu dem die Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt gekauft werden kann, müsste demnach auch bestimmt sein durch die zur Produktion der Arbeitskraft gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Worin besteht die Produktion der Arbeitskraft? Darin, dass die Mittel für das Überleben des Arbeiters/der Arbeiterin und die Erhaltung seiner/ihrer Arbeitsfähigkeit (denn nichts anderes ist die Arbeitskraft) bereitgestellt werden und darin, dass der/die Arbeiter_in seine/ihre Familie auf niedrigem Niveau versorgen kann (denn seine Kinder sind die zukünftigen Arbeiter_innen). Der Wert einer einfachen, ungelernten Arbeitskraft ist also nichts anderes als der Wert der Lebensmittel (Nahrung, Wohnung, Kleidung usw.), die notwendig für die Arbeitsfähigkeit des Arbeiters/der Arbeiterin sind. Bei gelernten Arbeitskräften kommen die Kosten für ihre Ausbildung noch hinzu, weshalb auch der Wert auf dem Arbeitsmarkt und das Potential der Arbeitskraft zur Produktion von Wert steigen. Es ist nun aber nicht ganz eindeutig feststellbar, welches das Existenzminimum des Arbeiters/der Arbeiterin ist. Was als niedrigster akzeptabler Lebensstandard akzeptiert ist, kann in verschiedenen historischen Epochen und in verschiedenen Ländern variieren. Auch dass Arbeiter_innen sich in Gewerkschaften und Arbeiterparteien organisieren und für höhere Löhne und niedrigere Arbeitszeiten kämpfen können, wirkt sich auf die Höhe des Arbeitslohns aus. In jedem Fall aber muss der Arbeitslohn immer geringer sein als der Wert, den der damit bezahlte Arbeiter produziert. Der Produktwert muss immer höher sein als der Wert der Arbeitskraft und der verbrauchten Produktionsmittel, sonst kann es keinen Mehrwert geben. Der Ursprung des Mehrwerts ist im Kapitalismus die Möglichkeit für den Kapitalisten/die Kapitalistin, dem/der Arbeiter_in unbezahlte Mehrarbeit abzuringen. Der/die Arbeiter_in, der/die sich wahrscheinlich vorstellt, dass er/sie in seinem/ihrem eigenen Interesse arbeiten geht, arbeitet in Wirklichkeit nur zu einem Teil für sich (der Teil des Arbeitstages, in dem er/sie den Wert seines/ihres Arbeitslohns produziert), zu einem Teil aber für den Kapitalisten/die Kapitalistin (den Teil des Tages, in dem er/sie den Mehrwert produziert). Die Aneignung von Mehrarbeit nennt Marx Ausbeutung. Im Kapitalismus nimmt diese Mehrarbeit grundsätzlich die Form des Mehrwerts an. Das Verhältnis von Mehrwert zu Arbeitslohn nennt Marx Ausbeutungsrate (Exploitationsrate) oder Mehrwertrate. Ausbeutung ist im Kapitalismus per definitionem immer vorherrschend, denn ohne Ausbeutung gibt es keinen Profit; ohne Profit gibt es keinen Kapitalismus.

Die kapitalistische Lohnarbeit ist ihrem stofflichen Charakter nach zumeist Arbeit wie sie es in jeder anderen Gesellschaft auch wäre, z.B. das Reparieren einer Maschine oder das Stempeln von Briefumschlägen. Jedoch nimmt laut Marx die Arbeit im Kapitalismus besondere soziale Eigenschaften an, die sie zur entfremdeten Arbeit werden lassen. Der Lohnarbeiter geht nicht allein deshalb zur Arbeit, weil er durch sie seine Fähigkeiten entwickelt und seine Bedürfnisse befriedigt. Die Arbeit ist im Kapitalismus erzwungene Arbeit: Der/die Arbeiter_in, der/die nicht seine/ihre Arbeitskraft verkauft, verliert seine/ihre materielle Existenzgrundlage. Die Lohnarbeit findet unter fremdem Kommando (dem des Kapitalisten/der Kapitalistin) für ein fremdes Interesse (das des Kapitalisten/der Kapitalistin) statt. Die Produkte der Arbeit gehören nicht dem Arbeiter/der Arbeiterin, sondern – genauso wie die Rohmaterialien und Werkzeuge – dem Kapitalisten/der Kapitalistin. Der Kapitalist/die Kapitalistin verfolgt damit seine/ihre Zwecke, die im Wesentlichen denen des Arbeiters/der Arbeiterin entgegengesetzt sind. Das Produkt dient nicht mehr dem, der es produziert hat, ist nicht mehr sein Mittel zur Bedürfnisbefriedigung. Durch die kapitalistische Form der Aneignung wurde es zum Mittel der Befriedigung eines fremden, äußerlichen Interesses. Daher möchte jeder die Arbeit gerne vermeiden, was man daran sieht, dass „sobald kein physischer oder sonstiger Zwang existiert, die Arbeit als eine Pest geflohen wird“[37]. Erst im Sozialismus kann die Entfremdung der Arbeit aufgehoben werden. Die Arbeit wird dann nicht mehr bloß zu einem notwendigen Übel, sondern zum Mittel der menschlichen Entwicklung. „Die Entäußrung des Arbeiters in seinem Produkt hat die Bedeutung, nicht nur, daß seine Arbeit zu einem Gegenstand, zu einer äußern Existenz wird, sondern daß sie außer ihm, unabhängig, fremd von ihm existiert und eine selbständige Macht ihm gegenüber wird, daß das Leben, was er dem Gegenstand verliehn hat, ihm feindlich und fremd gegenübertritt“[38].  Die Produktionsweise, unter der er/sie das Produkt hergestellt hat, dient seiner/ihrer Unterjochung und der Arbeitsprozess seiner/ihrer körperlichen Verstümmelung und geistigen Verrohung: „Die Arbeit produziert Wunderwerke für die Reichen, aber sie produziert Entblößung für den Arbeiter. Sie produziert Paläste, aber Höhlen für den Arbeiter. Sie produziert Schönheit, aber Verkrüppelung für den Arbeiter. Sie ersetzt die Arbeit durch Maschinen, aber sie wirft einen Teil der Arbeiter zu einer barbarischen Arbeit zurück und macht den andren Teil zur Maschine. Sie produziert Geist, aber sie produziert Blödsinn, Kretinismus für den Arbeiter“[39]. Die Monotonie der Arbeitsprozesse, menschenfeindliche Arbeitsbedingungen, die aus Kostengründen nicht abgeschafft werden, Umgang mit ungesunden Materialien, der lange Arbeitstag, Leistungsdruck, demütigende Behandlung usw. usf. führen dazu, dass die kapitalistische Arbeit den Arbeiter/die Arbeiterin zerstört, statt ihm/ihr zu nutzen. Der Mensch entfremdet sich so von seiner Menschlichkeit, indem er sich in der einzigen spezifisch menschlichen Tätigkeit, der Arbeit, wie ein Tier fühlt. Erst langwierige Klassenkämpfe haben in den Industrieländern die Arbeitsbedingungen verbessern können (natürlich ohne die Entfremdung an sich zu überwinden), aber in den weniger entwickelten Ländern sind sie noch genauso wie zu Zeiten der Jugend des europäischen Kapitalismus.

Außer den beiden genannten Voraussetzungen des Kapitalismus (der doppelten Freiheit der Arbeiter_innen) gibt es noch eine dritte: Das Vorhandensein eines Marktes für die Produkte. Auch diese Voraussetzung musste historisch oft erst hergestellt werden: Als ein Großteil der Menschen sich noch selbst versorgen konnte, kauften auch weniger von ihnen auf dem Markt ein. Erst seit die Menschen in den Industriestaaten die Subsistenzwirtschaft aufgegeben haben (zumindest die allermeisten), sind sie gezwungen, auf dem Markt die Mittel zu ihrer Bedürfnisbefriedigung zu besorgen.

Das Kapital, das ein_e Kapitalist_in aufwenden muss, lässt sich analytisch unterteilen: Einen Teil des Kapitals wird er als Arbeitslohn an seine Arbeiter_innen auszahlen müssen. Da die Arbeiter_innen durch ihre Arbeit Wert schaffen, kommt dieser Teil aber vergrößert zum Kapitalisten/zur Kapitalistin zurück. Deshalb nennt Marx ihn variables Kapital. Ein_e Kapitalist_in stellt aber nicht nur Arbeiter_innen ein, sondern benötigt auch Rohstoffe, die die Arbeiter_innen bearbeiten und im Produktionsprozess verbrauchen. Außerdem sind für den Produktionsprozess auch Gebäude nötig und, wie wir im folgenden Kapitel sehen werden, Maschinen und Technologie. All diese „toten“ Gegenstände spielen zwar eine Rolle im Produktionsprozess, aber sie können das nur aufgrund der „lebendigen“ Arbeit, die sie in Bewegung setzt. Sie arbeiten nicht selbst, sie werden bearbeitet. Sie produzieren daher auch keinen Wert, sondern ihr Wert wird lediglich auf das Arbeitsprodukt unverändert übertragen. Da der Wert dieses Kapitalteils im Produktionsprozess konstant bleibt, nennt Marx ihn konstantes Kapital.

Jedes kapitalistische Unternehmen ist zu einem Mindestmaß an innerbetrieblicher Planung gezwungen, damit sich seine Ausgaben und Einnahmen annähernd decken. Da jede_r Kapitalist_in Eigentümer_in seiner/ihrer Produktionsmittel ist und mit diesen tun und lassen darf, was er/sie will und da jede_r Kapitalist_in einen möglichst hohen, von ihm/ihr individuell angeeigneten Profit zum Ziel seiner/ihrer Geschäftstätigkeit macht, ist das gesamtgesellschaftliche Ergebnis aber nicht koordinierte, geplante Produktion sondern Anarchie der Produktion, was nur eine andere Bezeichnung für die kapitalistische Konkurrenz ist: Jede_r Kapitalist_in produziert für sein/ihr eigenes Interesse, sodass der Staat nur über (positive und negative) Anreize das Produktionsergebnis beeinflussen, nicht aber planen kann.

Nun ist auch klar, warum „Marktwirtschaft“ und Kapitalismus nicht dasselbe bedeuten: Ein Markt, also Austausch von Waren, ist möglich ohne Privateigentum an Produktionsmitteln im strengen Sinne (durch kooperatives Eigentum) und Privateigentum ist ohne Lohnarbeit möglich. Eine Marktwirtschaft ohne Privateigentum oder ohne Lohnarbeit als herrschende Produktionsweise ist aber keine kapitalistische Marktwirtschaft.

Absoluter und relativer Mehrwert

Der Mehrwert ist Ziel und Zweck der privaten Produktion im Kapitalismus. Die Aussicht auf Mehrwert ist notwendige Voraussetzung dafür, dass jemand Geld anlegt, um es zu vermehren, d.h. zu Kapital zu machen. Die Größe des produzierten und realisierten Mehrwerts entscheidet darüber, wie viel ein_e Kapitalist_in in der Folgezeit investieren und um wie viel er/sie sein/ihr Unternehmen vergrößern kann, um andere Kapitalist_innen vom Markt zu drängen. Außerdem finanzieren die Kapitalist_innen durch den Mehrwert ihren luxuriösen Konsum, ihre Jachten, Privatjets und Villen. Es ist daher klar, dass jede_r Kapitalist_in nicht einfach nur Mehrwert, sondern möglichst viel davon mit jeder Investition erzielen will.

Um den produzierten Mehrwert zu steigern, gibt es zwei Möglichkeiten. Zum einen kann der/die Kapitalist_in, wenn der Widerstand der Arbeiter_innen schwach ist, den Arbeitstag verlängern. Er lässt den/die Arbeiter_in dann für gleichen (oder kaum höheren) Monatslohn länger arbeiten, z.B. 10 statt 8 Stunden täglich oder 6 statt 5 Tage wöchentlich. Dass der Arbeitstag im Kapitalismus länger ist als die Anzahl Stunden, die für den/die Arbeiter_in notwendig wäre, um den Wert seines Lohns zu produzieren, ist Voraussetzung für jede Art von Mehrwert. Der Anteil der Mehrarbeit (dem Teil des Arbeitstags, an dem der Arbeiter zwar Wert produziert, aber selbst keinen bekommt) lässt sich gegenüber dem Anteil der notwendigen Arbeit (dem Teil des Arbeitstags, an dem der/die Arbeiter_in den Wert seines Lohns produziert) vergrößern, indem die Arbeitszeit absolut verlängert wird. Diese Methode des Kapitals, sich Mehrwert anzueignen, heißt deshalb absoluter Mehrwert.

Offensichtlich ist aber die Verlängerung des Arbeitstages nicht unbegrenzt möglich: Der Tag hat 24 Stunden und die Woche 7 Tage. Außerdem braucht der/die Arbeiter_in Zeit zum Schlafen, zum Ruhen und zum Essen, wenn er am Leben bleiben soll. Daher ist die Wochenarbeitszeit immer geringer als 7 x 24 Stunden. Außerdem können Arbeiter_innen sich organisieren und gegen allzu unmenschliche Arbeitszeiten kämpfen, was die Höchstgrenze für den Arbeitstag – zum Glück – weiter nach unten drücken kann.

Trotzdem wollen die Kapitalist_innen natürlich ihren Mehrwert weiter steigern und die Konkurrenz untereinander spornt sie dazu an. Die zweite Möglichkeit, den Mehrwert zu erhöhen, besteht darin, das bei gleichbleibender Arbeitszeit zu tun. Wenn die Dauer des Arbeitstags gleich bleibt, kann der Teil des Arbeitstags, in dem Mehrwert produziert wird, nur dann größer werden, wenn der andere Teil sinkt. Der andere Teil, das war jener Teil, während dessen der/die Arbeiter_in den Wert seines/ihres Lohns produziert, während dessen er/sie also „für sich“ arbeitet. Das geht wiederum auf verschiedene Arten: Zum einen kann der Arbeitslohn gesenkt werden. Hier ist zu unterscheiden: Der Lohn kann seinem Wert nach sinken und er kann der Masse der Konsumgüter nach sinken, die man dafür kaufen kann (Reallohn). Den Reallohn kann der Kapitalist nur dann senken, wenn die Konkurrenz unter den Arbeiter_innen so groß ist, dass sie sich darum reißen, in ein Lohnarbeitsverhältnis zu kommen oder wenn die Arbeiterklasse so schwach organisiert ist, dass eine Lohnsenkung ohne nennenswerten Widerstand der Gewerkschaften und Arbeiterparteien durchsetzbar ist. Den Lohn seinem Wert nach zu senken ist auch möglich, ohne den Reallohn zu senken, wenn die Konsumgüter an Wert verlieren. Waren verlieren dann an Wert, wenn ihre Produktion schneller und einfacher möglich wird. War z.B. ein Auto früher ein Luxusgut, können sich in den reichen Industrieländern heute viel mehr Menschen eines leisten. Damit die Konsumgüter an Wert verlieren, müssen sich die Produktivkräfte in den Wirtschaftssektoren entwickeln, in denen Konsumgüter produziert werden. Die Erfindung und Verbreitung eines besseren Mähdreschers verbilligt die Konsumgüter, aber ein neuer Satellit zur Spionageabwehr tut das im Allgemeinen nicht. Werden Nahrung, Kleidung, Wohnung, Heizung usw. billiger, kann der Mehrwert der Kapitalist_innen wachsen, ohne dass der Konsum der Arbeiter_innen sich verändert. Steigt der Mehrwert, ohne dass die Arbeiter_innen länger arbeiten müssen, spricht man vom relativen Mehrwert. Lohnen sich neue Maschinen für die Kapitalist_innen also nur dann, wenn sie die Produktion von Konsumgütern verbessern?

Das kann offensichtlich nicht sein, denn auch in der Rüstungsindustrie oder in der Produktion von Produktionsmitteln (Maschinen, Technologie usw.) hat der Kapitalismus gewaltige Fortschritte ermöglicht. Sehen wir uns genauer an, was passiert, wenn ein_e Kapitalist_in eine neue Maschine zur Verbesserung der Produktion anschafft: Er/sie kann jetzt z.B. Hemden von gleicher (womöglich sogar besserer) Qualität in kürzerer Zeit herstellen als vorher. So lange er/sie als einzige_r die neue Maschine hat, kann er/sie aber auch in kürzerer Zeit produzieren als alle anderen. Die gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit, also der Wert der Hemden, ist dann immer noch hoch, während die für das modernisierte Unternehmen individuell notwendige Arbeitszeit gesunken ist! Der/die Kapitalist_in kann seine/ihre Hemden nun entweder genauso teuer verkaufen wie vorher und streicht dann einen Extraprofit ein, denn die Produktionszeit und daher auch die Entlohnung der Arbeiter_innen für ein Hemd ist gesunken. Oder er/sie kann seine Hemden deutlich billiger verkaufen als die Konkurrenz, nämlich gemessen an seinen/ihren individuellen Produktionskosten + Durchschnittsprofit. Dann realisiert er/sie zwar keinen Extraprofit mehr, schädigt aber die Konkurrenz. Denn jede_r Konsument_in, der/die Geld sparen will, wird natürlich das billigere (und qualitativ gleiche) Produkt vorziehen. Natürlich ist es auch möglich, den Preis dazwischen anzusetzen, sodass ein kleinerer Extraprofit realisiert und die Konkurrenz immer noch (in geringerem Maße) zurückgedrängt wird. Bei dieser Methode bleibt also der Arbeitstag gleich, der Arbeitslohn bleibt gleich, aber der Mehrwert steigt für den/die einzelne_n Kapitalisten/Kapitalistin: Im selben Zeitraum werden nun mehr Waren produziert und die individuellen Erzeugungskosten sinken, ohne dass sich der Marktpreis sehr verändern würde. Da der Arbeitstag gleich bleibt und sich der Anteil des Mehrwerts trotzdem im Vergleich zum vorgeschossenen Kapital vergrößert, handelt es sich auch hierbei um eine Methode des relativen Mehrwerts.

Hier liegt also das Geheimnis der ungeheuren Produktivitätssteigerungen im Kapitalismus. Diese finden statt, weil sie der Produktion von relativem Mehrwert dienen!

Der Charakter des Kapitalisten/der Kapitalistin ist nicht entscheidend für die Dynamik der Kapitalakkumulation: Ob „Gier“ oder „Bosheit“ Charaktereigenschaften der Kapitalist_innen sind, spielt für die Analyse keine Rolle. Denn auch ein_e Kapitalist_in mit tiefer philanthropischer Gesinnung muss den Imperativen der Kapitalakkumulation folgen: Er/sie muss investieren und einen möglichst hohen Profit erzielen, wozu er/sie Arbeiter_innen ausbeuten und ihre Löhne niedrig halten muss. Deshalb ist auch die oft gehörte Kritik an „gierigen Spekulanten“, „Heuschrecken“ usw. völlig verfehlt. Selbst falls derartige Unterstellungen von negativen Charaktereigenschaften in manchen Fällen nicht ganz falsch sein sollten, so würden sie doch am grundlegenden Zusammenhang, dass das Kapital ein soziales Verhältnis und keine personale Herrschaft ist, vorbeigehen. Die Entfernung einzelner Kapitalist_innen würde am System nichts ändern, denn die Kapitalist_innen nehmen lediglich eine ökonomische Funktion wahr, in der sie ersetzbar sind. Als solche sind sie lediglich Charaktermasken[40] des Kapitals – die personellen Träger der Kapitalbewegung, aber nicht mit ihr identisch.

Der Zirkulationsprozess des Kapitals[41]

Hat der/die Kapitalist_in die Ware verkauft und den Mehrwert eingestrichen, muss er/sie lediglich die Kosten seines Kapitalvorschusses begleichen und kann mit dem Überschuss tun und lassen, was er/sie für richtig hält. Wenn er/sie den gesamten Mehrwert selbst konsumiert, spricht man von einfacher Reproduktion, denn außer dem Ersatz des verausgabten Kapitals wurde keine produktive Investition getätigt. Unter kapitalistischen Bedingungen steht aber jede_r Kapitalist_in „bei Strafe des Untergangs“ unter dem Zwang, seine Produktion auszudehnen, seine/ihre Kosten zu senken, der Konkurrenz Absatzmärkte streitig zu machen usw. Daher ist der kapitalistische Normalfall nicht die einfache Reproduktion, sondern die erweiterte Reproduktion. Erweiterte Reproduktion bedeutet, dass ein Teil des Mehrwerts vom Kapitalisten/von der Kapitalistin reinvestiert wird und das Kapital somit wächst. Die unmittelbare Folge der erweiterten Reproduktion ist darum die Akkumulation des Kapitals, also das selbsttragende Wachstum einer investierten Kapitalmenge. Aufgrund der Konkurrenz ist es für den Kapitalisten/die Kapitalistin nicht mehr nur entscheidend, Kapital zu akkumulieren, sondern auch, wie viel Kapital er/sie in welcher Zeit akkumulieren kann; daher die verschiedenen Methoden zur absoluten und relativen Hebung des Mehrwerts.

Die Einführung von Fließbändern, Nähmaschinen und Kunstdünger haben die Arbeitszeit, die zur Produktion einer Ware notwendig ist, verkürzt. Eine Ware muss aber nicht nur produziert werden – ihre Natur als Ware impliziert, dass sie auch verkauft und ihr Wert realisiert werden muss, denn um ihn wieder investieren zu können, braucht der Kapitalist/die Kapitalistin den Wert in Geldform und nicht in Warenform. Auf den Produktionsprozess der Ware folgt daher der Zirkulationsprozess, der all jene Vorgänge umfasst, die zur Realisierung des Warenwerts beitragen. Die Teilbereiche der Ökonomie, in denen der Zirkulations- und der Produktionsprozess von statten gehen, heißen auch Zirkulationssphäre bzw. Produktionssphäre. Der Zirkulationsprozess verursacht, genauso wie der Produktionsprozess, Kosten für den Kapitalisten/die Kapitalistin, die als Zirkulationskosten zusammengefasst werden. Unter Zirkulationskosten fallen Kauf- und Verkaufszeit, Aufbewahrungskosten und Transportkosten. Obwohl er Kosten verursacht, produziert der Zirkulationsprozess die Ware nicht und kann ihr daher auch keinen Wert zusetzen – der Wert entsteht ausschließlich in der Produktionssphäre. Über die Kosten des Handels schreibt Marx: „Die Zustandsänderung kostet Zeit und Arbeitskraft, aber nicht um Wert zu schaffen, sondern um die Umsetzung des Werts aus einer Form in die andre hervorzubringen, wobei der wechselseitige Versuch, bei dieser Gelegenheit ein überschüssiges Quantum Wert sich anzueignen, nichts ändert“[42]. Bis eine produktive Investition einen Gewinn in Geldform abwirft, muss mindestens eine Ware produziert und verkauft worden sein. Während des Zeitraums davor hat der/die Kapitalist_in nur Geld ausgegeben, ohne Geld einzunehmen – unendlich lange kann er/sie seine/ihre Kreditgeber_in aber nicht auf die Begleichung seiner Schulden warten lassen. Der/die Kapitalist_in hat also ein Interesse daran, dass das von ihm/ihr investierte Kapital so schnell wie möglich umschlägt, er/sie so schnell wie möglich den realisierten Mehrwert in den Händen hält und ihn so schnell wie möglich wieder investieren kann, um seine/ihre Position in der Konkurrenz zu verbessern. Die Zeit, während der das Kapital sich im Umlauf (in der Zirkulation/Realisierung) befindet, dient es nicht der Produktion von Mehrwert. Die Verkürzung der Umlaufszeit des Kapitals ist daher einer der wichtigsten Antriebe des Kapitalisten/der Kapitalistin, weil sie zur Verkürzung der Umschlagszeit des Kapitals (der Zeit, die ein Kapital braucht, um den Kreislauf G – W – G‘ einmal durchzumachen) beiträgt.

Die Umschlagszeit eines bestimmten Kapitals hängt von seiner physischen Natur, seiner Rolle im Produktionsprozess ab. Beispielsweise Rohstoffe wie Eisenerz werden im Produktionsprozess verbraucht und gehen in das Produkt ein (z.B. als Stahlträger einer Brücke). Nach vollendeter Arbeitsperiode (der Zeit zur Produktion einer Ware eines bestimmten Typs) muss der verbrauchte Rohstoff ersetzt werden, damit der Arbeitsprozess wiederholt werden kann. Das Produkt ist zu diesem Zeitpunkt fertig und kann verkauft werden. Auch Hilfsstoffe wie z.B. Heizöl geben ihren Wert während eines Arbeitsprozesses vollständig an das Produkt ab. Dasselbe gilt schließlich für die verausgabte Arbeitskraft, deren voller Wert zuzüglich dem Mehrwert immer auf das Produkt übergeht. Diese Art von Kapital, die nach jeder vollendeten Arbeitsperiode zirkuliert und sich verwertet, nennt Marx flüssiges oder zirkulierendes Kapital. Es gibt aber auch längerfristige Investitionen, die während einer Arbeitsperiode nicht verbraucht werden. Maschinen können normalerweise sehr viele Waren produzieren, bis ihr physischer Verschleiß so weit fortgeschritten ist, dass sie ersetzt werden müssen. Nur in dem Maße, wie sie durch die Produktion der einzelnen Ware im Durchschnitt verschleißen, geben sie ihren Wert auf das Produkt ab. Beispiel: Eine Maschine, die 10.000 € wert ist und mit der man 100.000 Glühbirnen produzieren kann, gibt auf jede Glühbirne 10 cent ihres Wertes ab. Es gibt aber nicht nur den physischen Verschleiß durch Abnutzung: Weil sich die Technik im Kapitalismus ständig revolutioniert und die neueste Technologie meistens nicht lange die neueste Technologie bleibt, werden viele Maschinen nicht erst abgelöst, wenn sie tatsächlich nicht mehr funktionieren, sondern sobald eine bessere Maschine auf dem Markt ist. Deshalb verliert die Maschine nicht nur durch Abnutzung und den „Zahn der Zeit“ ihren Wert, sondern auch dadurch, dass sie gemessen am jeweils aktuellen Stand der Technologie irgendwann veraltet ist. Diese Art von „Verschleiß“ (besser gesagt Wertverlust) nennt Marx „moralischen Verschleiß“.

Weil diese zweite, in Maschinen und Gebäuden angelegte Art von Kapital während eines Arbeitsprozesses fast unverändert bleibt, nennt Marx sie fixes Kapital. „In derselben Zeit, worin das fixe Kapital einmal umschlägt, schlägt das flüssige Kapital mehrmals um“[43]. Die Unterscheidung zwischen fixem und zirkulierendem Kapital ist nicht zu verwechseln mit der zwischen konstantem und variablem Kapital. Letztere Unterteilung fragt danach, ob das Kapital die Arbeitskraft bezahlt, die den Wert schafft (variables Kapital oder auch „lebendige Arbeit“) oder die Gegenstände, deren Wert nur auf das Produkt übertragen wird und selbst das Produkt vergangener Arbeit ist (konstantes Kapital; „tote Arbeit“) – die Unterscheidungsmerkmale sind also in der Produktionssphäre zu verorten. Die Unterscheidung zwischen fixem und zirkulierendem Kapital ist dagegen in der Zirkulationssphäre angesiedelt, denn das Unterscheidungsmerkmal ist die Geschwindigkeit des Kapitalumschlags.

Aber nicht nur die Umschlagszeit der verschiedenen Kapitalarten ist verschieden lang. Auch die Arbeitsperiode kann sehr verschiedene zeitliche Ausdehnung annehmen. Die Arbeitsperiode kann eher noch als die Umlaufszeit extrem lange dauern, z.B. beim Bau großer Kanäle, bei der Konstruktion eines Flugzeugträgers oder den Versuchen, Fusionsenergie ökonomisch nutzbar zu machen. Derart lange Arbeitsperioden stellen für das Kapital ein Problem dar, weil es schwieriger wird, den notwendigen Vorschuss zu leisten: Die Investition wirft über längere Zeiträume nicht nur keinen Profit ab, sondern amortisiert sich auch nicht, und der/die Kapitalist_in bleibt über Jahre oder Jahrzehnte auf seinen/ihren Schulden sitzen. Er/sie ist somit extrem abhängig vom Erfolg eines langwierigen (und damit in der Regel auch sehr teuren) Projekts; ein Risiko, das private Kapitalist_innen normalerweise nicht tragen können. Schafft ein_e Kapitalist_in dies dennoch und hat damit Erfolg, wird er/sie meistens automatisch zum/zur Monopolkapitalist_in, weil die meisten anderen Kapitalist_innen eine Investition, die ihm Konkurrenz machen könnte, nicht stemmen können. Oft werden solche sehr teuren und aufwändigen Großprojekte aber von einem Staat (oder, bei den teuersten Projekten von mehreren Staaten) finanziert.

Auch wenn der Zirkulationsprozess selbst nicht wertschaffend ist, können Kapitalist_innen sich auf Operationen der Zirkulationssphäre spezialisieren, sie als Dienstleistung verkaufen und sich als „Gegenleistung“ einen Teil des gesellschaftlich produzierten Mehrwerts aneignen. Die von ihnen angebotenen Dienste müssen die Umschlagszeit des Kapitals für die/den industriellen Kapitalisten/Kapitalistin verkürzen, damit es sich für ihn/sie lohnt, sie in Anspruch zu nehmen. Das Handelskapital, Transportunternehmen, Werbeagenturen und letzten Endes auch die Kreditinstitute[44] verkürzen die Umlaufszeit und die Umschlagszeit des Kapitals und erhöhen so die Mehrwertmasse, die jede_r einzelne Kapitalist_in produzieren kann und die gesamtgesellschaftlich produziert wird[45].

Die Profitrate

Für kapitalistische Produktion ist entscheidend, dass sie einen ausreichend hohen Mehrwert abwirft. Tut sie das nicht bzw. ist das nicht zu erwarten, findet sie erst gar nicht statt. Die produzierten Waren, die den Mehrwert „beinhalten“, werden verkauft und der Mehrwert verwandelt sich von der Warenform in Geldform. Der Mehrwert in Geldform heißt Profit[46].  Was die Kapitalist_innen eigentlich interessiert, ist auch nicht der Mehrwert in Warenform, sondern der in Geldform, also der Profit – denn wenn, was in Krisen vorkommt, massenhaft produzierte Waren in Lagerhallen verrotten, hat der/die Kapitalist_in davon überhaupt nichts. Nur wenn er/sie sie verkaufen, d.h. in Profit verwandeln kann, kann er/sie damit seine vergangenen und zukünftigen Investitionen finanzieren.

Natürlich wollen die Kapitalist_innen einen möglichst großen Profit. Klar ist, dass nicht einfach die absolute Größe entscheidend sein kann. Denn wenn eine Investition von 10.000 € nach einem Jahr einen Profit von 20.000 € abwirft, ist das für den/die Investor_in hochgradig zufriedenstellend. Wenn eine Investition von 1 Million € dagegen auch 20.000 € abwirft, ist das überhaupt nicht erfreulich für den Kapitalisten/die Kapitalistin. Entscheidend ist also vor allem das Verhältnis von Profit zu Investition. Marx und die Klassiker der Nationalökonomie (Smith, Ricardo) nennen dieses Verhältnis die Profitrate.

Die Kapitalist_innen streben alle gleichermaßen nach einem hohen Profit. Bei der Anwendung der Arbeitswerttheorie entsteht an dieser Stelle ein Problem: Das Kapital wird von seinem Hunger nach relativem Mehrwert getrieben, die Produktion beständig zu verbessern und zu revolutionieren. Natürlich ist aber der notwendige Kapitalaufwand in unterschiedlichen Produktionszweigen extrem verschieden und diese Ungleichheit bleibt trotz des technischen Fortschritts bestehen. Eine Fluggesellschaft muss ungleich viel mehr Kapital in Maschinen investieren, um funktionieren zu können, als eine Fast-Food-Kette dies tun muss. Wenn man nun das investierte Kapital eines Unternehmens analysiert, wird man sehen, dass die Fluggesellschaft einen viel größeren Prozentsatz an Kapital in Maschinen investiert hat als die Fast-Food-Kette. Umgekehrt wird letztere prozentual viel mehr Kapital in die Bezahlung von Angestellten investieren als in Maschinen; das Verhältnis von konstantem Kapital zu variablem Kapital ist in der Fast-Food-Kette viel niedriger als in der Fluggesellschaft. Dieses Verhältnis von konstantem zu variablem Kapital heißt bei Marx die organische Zusammensetzung des Kapitals. Da nur die Arbeit Wert produziert und sich auch nur das variable Kapital im Produktionsprozess vermehrt (s.o.), kann es nur zwei Möglichkeiten geben: Entweder die Arbeiter_innen werden in einem Produktionszweig[47] viel stärker ausgebeutet als im anderen, arbeiten also für denselben Lohn viel länger – oder die beiden Produktionszweige produzieren sehr unterschiedliche Mehrwertmassen. Erstere Möglichkeit ist sehr unwahrscheinlich, denn der Arbeitsmarkt ist national in der Regel einigermaßen homogen, sodass auch die Arbeitsbedingungen in einer Volkswirtschaft einigermaßen gleich sein müssen. Es muss also so sein, dass die in den verschiedenen Produktionszweigen produzierten Mehrwertmassen sehr unterschiedlich groß sind. Wie kann das sein?

Der Schlüssel liegt darin, dass unterschiedliche Mehrwertmassen nicht dasselbe sein müssen wie unterschiedliche Profitmassen. Ist die Profitrate in einem Sektor der Wirtschaft sehr hoch, werden viele Kapitalist_innen Kapital von ihrem Produktionszweig abziehen und in den Hochprofitsektor investieren. Dadurch werden in diesem Sektor immer mehr Waren produziert, ohne dass die Nachfrage danach steigen würde. Dadurch sinkt wiederum die Profitrate, bis sie irgendwann niedriger ist als in anderen Sektoren. Dann wandert wiederum Kapital aus. Dieser Mechanismus, die freie Beweglichkeit des Kapitals, führt dazu, dass auf nationaler Ebene[48] die Profitraten dazu tendieren[49], sich zu einer Durchschnittsprofitrate auszugleichen. So kann es sein, dass Unternehmen die viel mehr Mehrwert produzieren als andere am Ende trotzdem denselben Profit realisieren. Das bedeutet aber, dass die Warenpreise nicht mehr alleine von der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit bestimmt sein können. Denn der Ausgleich zur Durchschnittsprofitrate beruht ja gerade darauf, dass die Preise durch den Ab- und Zufluss von Kapital aus den verschiedenen Sektoren stark von den Werten der jeweiligen Produkte abweichen. Der Wert ist also nur im Ausnahmefall das Zentrum, um den der Marktpreis oszilliert: Dieser Ausnahmefall tritt dann ein, wenn die organische Zusammensetzung einer Branche zufällig genau der durchschnittlichen organischen Zusammensetzung in der Gesellschaft entspricht, denn in diesem Fall ist die Profitrate ohnehin gleich dem Durchschnitt und wird diesem nicht erst durch Modifikation der Preise (was nichts anderes bedeutet, als einen Werttransfer von einer Branche in eine andere) angeglichen. In allen anderen Fällen entsteht durch den Ausgleich der Profitraten eine „neue“ Größe, um die die Marktpreise sich bewegen: Der Produktionspreis. Der tatsächlich gehandelte Marktpreis ist manchmal höher und manchmal niedriger als der Produktionspreis, aber die Abweichungen neutralisieren sich im gesellschaftlichen Maßstab, addieren sich also zu Null. In der Fachliteratur heißt die Lösung des oben gestellten Problems die Wert-Preis-Transformation bei Marx[50].

Ist die Profitrate voraussichtlich hoch, werden die Kapitalist_innen alles, was sie haben investieren und auch Kredite aufnehmen, um ihre Produktion erweitern zu können. Der Grund für eine hohe Profitrate in einem bestimmten Produktionszweig ist immer, dass die Nachfrage nach diesem bestimmten Produkt sehr hoch ist bzw. höher als die Produktion dieses Produkts. Die Produktion dehnt sich dann aus; so lange, wie die Nachfrage immer noch größer und daher die Profitrate hoch ist.

Ist die Profitrate niedrig, werden sie nur wenig investieren. Denn würden sie trotz niedriger Profitrate viel investieren, würden sie das Angebot ihrer Waren sehr erhöhen. Niedrige Profitraten bedeuten ohnehin schon ein zu großes Angebot an Gütern und zu wenig zahlungsfähige Nachfrage[51] danach.

Wenn durch die Entwicklung der Produktivkräfte, z.B. durch fortschreitende Automatisierung, der konstante Anteil am investierten Kapital relativ wächst, wenn also die organische Zusammensetzung des Kapitals notwendig steigt, dann ergibt sich daraus eine Konsequenz von größter Bedeutung: Wir hatten bereits gesagt, dass Kapitalien mit hoher organischer Zusammensetzung weniger Wert produzieren als Kapitalien mit niedriger. Zwischen den diversen Produktionszweigen gleichen sich die Profitraten dennoch durch die Konkurrenz aus. Wenn aber die organische Zusammensetzung insgesamt, das heißt im gesellschaftlichen Durchschnitt steigt, muss auch insgesamt das Verhältnis von Mehrwert zu Investition sinken. Die addierten Profite aller Unternehmen werden prozentual geringer im Vergleich zu den addierten Investitionen. Die Durchschnittsprofitrate der ganzen Gesellschaft sinkt langfristig. Für die einzelnen Kapitalien bedeutet das natürlich dasselbe, denn der Verlust wird durch die Konkurrenz auf alle verteilt. Nun gibt es allerdings bestimmte Faktoren, die den Fall der Durchschnittsprofitrate bremsen und ihm entgegenwirken können. Marx zählt diese Faktoren auf, analysiert sie und kommt zu dem Schluss, dass jeder von ihnen nur zeitlich begrenzt wirken kann und dass sie zwar den Fall der Profitrate kurzfristig bremsen, ihn langfristig aber sogar beschleunigen müssen[52]. Auf lange Sicht muss also die Profitrate immer weiter fallen – Aufwärtsbewegungen der Profitrate können nur vorübergehend sein und den Fall nicht kompensieren. Das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate bedeutet aber nichts anderes, als dass der Kapitalismus aufgrund seiner eigenen inneren Gesetzmäßigkeiten eine historisch endliche Gesellschaftsordnung ist[53]. Der Kapitalismus kann logisch überhaupt nicht das „Ende der Geschichte“ sein, er muss vorübergehen. Das Ende des Kapitalismus kündigt sich dadurch an, dass die insgesamt sinkenden Profitraten die zyklischen Krisen und Rezessionsphasen verschärfen. Krise, brachliegende Produktionskapazitäten, niedrige Profitraten, Massenarbeitslosigkeit werden im überreifen Kapitalismus immer mehr zum Normalzustand. Wenn irgendwann die Profitrate gegen Null tendiert, ist überhaupt keine Kapitalakkumulation mehr möglich. Marx schreibt:

„Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs (die Enteigner, d.h. die Kapitalisten[54], Anm. d. Autors) werden expropriiert (d.h. enteignet, Anm.d.A.).“[55]

Ob die Menschen sich jedoch deshalb für eine humane, d.h. sozialistische Gesellschaft entscheiden, die die Irrationalität und Menschenfeindlichkeit des Kapitalismus überwinden würde, lässt sich nicht voraussagen. Denn dies ist, anders als der Fall der Profitrate, kein objektives, notwendiges historisches Gesetz, sondern eine Frage der subjektiven Entscheidung der Menschen.

Wesen und Erscheinungsformen des Mehrwerts: Profit, Grundrente, Steuern

Wie gezeigt wurde, kann der einzelne Profit vom einzelnen Mehrwert numerisch ebenso abweichen wie der Preis vom Wert[56]. Während Wert und Mehrwert Kategorien sind, die die innere Funktionsweise des Kapitalismus erklären, die zu seinem Wesen gehören, sind Preis und Profit lediglich oberflächliche Erscheinungen der tiefer liegenden wesensmäßigen Struktur. Der Wert erklärt, wie Waren getauscht werden und wieso sie in einem bestimmten Verhältnis getauscht werden. Der Mehrwert erklärt, warum im Kapitalismus ein Produkt für mehr Geld verkauft werden kann, als seine Produktion gekostet hat. Beides kann keine andere Theorie befriedigend erklären, weshalb die Marxsche Arbeitswerttheorie vom wissenschaftlichen Standpunkt aus konkurrenzlos ist (bzw. sein müsste).

Profit galt uns zunächst einfach als die Erscheinung des Mehrwerts in Geldform. Dann haben wir aber gesehen, dass durch den Ausgleich der Profitraten zur Durchschnittsprofitrate Profit und Mehrwert numerisch voneinander abweichen. Der Profit gilt uns bisher also als Erscheinung des Mehrwerts, die durch die Konkurrenz modifiziert ist. Jetzt gilt es allerdings noch zu bedenken, dass kein_e Kapitalist_in all das für sich behalten kann, auch wenn alle das gerne täten. Jede Kapitalakkumulation findet auf einem Staatsgebiet statt und fast alle Staaten[57] besteuern das Kapital, um ihre Ausgaben zu finanzieren. Steuern sind also ein Teil des gesamtgesellschaftlich produzierten Mehrwerts. Der Boden, auf dem produziert wird, wirft ebenfalls einen Gewinn für seine_n Eigentümer_in ab, der sich aus einem Teil des gesellschaftlich produzierten Mehrwerts zusammensetzt: Die Grundrente. Ein_e Grundbesitzer_in kann sich dann über eine Rente freuen, wenn der Boden in seinem Besitz dem schlechtesten noch bestellten Boden an Fruchtbarkeit, Lage usw. überlegen ist. Die Bodenrente verhält sich nach denselben Gesetzmäßigkeiten wie die Rente für Bergwerke oder Bauland. Da diese Rente aus der Differenz zum jeweils schlechtesten Boden entsteht, heißt sie auch Differentialrente[58].

Das Kreditwesen

Das Kreditwesen ist für den entwickelten Kapitalismus eine absolute Notwendigkeit: Ein_e Kapitalist_in, der/die nur mit seinem/ihrem eigenen Kapital produzieren kann (sagen wir z.B. 1 Mio. € ), kann nur ein sehr begrenztes Investitionsvolumen aufbringen, wenige Arbeiter_innen einstellen und daher auch wenig Mehrwert produzieren. Geht er/sie dagegen zur Bank und verschafft sich einen Kredit, z.B. in der doppelten Größenordnung seines/ihres Eigenkapitals (also 2 Mio. €), stehen ihm/ihr insgesamt 3 Mio. € zur Verfügung. Er/sie wird also im Idealfall auch dreimal so viel Mehrwert produzieren können. Die Bank hat ihm/ihr den Kredit aber nicht aus Freundlichkeit oder Klassensolidarität gewährt, sondern verlangt seine Zurückzahlung zuzüglich Zinsen. Liegt der Zinsfuß z.B. bei 5% und die Profitrate bei 10%, dann muss der Kapitalist in unserem Beispiel die zwei Drittel seines Kapitals, die nur geliehen waren, zurückzahlen und zusätzlich noch 5% Zinsen darauf. Er/sie müsste also 2 Mio. € + 100.000 € = 2,1 Mio € an die Bank zurückzahlen. Ihm/ihr bleiben dann 1 Mio. € + 100.000 € (sein/ihr Startkapital plus 10% Profit) und zusätzlich noch 100.000 € des Profits auf das geliehene Kapital. Insgesamt ist seine/ihre Profitrate also 20% statt der 10%, die er/sie ohne den Kredit erzielt hätte. Sowohl die Bank als auch der/die industrielle Kapitalist_in haben also mehr Geld verdient als sonst, weil durch den Bankkredit mehr menschliche Arbeit in Bewegung gesetzt und daher auch größerer Wert produziert wurde. Zinsen sind also der Teil des Mehrwerts, den die Banken (das zinstragende Kapital) vom/von der industriellen Kapitalisten/Kapitalistin ausgezahlt bekommen[59]. Große Unternehmen gehen meistens an die Börse und werden zu Aktiengesellschaften, deren Anteile jeder Mensch mit etwas Erspartem kaufen kann. Wer eine Aktie eines Unternehmens kauft, kreditiert damit das Unternehmen und wird durch diesen Akt zum Miteigentümer des Unternehmens. Der Profit der Aktiengesellschaften beeinflusst nicht nur den Marktpreis der Aktien, sondern schüttet den Eigentümern auch regelmäßig Dividenden aus, was der Sache nach dasselbe ist wie die Zinsen, die die Bank verlangt[60]. Kredite scheinen also eine Methode zu sein, die Einnahmen im Interesse aller zu vermehren: Der/die Industrielle hat mehr Profit, die Bank kassiert Zinsen, die Arbeiter_innen finden mehr Beschäftigung und der Staat kann mehr Steuern erheben. Wurde also endlich das perpetuum mobile erfunden? Natürlich nicht. Das Geld, das die Banken der Industrie verleihen, hat bis dahin nicht existiert. Die Banken bekommen es von der Zentralbank, die es einfach mit ihrer Druckerpresse produziert. Wenn die Banken Geld emittieren, ohne dass gleichzeitig eine entsprechende Masse an Mehrwert auch wirklich produziert wird, ändert sich das Verhältnis von Geld zu realen Werten und Inflation ist die Folge. Außerdem müssen die Banken aufpassen, dass sie das verliehene Geld auch wiedersehen. Je unbefangener sie mit neugeschöpftem Geld, das ihnen also eigentlich nicht gehört, um sich werfen, umso höher ist das Risiko, irgendwann die eigenen Schulden (bei anderen Geschäftsbanken und der Zentralbank) nicht mehr begleichen zu können.

Das Kreditwesen kann also nur die Funktion erfüllen, die Umschlagszeit des Kapitals zu verkürzen und die Akkumulation des produktiven Kapitals zu erleichtern. Das Kreditkapital selbst produziert keinen Mehrwert und kann daher nur akkumulieren, wenn es durch Zinsen auf die reale Mehrwertproduktion wächst. Aus dem Wirtschaftsleben des heutigen Kapitalismus ist der Kredit aber nicht mehr wegzudenken: Würde man ihn abschaffen, würde die gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate stark abfallen – dass dem so ist, sieht man immer dann, wenn der Zinsfuß auf den Kapitalmärkten hoch ist und das produktive Kapital aus Mangel an günstigen Krediten massenweise die Produktion einstellt[61].

Für die Bank sieht der Kreislauf ihres Geldkapitals nun wie folgt aus: Statt G – W – G‘, also dem gewöhnlichen Kreislauf des industriellen Kapitals, vollzieht das zinstragende Kapital lediglich den Kreislauf G – G‘. Es scheint so, als hätte das Geld die geheimnisvolle Fähigkeit, selbst Geld zu schaffen, was selbstverständlich nicht stimmt. Nimmt der Mehrwert also die Form des Zinses an, so wird der reale Zusammenhang der kapitalistischen Produktion noch weiter verschleiert. Die höchste Form des Fetischismus ist daher der Zinsfetisch.

Monopolkapitalismus und Imperialismus

Die Produktion des relativen Mehrwerts treibt die Entwicklung der Produktivkräfte an und die Entwicklung der Produktivkräfte erhöht die organische Zusammensetzung des Kapitals. Das bedeutet nicht nur, dass die Profitrate tendenziell fällt, sondern auch, dass es für einen kleinen Unternehmer immer schwieriger wird, ins Geschäft einzusteigen. Wenn die Mindestinvestition, die notwendig ist, um das allernötigste an Maschinen, Rohstoffen, Technologie und Arbeitskräften zu kaufen, steigt, dann sinkt die Anzahl derer, die sich diese Investition leisten können. Versucht ein_e kleine_r Unternehmer_in trotzdem, in den Produktionszweig einzusteigen, wird er/sie schnell merken, dass er/sie mit seinen/ihren technischen Einrichtungen nicht im Entferntesten konkurrenzfähig ist. Die Produktionszweige, in denen die Einstiegsschwelle am höchsten ist, entwickelten sich zuallererst zu Domänen, die von wenigen Großunternehmen beherrscht werden. Die Konkurrenz führt notwendigerweise dazu, dass die großen Unternehmen die kleineren zurücktreiben und schlucken. Sie führt auch notwendigerweise dazu, dass immer größere Sektoren der Wirtschaft vollständig unter die Kontrolle von wenigen Kapitalgesellschaften kommen. Marx spricht von Konzentration des Kapitals, wenn Unternehmen durch Akkumulation immer mehr Kapital an sich reißen. Er spricht von Zentralisation des Kapitals, wenn vorhandene Kapitalien zu größeren Einheiten zusammengeschlossen werden. Beides sind objektive, notwendige Tendenzen im Kapitalismus. Dadurch wird in diesen Zweigen das übliche Mittel der Konkurrenz, nämlich die Produktion zu möglichst niedrigen Preisen, weitgehend ausgeschaltet. Solche großen Unternehmen, die alleine oder mit sehr wenigen Konkurrenten einen Produktionszweig de facto vollständig beherrschen, heißen in der marxistischen Wirtschaftstheorie Monopole[62]. Lenin formulierte darum zu Anfang des 20. Jahrhunderts die These, dass der Kapitalismus am Ende des 19. Jahrhunderts einen qualitativen Sprung gemacht habe. Vom Konkurrenzkapitalismus, in dem jeder Produktionszweig von einer Vielzahl verschiedener Unternehmen umkämpft wurde, hatte sich die Eigentumsordnung zum Monopolkapitalismus entwickelt. Im Monopolkapitalismus sind nicht alle Unternehmen Monopole, aber die Monopole beherrschen die meisten wichtigen Produktionszweige und zwingen den Rest der Volkswirtschaft, sich nach ihren Imperativen zu richten. Den Monopolen gelingt es, aufgrund ihrer besonderen Stellung auf dem Markt sich einen überproportional großen Anteil des gesamtgesellschaftlichen Mehrwerts anzueignen. Der Monopolprofit kann nur deshalb so hoch sein, weil er den Mehrwert, der von anderem Kapital produziert wird, an sich zieht[63]. Das bedeutet aber auch, dass das Monopolkapital von den kleineren, nicht-monopolistischen Kapitalien in gewisser Weise abhängig ist – nicht in dem Sinne, dass letztere auf ersteren größeren Einfluss zu nehmen imstande wären, sondern in dem Sinne, dass das große ohne das kleine Kapital keine Extraprofite einstreichen könnte.

Das Monopolkapital birgt laut Lenin in sich „unvermeidlich die Tendenz zur Stagnation und Fäulnis“[64]. Während das nicht-monopolistische Kapital durch die Senkung seiner Produktionskosten versucht, die eigenen Verkaufspreise unter die der Konkurrenz zu drücken und so höhere Marktanteile zu erobern, ist im Monopolkapital eine Entwicklungsstufe der Konzentration und Zentralisation des Kapitals erreicht, auf welcher der Markt für eine bestimmte Ware von einem oder wenigen Unternehmen kontrolliert ist. Weitere Investitionen zur Senkung der Produktionskosten sind für das Monopolkapital nicht sinnvoll, denn durch sinkende Preise kann ein Unternehmen nur dann weitere Marktanteile erobern, wenn es noch nicht den ganzen Markt kontrolliert. Die Menge der produzierten Waren zu erhöhen macht für das Kapital keinen Sinn mehr, denn dadurch steigt zwar die Zahl der von ihm verkauften Waren, aber der Verkaufspreis pro Ware nimmt ab und gleicht die erhöhte Verkaufszahl wieder aus, sodass eine gleichwertige Investition in einen anderen Sektor einen höheren Profit abwerfen würde[65]. Eine Investition in den „eigenen“, bereits monopolisierten Sektor hieße daher gewissermaßen, „sich selbst Konkurrenz zu machen“. Das Monopolkapital kann also in Ermangelung ernstzunehmender Konkurrenz die Warenpreise ohne größere Absatzeinbußen erhöhen und so auf Kosten aller anderen (die die höheren Preise zahlen müssen) seine Profitrate verbessern. Mit steigendem Monopolisierungsgrad steigen auch die absoluten Profite der monopolistischen Konzerne. Gleichzeitig schwinden in den monopolisierten Sektoren die Möglichkeiten zur rentablen Anlage von Kapital. Daher erzeugt das Monopolkapital eine Tendenz zur Überakkumulation von Kapital und zur Stagnation[66]: Die riesigen Profite der monopolistischen Konzerne können nicht mehr rentabel angelegt werden und suchen nach Absatz außerhalb der bereits monopolisierten Sektoren. Die nicht-monopolisierten Sektoren sind oft aufgrund ihrer organischen Zusammensetzung für die Großkonzerne ungeeignete Anlagesphären. Daher tendiert das Monopolkapital grundsätzlich zur territorialen Expansion über nationale Grenzen hinweg. Die Monopolkapitalist_innen versuchen so, die überschüssigen Profite im Ausland auf Kosten des dortigen Kapitals wiederum zu Kapital zu machen und so im nächsten Produktionszyklus noch höhere Profite zu akkumulieren. Für die großen Konzerne wird es in steigendem Maße notwendig, statt sich von der kurzfristigen Profitrealisierung auf eine langfristige Strategie zur Erhaltung ihrer marktbeherrschenden Macht umzuorientieren. Dafür bedürfen sie vor allem der Sicherheit und Konstanz ihrer Absatzmärkte und Rohstoffquellen, um Einnahmen und Ausgaben kalkulieren zu können.

Aufgrund ihres außerordentlichen ökonomischen Gewichts[67] gelingt es den Monopolkonzernen, ungleich viel mehr politische Macht zu erringen als die kleinen Unternehmen. Sie können daher auf politische Entscheidungen der Staaten, in denen sie operieren, einen großen Einfluss nehmen. Nach Ansicht des Marxismus-Leninismus ist die momentane Gesellschaftsordnung nach wie vor am adäquatesten als Monopolkapitalismus zu bezeichnen. Den Entwicklungsabschnitt des Kapitalismus, der vom Kampf der Monopolkonzerne und ihrer Staaten um die Aufteilung der Welt in Einflusssphären und um deren Neuverteilung gekennzeichnet wird, nennt Lenin Imperialismus[68]. Imperialismus ist somit für den Marxismus-Leninismus nicht bloß aggressive Außenpolitik, eine bereits vergangene historische Epoche, Herrschaft über ein fremdes Volk o.ä., sondern ein Komplex von ökonomischen Verhältnissen und dem zugehörigen politischen, juristischen und ideologischen Überbau. Nichtsdestotrotz befassen sich alle Imperialismustheorien, ob nun die Lenins oder anderer Autor_innen, mit den Phänomenen der Expansion von Kapital und Staaten und, vor allem bei den neueren Ansätzen, mit der Abhängigkeit der unterentwickelten Länder von den entwickelten[69].

Lenin nennt als ein zentrales Merkmal des Imperialismus „Parasitismus und Fäulnis des Kapitalismus“[70]. Das bedeutet nicht, dass der Kapitalismus in seinem monopolistischen Stadium keinen technischen Fortschritt mehr hervorbringen würde, denn im Gegenteil können die riesigen Zusammenballungen von Kapital, die den modernen Konzern konstituieren, auch riesige Summen für Forschung und Entwicklung aufbringen. Auch ist im Monopolkapitalismus die Konkurrenz nicht so weit ausgeschaltet, dass sie das Kapital nicht mehr zur technologischen Erneuerung seiner Anlagen antreiben würde. Verfaulend ist der Imperialismus, weil immer größere Summen für Zerstörungsmittel ausgegeben werden, weil Wachstum zunehmend nur noch auf Kosten der Umwelt möglich ist und weil er die Tendenz zur Stagnation und zu heftigen Wirtschaftskrisen (wie 1929, 1970-75 und 2008ff) hervorbringt. Parasitär ist der Imperialismus, weil er auf der Ausbeutung und Beherrschung der unterentwickelten Länder beruht und weil er die gewaltigen Produktivkräfte der Gesellschaft, die längst reif für ihre Vergesellschaftung (also für den Sozialismus) sind, zur Bereicherung einer winzigen und weiter schrumpfenden Minderheit von Monopolherr_innen gebraucht. In einer berühmten Kurzfassung beschreibt Lenin die Epoche des Imperialismus wie folgt: „1. Konzentration der Produktion und des Kapitals, die eine so hohe Entwicklungsstufe erreicht hat, daß sie Monopole schafft, die im Wirtschaftsleben die entscheidende Rolle spielen; 2. Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital und Entstehung einer Finanzoligarchie auf der Basis dieses „Finanzkapitals“; 3. der Kapitalexport, zum Unterschied vom Warenexport, gewinnt besonders wichtige Bedeutung; 4. es bilden sich internationale monopolistische Kapitalistenverbände, die die Welt unter sich teilen, und 5. die territoriale Aufteilung der Erde unter die kapitalistischen Großmächte ist beendet“[71]. Der dritte Punkt (der Kapitalexport) ist zentral für die Erklärung der heutigen globalen Wirtschaftsstruktur, die von riesigen, international tätigen Konzernen beherrscht wird. Die beiden letzten Punkte unterscheiden das marxistische Imperialismusverständnis von den verschiedenen bürgerlichen Verwendungen des Wortes: Nicht eine Epoche im 19. Jahrhundert, in der die kapitalistischen Staaten Afrika und Asien kolonisierten und sich dann um ihre Besitzungen stritten, ist gemeint, sondern die Epoche nach der territorialen Aufteilung der Welt, in der gerade der ökonomische Konkurrenzkampf der Kapitalisten und ihrer Staaten um die Gebiete der Erde entfesselt wird.

Die Abteilungen der Produktion

Wenn eine Ware auf dem Markt verkauft und ihr Wert realisiert wird, muss die Nachfrage danach irgendwo herkommen. Werden in einer Gesellschaft mehr Waren produziert, als Geld vorhanden ist, um sie zu kaufen, kommt es zur Überproduktion – einem Fall, der weiter unten noch ausführlich zu behandeln sein wird. Doch es reicht nicht aus, dass genug Geld existiert – es muss auch in den richtigen Händen sein. Denn wenn z.B. in einer Gesellschaft 10 Millionen Stecknadeln zu viel produziert worden sind, wird auch ein_e Millionär_in, der/die alle Stecknadeln kaufen könnte, das nicht tun. Entscheidend ist also nicht nur der Geldbeutel, sondern auch der Gebrauchswert einer Sache. Um der extrem komplexen Fragestellung, wie viele Waren einer bestimmten Art von einer bestimmten Gesellschaft mit bestimmter Gesamtkaufkraft konsumiert werden, näher zu kommen, erstellte Marx ein stark vereinfachtes Modell, in dem die Produktion aus zwei Abteilungen und die Gesellschaft aus zwei Klassen besteht. Abteilung I umfasst das Kapital, das Produktionsmittel produziert. Abteilung II umfasst das Kapital, das Konsumtionsmittel (Konsumgüter) produziert. Käufer der Güter von Abteilung I sind nur die Kapitalist_innen. Käufer von Abteilung II sind vor allem die Arbeiter_innen (weil sie zahlenmäßig viel mehr sind) und zu einem geringeren Maß die Kapitalist_innen. Wenn man den wertmäßigen Umfang der Produktion in beiden Abteilungen, das Konsumverhalten der Kapitalist_innen sowie die durchschnittliche Zusammensetzung des Kapitals in beiden Abteilungen kennt, kann man annäherungsweise berechnen, wie viele Konsumgüter und wie viele Produktionsmittel gekauft werden.

Beispiel: Abteilung I hat ein Volumen von 1 Mrd. €. Davon sind 700 Mio. € konstantes Kapital, 200 Mio. € variables Kapital und 100 Mio. € Mehrwert.

Darstellbar ist das als folgende Gleichung (mal Faktor 1.000.000):

Gesamt (I) = c (I) + v (I) + m (I) = 700 + 200 + 100 = 1000

Abteilung II hat ein Volumen von 2 Mrd. €. Davon sind 600 Mio. € konstantes Kapital, 1,2 Mio. € variables Kapital und 200 Mio. € Mehrwert:

Gesamt (II) = c (II) + v (II) + m (II) = 600 + 1200 + 200 = 2000

Wenn man v (I) und v (II) zusammenrechnet, werden also 1,4 Mrd. € als Löhne ausgezahlt. Wenn man m (I) und m (II) zusammenrechnet, ergibt sich ein Mehrwert von 300 Mio. €. Wenn man c (I) und c (II) zusammenrechnet, ergibt sich ein konstantes Kapital von 1,3 Mrd. €. Angenommen, die Kapitalist_innen konsumieren von den 300 Mio. € Mehrwert 50 Mio. € persönlich und investieren 250 Mio. € wieder in die Produktion. Dann könnte man den Mehrwert wie folgt aufteilen:

m (I) = m (I, Konsum) + m (I, Investition)

m (II) = m (II, Konsum) + m (II, Investition)

Die gesellschaftliche Nachfrage N, die notwendig ist, um die Produkte beider Abteilungen vollständig abzusetzen, ist 2 Mrd. € für Abteilung II und 1 Mrd. € für Abteilung I, also

N (I) = Gesamt (I)

und N (II) = Gesamt (II). Die Nachfrage für beide Abteilungen kommt nun wie folgt zustande:

N (I) = c (I) + c (II) + m (I, Investition) + m (II, Investition)

N (II) = v (I) + v (II) + m (I, Konsum) + m (II, Konsum)

Der Gleichgewichtszustand ist erreicht, wenn:

N (I) = Gesamt (I) x c (I) + v (I) + m (I) = c (I) + c (II) + m (I, Investition) + m (II, Investition)

N (II) = Gesamt (II) x c (II) + v (II) + m (II) = v (I) + v (II) + m (I, Konsum) + m (II, Konsum)

In unserem Fall kommt für N (I) ein Wert von 1,55 Mrd. € und für N (II) 1,45 Mrd. € heraus. Damit ist der Gleichgewichtszustand nicht gegeben: In Abteilung I ist die Nachfrage um 550 Mio. € höher als das Angebot. Was aber viel schlimmer ist: In Abteilung II ist die Nachfrage um 550 Mio. € niedriger als das Angebot. Wir haben es daher mit einer Überproduktion im Konsumgütersektor zu tun.

Das von Marx entworfene Modell zeigt ein grundsätzliches Problem der Wertrealisierung auf. In Wirklichkeit gibt es mehr als zwei idealtypische Klassen und auch mehr als zwei Abteilungen der Produktion. So könnte man die Produktion von Luxuskonsumgütern, die die Arbeiter_innen nicht kaufen oder die Produktion von Waffen, die in den meisten Ländern nur der Staat kaufen darf, als Abteilung III und Abteilung IV einführen. Durch diese Art der Unterteilung der Gesellschaft ist ein wichtiges Instrument geschaffen, um das Entstehen von Disproportionalitäten in der allgemeinen gesellschaftlichen Reproduktion zu analysieren. Gleichzeitig und ebenso bedeutsam schuf Marx in den Reproduktionsschemata eine Formel, die erklärt, warum der Kapitalismus über einen so langen Zeitraum existieren kann und warum trotz der gesamtgesellschaftlichen Anarchie der Produktion Angebot und Nachfrage nicht in einem Maße auseinanderlaufen, das den Fortbestand der Produktionsverhältnisse gefährden würde.

Die kapitalistische Krise

Krisen- und Rezessionsphasen sind im Kapitalismus integraler Bestandteil der erweiterten Reproduktion, also der ökonomischen Entwicklung überhaupt. Die Krise gehört zur Entwicklung des Kapitalismus ebenso dazu, wie etwa die Ausbeutung zu seinem Begriff. Da jede einzelne Krise das Resultat einer überaus komplexen politökonomischen Konstellation ist, kann aber eine allgemeine Theorie der kapitalistischen Krise nur auf einem vergleichsweise hohen Abstraktionsgrad formuliert werden. Eine Krisentheorie kann darum niemals die konkrete Analyse einer in der Realität geschehenen krisenhaften Zeitspanne ersetzen – sie kann diese Analyse lediglich mit dem begrifflichen Instrumentarium und der grundlegenden Erkenntnis der Notwendigkeit von Krisen im Kapitalismus versorgen. Aber auch auf der theoretischen Ebene sind monokausale Erklärungen von Krisen stets mit Vorsicht zu genießen. Außerdem ist zu bedenken, dass die Krisentheorie immer ein unter Marxisten sehr umstrittenes Feld war und die Auffassungen einzelner Autoren sich gegenseitig oft widersprechen oder doch zumindest unterschiedliche Faktoren in den Vordergrund stellen. Die hier gelieferte Erklärung ist nur eine von mehreren möglichen und von marxistischen Autoren vorgestellten Erklärungen[72].

Marx benennt den Grundwiderspruch im entwickelten Kapitalismus als den zwischen zunehmend vergesellschafteter Produktion und privater Aneignung ihrer Produkte. Mit der Entwicklung des Kapitalismus vertiefen sich die gesellschaftliche Arbeitsteilung und die Vernetzung aller Gesellschaftsglieder durch den Markt. Die Arbeitsteilung erhöht einerseits die Produktivkraft der gesellschaftlichen Gesamtarbeit, andrerseits aber auch die Abhängigkeit aller Marktteilnehmer voneinander. Gleichzeitig sind die Kapitalist_innen aufgrund der privaten Aneignung in ihrem geschäftigen Tun bekanntlich nur am Profit interessiert; wenn der Profit ausfällt, machen sie Verluste, senken die Produktion und können sogar bankrott machen. Wenn man sich nun eine Gesellschaft vorstellt, in der die Individuen weitgehend isoliert voneinander produzieren, dann scheint zunächst nur der/die eine Kapitalist_in betroffen zu sein, dessen Profite nicht realisiert werden konnten. Eine solche Gesellschaft existiert aber nicht: Im entwickelten Kapitalismus sind die Abhängigkeiten allseitig entwickelt, daher betrifft die Krise automatisch auch die bei dem Kapitalisten beschäftigten Arbeiter_innen, die Banken, bei denen er verschuldet ist, die Versicherungen, bei denen er sich eventuell gegen ein solches Ereignis versichert hat usw. Warum aber kann es dazu kommen, dass Profite nicht realisiert werden?

Im Kapitalismus werden Gebrauchswerte als Waren produziert, also um verkauft zu werden. Dass sie auch menschliche Bedürfnisse befriedigen, ist lediglich die Voraussetzung dafür, dass sie verkauft werden und somit eine Art Nebeneffekt. Der Grund, weshalb ein_e Kapitalist_in sich entscheidet, sie zu produzieren, ist aber ihr Wert und nicht der Gebrauchswert. Deshalb muss der/die Kapitalist_in immer schon a priori, also vor dem Verkauf, einschätzen, wie viele seiner/ihrer Waren einen Abnehmer finden werden. Ob er/sie damit in etwa richtig lag, ist aber erst post festum, also nach dem und durch den Verkauf feststellbar. Hat der/die Kapitalist_in weniger produziert als nachgefragt wird (weil seine/ihre Produktionskapazitäten zu gering waren oder er/sie sich verschätzt hat), dann bedeutet das, dass Spielraum für eine weitere Expansion der Produktion vorhanden ist. Diese Ausdehnung der Produktion findet dann auch weiterhin statt. In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung drückt eine solche Situation sich in Wirtschaftswachstum aus. Hat der/die Kapitalist_in aber viel mehr produziert als nachgefragt wird, kann er/sie durch die Verkaufserlöse seine/ihre Produktionskosten nicht mehr decken. Sein/ihr Profit sinkt dann unter die Marke, die nötig wäre, um zumindest die Kredite zurückzuzahlen, die der/die Kapitalist_in zur Finanzierung seiner/ihrer Produktion aufgenommen hat. Der Widerspruch zwischen Gebrauchswert und Wert, der der Warenform an sich inhärent ist, macht also die Entstehung von Überproduktionskrisen möglich.

Und warum muss es im Kapitalismus zu Krisen kommen? Kann durch umsichtige Planung der Produktion nicht vermieden werden, dass es zur Überproduktion kommt? Die Antwort lautet Nein. Um zu verstehen, weshalb kapitalistische Entwicklung grundsätzlich krisenhaft ist, hilft es, sich jene Entwicklungsphasen anzusehen, in denen von einer Krise weit und breit nichts zu sehen ist. Diese Phasen, in denen die Wirtschaft prosperiert, sind die Phasen der erweiterten Reproduktion. Die erweiterte Reproduktion heißt deshalb so, weil in ihr ein großer Mehrwert realisiert und reinvestiert werden kann – und dadurch das in Wert messbare Volumen der gesellschaftlichen Produktion beständig erweitert wird. „Funktionierender“, das heißt prosperierender Kapitalismus ist also expandierender Kapitalismus. Die Expansionsphasen haben aber die oben schon genannte Voraussetzung, dass die zahlungsfähige Nachfrage in der Gesellschaft das Angebot übersteigt – denn nur dann kann die Produktion ausgeweitet werden, ohne dass ein unverkäuflicher Überschuss (und damit Überproduktion) entsteht. Es ist klar, dass die Differenz zwischen Angebot und Nachfrage irgendwann verschwindet und dass ab diesem Zeitpunkt eine weitere Expansion der Produktion durch die wirksame Nachfrage nicht mehr gedeckt ist. Zwar steigt die gesamtgesellschaftliche Nachfrage während der Expansionsphase an, weil die Arbeitslosigkeit abnimmt und damit auch die Löhne zumeist steigen. Denn wenn es weniger Arbeitslose gibt, wird das Kapital Schwierigkeiten haben, jemanden zu finden, der für weniger Geld dieselbe Arbeit verrichtet und muss sich auf die Lohnforderungen der Arbeiter_innen eher einlassen. Der Anstieg der Löhne verringert aber auch die Profitspanne der Kapitalist_innen und untergräbt damit wiederum die weitere ungehinderte Expansion der Produktion. Zudem sinkt, wie nun zu zeigen sein wird, der Anteil der Löhne an der Gesamtnachfrage aufgrund der gestiegenen organischen Zusammensetzung des Kapitals. Die organische Zusammensetzung steigt, weil während des Aufschwungs neue Technologien usw. eingeführt werden. Der Grund für die Grenze der Expansionsfähigkeit des Kapitals ist ganz einfach, dass der Anstieg der Produktionskosten den Augenblick der Überproduktion (was nichts anderes heißt, als dass die gesamten Produktionskosten die Summe der realisierten Verkaufspreise übersteigt) näher rücken lässt.

Die während der Expansionsphase steigende organische Zusammensetzung des Kapitals lässt die Profitrate ebenfalls fallen, wie ja bereits ausgeführt wurde. Außerdem ruft die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals ein langsam wachsendes Ungleichgewicht zwischen Abteilung I und Abteilung II der Produktion hervor. Die Tendenz zur wachsenden organischen Zusammensetzung bedeutet nichts anderes, als dass ein proportional immer größerer Anteil der gesellschaftlichen Nachfrage nach Waren der Abteilung I besteht. Die Reproduktion in Abteilung II bringt mehr Nachfrage nach Waren aus Abteilung I hervor, als die Produktion der Abteilung I Kaufkraft für Konsumgüter schafft. Das ungleichmäßige Wachstum der gesellschaftlichen Reproduktion äußert sich also darin, dass die Nachfrage nach Konsumgütern relativ zur Gesamtnachfrage sinkt.

Für die Kapitalist_innen der Abteilung II wird es immer schwieriger, ihre akkumulierten Profite noch rentabel anzulegen. Es kommt daher zu wachsender Überakkumulation von Kapital im Konsumgütersektor, das händeringend nach rentablen Anlagen sucht. Liquidität, also flüssiges, geldförmiges Kapital, darf das überakkumulierte Kapital nicht bleiben, denn Liquidität produziert keinen Mehrwert. Deshalb bleibt das industrielle Kapital trotz seiner gewaltigen Überschüsse abhängig von der Bereitschaft der Banken zur Kreditvergabe.

Es kommt der Zeitpunkt, von dem an über die wirksame Nachfrage nach Konsumgütern hinaus produziert wird. Dieser Punkt muss notwendigerweise überschritten werden, weil im Kapitalismus nicht nach einem gesamtgesellschaftlichen Plan produziert wird, sondern anarchisch und in Konkurrenz der einzelnen Produzent_innen zueinander. Auch wenn einzelnen Kapitalisten vielleicht sogar klar sein sollte, dass man auf eine Krise zusteuert (was aufgrund der steigenden Komplexität des Finanzsektors aber immer schwieriger zu durchschauen ist), können sie sich nicht vom Markt zurückziehen, ohne ihn der Konkurrenz zu überlassen. Daher produzieren sie weiter Waren der Abteilung II, aber die Anzahl der Arbeiter_innen, die die Konsumgüter kaufen, nimmt im Verhältnis zu ihrer Produktion ab. Marx schreibt daher:

„Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde.“[73]

Sobald die latente Überproduktion hervorbricht und zur allgemeinen Krise wird, greift die Überproduktion dann auch auf Abteilung I über, denn der Einbruch der Nachfrage in Abteilung II lässt auch die Nachfrage nach Produktionsmitteln aus der Abteilung I versiegen.

Dieser Moment kann auf den Finanzmärkten über längere Zeiträume hinausgezögert werden: So lange es noch genügend Anleger_innen gibt, die in die Fähigkeit des industriellen Kapitals zur Realisierung von Mehrwert vertrauen und dieses durch Aktienkäufe kreditieren, so lange kann die immer breiter werdende Lücke zwischen produziertem Mehrwert und für rentable Produktion benötigtem Profit geschlossen werden. Irgendwann muss der „Schwindel“ aber auffliegen, das ungerechtfertigte Vertrauen in das Funktionieren der Profitmaschine zerbrechen und damit die Krise voll durchschlagen. Der Immobilienboom in den USA war ein klassischer Fall von Überproduktion, denn die Nachfrage nach Häusern war nur deshalb so hoch, weil Millionen US-amerikanischer Kund_innen zu günstigen Konditionen Kredite aufgeschwatzt bekamen, die sie in vielen Fällen nicht zurückzahlen konnten und weil die Kredite auf den Finanzmärkten in Paketen „verpackt“ wurden, die ihren Charakter als „Subprime“, also Wertpapiere mit schlechter Sicherheit, verschleierten. In der Krise ab 2007 erwies sich dann die zahlungsfähige Nachfrage nach Eigenheimen als weitaus geringer als angenommen. In den letzten Jahrzehnten konnten immer größere Kapitalmassen in der realen Produktion keine Verwendung mehr finden, weshalb sie unaufhörlich auf die Finanzmärkte strömten und diese zu immer astronomischeren Größen anschwellen ließen[74].

In Phasen des Aufschwungs kann es natürlich auch passieren, dass einzelne Unternehmen oder Banken in Liquiditätsschwierigkeiten kommen. In so einem Fall kann man aber normalerweise einen Kredit aufnehmen, der über die kurzfristigen Schwierigkeiten hinweghilft. In der Krise dagegen befürchten viele Banken, dass sie ihr Geld nicht mehr wiedersehen und horten es daher lieber, als es an bankrottierende Unternehmer_innen zu verleihen[75]. Ohnehin werden jetzt viele Kredite nicht mehr aufgenommen, um produktive Investitionen zu finanzieren, sondern um bereits bestehende Zahlungsverpflichtungen am fälligen Termin mit neuen Schulden einzulösen.

In der Krise werden die Ungleichgewichte in der Reproduktion gewaltsam aufgelöst. Der Wesenszusammenhang zwischen Mehrwert und Profit, zwischen Werten und Preisen macht sich in massiver Entwertung überakkumulierten Kapitals geltend: Die Preise der überproduzierten Waren fallen in den Keller, Betriebe werden dichtgemacht oder zu Spottpreisen verkauft. Massenhaft produktive Arbeiter_innen werden entlassen, da für die von ihnen produzierten Waren keine Nachfrage mehr besteht; durch die steigende Arbeitslosigkeit sinken die Löhne meistens, weil die Arbeiter_innen sich um die wenigen verbliebenen Arbeitsplätze reißen. Diese auf die Krise folgende Phase eingeschränkter Geschäftstätigkeit nennt man Rezession oder, in einem besonders schweren und langwierigen Fall, Depression. Die Widersprüchlichkeit des kapitalistischen Systems wird in der Krise besonders deutlich: Es kommt gleichzeitig zu einem Überangebot von Waren (Überproduktion), Kapital (Überakkumulation) und Arbeitskräften (Arbeitslosigkeit), aber das System kann aufgrund des Doppelcharakters der Ware von Wert und Gebrauchswert diese Überschüsse nicht in produktiver Weise zusammenführen. Das Ergebnis dieser Absurdität ist Verschwendung von Gebrauchswerten und Zeit sowie menschliches Elend.

Trotzdem wirken Krisen im Kapitalismus immer auch wie ein reinigendes Gewitter für das System, da sie durch die Entwertung von Kapital und die Senkung der Löhne die Durchschnittsprofitrate wieder anheben und die Voraussetzung für einen neuen Aufschwung schaffen. Die Vernichtung von konstantem Kapital senkt die organische Zusammensetzung und wirkt dem Fall der Profitrate für einen gewissen Zeitraum entgegen. Das bedeutet aber auch, dass nach Ausbruch der Krise der Nachfrageausfall in Abteilung I schwerer wiegt als der in Abteilung II, denn durch die wieder gesunkene organische Zusammensetzung des Kapitals steigt relativ zum Gesamtkapital der Anteil der Löhne wieder (auch wenn die Löhne absolut in aller Regel während der Krise sinken).

Haben sich im Verlauf der Rezession die Produktionskosten für das Kapital in ausreichendem Maße verringert, beginnt ein neuer Aufschwung, die Reproduktion des Kapitals tritt in eine neue Phase und das Spiel geht wieder von vorne los. Zu Beginn des Aufschwungs wird während der Rezession angespartes (weil nicht rentabel investierbares) Kapital für die Erneuerung des fixen Kapitalbestandteils aufgewandt, was der Nachfrage in der Abteilung I einen ausreichenden Schub gibt, um die Akkumulation in Abteilung II ebenfalls anzutreiben. Marx maß der Erneuerung des fixen Kapitals zu Beginn der expansiven Phase des Konjunkturzyklus besondere Bedeutung bei: „Durch diesen eine Reihe von Jahren umfassenden Zyklus von zusammenhängenden Umschlägen, in welchen das Kapital durch seinen fixen Bestandteil gebannt ist, ergibt sich eine materielle Grundlage der periodischen Krisen, worin das Geschäft aufeinanderfolgende Perioden der Abspannung, mittleren Lebendigkeit, Überstürzung, Krise durchmacht. (…) Indessen bildet die Krise immer den Ausgangspunkt einer großen Neuanlage. Also auch die ganze Gesellschaft betrachtet – mehr oder minder eine neue materielle Grundlage für den nächsten Umschlagszyklus.“[76]

Trotz seiner strengen Gesetzmäßigkeit ist der Konjunkturzyklus keine bloße Wiederholung eines immer gleichen Vorgangs: Auf- und Abschwung wechseln sich ab, aber es gibt zyklenübergreifende, („säkulare“) Tendenzen, die sich trotz, oder besser gesagt: gerade durch die Konjunkturzyklen durchsetzen. Dazu gehören der tendenzielle Fall der Profitrate, das Wachstum der Produktivkräfte, die Konzentration und Zentralisation und die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals. Daher ist die Reproduktion trotz ihrer zyklischen Verlaufsform immer eine Reproduktion auf höherer Stufenleiter.

Die Entwicklung des Weltmarktes hat dazu geführt, dass die Konjunkturzyklen der verschiedenen regionalen Wirtschaftsräume sich aneinander angeglichen haben. An dieser Stelle genügt der Hinweis, dass neben den relativ kurzen Konjunkturzyklen, die sich ca. 1-2 mal pro Dekade vervollständigen, auch lange Wellen existieren, die über einen Zeitraum von einem halben Jahrhundert oder mehr andauern können. Diese langen Wellen nennt man Kondratieff-Zyklen (nach dem russischen Ökonomen Nikolai Kondratieff, der sie beschrieb und zu erklären versuchte). Während der Aufschwungphase eines Kondratieff-Zyklus sind alle „kleinen“ Aufschwünge verstärkt und alle Abschwünge gedämpft; bei einem Kondratieff-Abschwung ist es umgekehrt[77].

Für das Kapital bedeuten Krisen einen starken Impuls der Zentralisation: Zum einen ist, da das Anwachsen des Kapitals durch Konzentration, also erweiterte Reproduktion, nicht mehr funktioniert, der Zusammenschluss von Kapitalien eine Notwendigkeit, um der fallenden Profitrate entgegenzuwirken. Zum anderen bedeutet der krisenbedingte Bankrott einer Anzahl von Unternehmen nichts anderes, als dass die Märkte und Produktionskapazitäten dieser Kapitalien von anderen, stärkeren Kapitalien übernommen werden. Wenn die Krise einmal eingetreten ist, verschärft sich der Konkurrenzkampf der verschiedenen Kapitalfraktionen, weil er jetzt nicht mehr um die Aufteilung der Profite geführt wird, sondern um die der Verluste. Damit wird er zu einem Kampf um Untergang oder Überleben. Insofern bedeutet die Krise zwar den Untergang einiger Kapitale, aber dafür die Stärkung und Festigung der Vorherrschaft anderer.

Für die Arbeiterklasse dagegen sind die Krisen im Normalfall ein rein negatives Ereignis: Private Haushalte, die ihren Konsum nachvollziehbarerweise „über ihre Verhältnisse hinaus“ ausgedehnt haben, machen bankrott, zahllose Arbeiter_innen verlieren ihre Jobs, für alle anderen sinken aufgrund der erhöhten Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt die Gehälter. Konjunkturprogramme und Bankenrettungsmaßnahmen der Industriestaaten, die die Verluste für das Kapital begrenzen sollen, werden in die Staatsfinanzen ausgelagert und durch tiefe Einschnitte in den Lebensstandard der Massen finanziert. Positiv kann eine Krise für die Arbeiterklasse nur in dem Sinne sein, dass sie dazu beitragen kann, das kapitalistische System zu delegitimieren, zu destabilisieren und seinem revolutionären Sturz ein gutes Stück näher zu bringen.

Auch wenn es Wirtschaftskrisen im Kapitalismus immer gegeben hat, kann man annehmen, dass sie sich tendenziell verschärfen. Der tendenzielle Fall der Profitrate dämpft Aufschwünge und verstärkt Abschwünge, weil die Phasen mit ausreichend hohen Profitraten, also die Expansionsphasen, immer schwächer werden. Dem Fall der Profitrate kann entgegengewirkt werden, indem die Exploitationsrate erhöht wird (in der Regel bedeutet das eine sinkende Lohnquote). Nun macht zum einen das variable Kapital insgesamt einen immer geringeren Teil des Gesamtkapitals aus. Zum anderen wurde über Jahrzehnte die Exploitationsrate durch die Schleifung des Sozialstaats, durch stagnierende Reallöhne und insgesamt jene Wirtschaftspolitiken, die man als Neoliberalismus bezeichnet, erhöht. Der Anteil des variablen Kapitals am Gesamtkapital tendiert also theoretisch betrachtet gegen Null, auch wenn er Null nie erreichen kann und auch immer noch einen bedeutenden Anteil des Gesamtkapitals ausmacht. Deshalb kann eine weitere Verschärfung der Ausbeutung die Profitrate nicht mehr so erhöhen wie früher. Auch konnten die Löhne als Teil des Gesamtkapitals vor allem in den unterentwickelten Ländern immer dadurch erhöht werden, dass die Landbevölkerung ihrer Lebensgrundlage in der Landwirtschaft beraubt und entwurzelt wurde und deshalb in die Städte migrierte. Dadurch stieg das Angebot an Arbeitskräften und die Löhne in den Städten für ungelernte Arbeitskräfte sanken. Da in vielen Regionen dieser Urbanisierungsprozess inzwischen weitgehend abgeschlossen ist oder sich mit hoher Geschwindigkeit fortsetzt, wird dieses Ventil für das Kapital wohl in absehbarer Zeit verschwinden. Wallerstein nannte 2004 ungefähr einen Zeitraum von 25 Jahren[78]. Verschiedene Autoren haben zudem argumentiert, dass die monopolistische Konzentration des Eigentums zu langfristigen Stagnationserscheinungen führt, die innerhalb des Kapitalismus nicht zu beseitigen sind[79]. Das bedeutet, dass die wachsende Schwierigkeit des Monopolkapitals, seine gigantischen Profite rentabel zu reinvestieren, keine richtigen Boomphasen mehr zulassen wird. Wirtschaftswachstum wird es zwar weiterhin geben, aber dieses wird wie schon in den vergangenen Jahrzehnten nur noch durch einen wachsenden Schuldenberg getragen sein. Die bereits jetzt astronomischen Niveaus, die die Staatsverschuldung vieler führender kapitalistischer Länder erreicht hat, wirkt zudem als scharfe Grenze für den Spielraum der Staaten zur Bekämpfung der Krisenfolgen.

Wirtschaftskrisen sind immer ein notwendiger Bestandteil in der Entwicklung des Kapitalismus. Man kann sie nicht verhindern, indem man die Finanzmärkte reguliert, denn die Finanzmärkte sind nicht die Ursache von Krisen. Der Staat kann sie auch nicht unbegrenzt bekämpfen, indem er künstlich Nachfrage generiert oder die Verluste der Banken und Konzerne der Gesellschaft aufbürdet – denn all dies ist abhängig von der Staatskasse und die hätte man vorher in Boomphasen durch hohe Steuern füllen müssen (was wiederum die Akkumulation gebremst und möglicherweise eine Stagnationsphase eingeleitet hätte). Wirtschaftskrisen und Rezessionen können nur auf eine einzige Weise verhindert werden: Indem man ihre Ursachen, nämlich die Anarchie der Produktion, das Privateigentum an Produktionsmitteln und den Profit, also die Grundlagen der kapitalistischen Ordnung, aufhebt und zu einer geplanten Produktion auf der Basis von vergesellschaftetem Eigentum, also zu einer sozialistischen Ordnung, übergeht.

Die Klassen

Dass es heute keine Klassen mehr gebe, weil die Möglichkeit des Auf- und Abstiegs von einer sozialen Schicht in die nächste gewährleistet oder eine ‚Mittelstandsgesellschaft‘ erreicht sei, hört man oft. Andere wiederum gestehen zu, dass der Kapitalismus eine Klassengesellschaft ist, ohne jedoch genau sagen zu können, was eine Klasse eigentlich ist. Häufig wird Klassenzugehörigkeit als etwas verstanden, das von der Höhe des Einkommens abhängt und dadurch bestimmt ist: Eine Fließbandarbeiterin, die die Hälfte eines gelernten Mechanikers verdient, gehöre demnach einer anderen Klasse an. Mit dem Klassenbegriff, wie er im Marxismus Verwendung findet, hat diese Verwendung des Wortes Klasse aber wenig zu tun. Der marxistische Begriff der „Klasse an sich“ beschreibt einen objektiven ökonomischen Zusammenhang, nicht etwa einen bestimmten Lebensstandard, ein Zugehörigkeitsgefühl oder eine sozio-kulturelle Identität. Er ist von den individuellen Vorstellungen und Wünschen der Menschen unabhängig. Lenin definiert Klassen als „große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem (…) Verhältnis zu den Produktionsmitteln. (…) Klassen sind Gruppen von Menschen, von denen die eine sich die Arbeit einer andern aneignen kann infolge der Verschiedenheit ihres Platzes in einem bestimmten System der sozialen Wirtschaft“[80]. Ist einfach von Klassen die Rede, ist meistens die Klasse an sich gemeint. Wird sich jedoch eine Klasse kollektiv ihrer Klassenlage bewusst und strebt danach, den Kapitalismus zu überwinden und wird so zum historischen Subjekt, dann konstituiert sie sich zur „Klasse für sich“[81].

Das Kapitel „Die Klassen“ ist das letzte im dritten Band des „Kapital“ von Marx. Bedauerlicherweise hat Marx es nicht vollendet; das Manuskript bricht nach wenigen Bemerkungen ab. Trotzdem können wir die Gründe erraten, warum Marx von den Klassen erst am Ende seines ökonomischen Monumentalwerks spricht und nicht etwa am Anfang oder mittendrin. Der Grund ist, dass die Klassen aus den ökonomischen Kategorien des Kapitalismus abzuleiten sind und die Gesamtheit der Klassengesellschaft erst nach dem Abschluss der ökonomischen Analyse verständlich ist. Die Arbeiterklasse oder das Proletariat besteht aus jenen Menschen, die nichts besitzen, womit sie ihr Leben fristen könnten und was sie verkaufen könnten als ihre Arbeitskraft. Die wesentliche Bestimmung der Arbeiterklasse ist geleistet durch den Begriff der „doppelten Freiheit“ (s.o.), also der Freiheit von Subsistenzmitteln und der Freiheit zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft. Die Arbeiterklasse ist im Kapitalismus integraler Bestandteil, denn sie produziert, gezwungen durch ihr Nicht-Eigentum an den Produktionsmitteln, den Mehrwert für die Kapitalist_innen, auf dessen Akkumulation die ganze Gesellschaftsformation basiert. Zur Arbeiterklasse gehören auch die Menschen, die frei von Produktionsmitteln sind, aber keinen Arbeitsplatz finden. Die Mitglieder dieser industriellen Reservearmee stehen in ständiger Konkurrenz mit den Arbeitenden um die angebotenen Arbeits- und Ausbeutungsverhältnisse, in welche sie hineinzukommen versuchen. Auch niedere Angestellte im privaten Dienstleistungssektor gehören im weiteren Sinne zur Arbeiterklasse. Landlose Bauern und Wanderarbeiter, die auf der Suche nach Arbeit und Lohn durch die ländlichen Gegenden streifen, gibt es in den Industrieländern nur noch selten, dafür aber umso häufiger in den Ländern der kapitalistischen Peripherie (der sogenannten „Dritten Welt“). Diese unglücklichen Menschen gehören zum ländlichen Proletariat. Das Proletariat muss also nicht notwendigerweise industrielles Proletariat sein.

Die Proletarier arbeiten im Kapitalismus zur Produktion von Mehrwert. Sie tun das, weil sie dafür von denen bezahlt werden, die sich den Profit aneignen: Der Klasse der Kapitalisten, auch genannt Bourgeoisie. Die Bourgeoisie kann sich den Profit aneignen, weil sie das Eigentum an den Produktionsmitteln innehat und so die Arbeiter für sich arbeiten lassen kann. Innerhalb der Bourgeoisie könnte man unterteilen: In Kapitaleigner_innen, die allein von ihrem Besitz in Aktien oder sonstigem Kapital leben und daher nicht gezwungen sind, arbeiten zu gehen. Eine ähnliche Stellung nehmen auch die Banken ein, die mit den Zinsen des Kapitals, das sie an die Industrie verleihen, wachsen und prosperieren. Auf der anderen Seite gibt es die fungierenden Kapitalisten, die den Einsatz und die Verwaltung des Kapitals besorgen und somit die Personifikation des Kapitals sind, also Manager_innen.

Marx rechnet diesen beiden Hauptklassen des Kapitalismus noch eine dritte zu, nämlich die der Grundeigentümer, die von der Grundrente leben. Ähnlich wie die Banken von den Zinsen leben sind auch die Grundeigentümer_innen in der Lage, eine Rente zu verlangen, allein aufgrund ihres Eigentums am Grund und Boden. Diese Rente kann, je nachdem, was sich aus dem Boden herausgraben oder darauf anbauen lässt, sehr unterschiedlich hoch sein. Anders als die Kapitalist_innen sind die Grundeigentümer_innen aber nicht unbedingt gezwungen, ihre Rente wieder zu investieren – sie haben das Monopol auf den Boden, befinden sich damit außerhalb der Konkurrenz und können daher die ganze Rente für persönlichen Luxus aufwenden.

Neben den drei Hauptklassen gibt es noch die Klasse der selbstständigen Kleinstunternehmer_innen. Diese Menschen beschäftigen keine (oder nur sehr wenige) Arbeiter_innen und leiten ihren Betrieb oft als Familienbetrieb. Sie müssen selbst viel arbeiten, um sich ein Einkommen zu sichern und sind in den meisten Fällen permanent von den großen Unternehmen und Monopolen bedroht. Durch die überlegene Konkurrenz „von oben“ ist diese Klasse ständig vom Abrutschen in die Besitzlosigkeit, d.h. ins Proletariat, bedroht. In marxistischer Terminologie heißt sie Kleinbürgertum, im Unterschied zum Großbürgertum, der Bourgeoisie.

In einer ähnlichen Situation befinden sich Kleinbauern und Kleinbäuerinnen mit eigenem Landstück oder Pächter_innen. In ständiger Konkurrenz mit den monopolistischen Agrarkonzernen geht es ihnen oft kaum besser als dem Proletariat auf dem Land und in den Städten, oft auch schlechter. In der Landwirtschaft vieler unterentwickelter Länder überleben zudem auch vorkapitalistische Produktions- und Abhängigkeitsverhältnisse – allen Voraussagen zum Trotz, dass der Kapitalismus sie zersprengen würde. Dazu zählen die moderne Sklaverei und das, was Wallerstein als „coerced cash-crop labor“ bezeichnet, also durch außerökonomischen Zwang durchgesetzte marktorientierte landwirtschaftliche Arbeit für eine_n Grundherren/Grundherrin[82].

Schließlich und endlich gibt es im Kapitalismus auch Menschen, die vom Staat beschäftigt werden. Ihre Arbeitsplätze werden durch Steuereinnahmen finanziert. Wie die Grundeigentümer werden auch die Staatsangestellten und Beamten durch einen Teil des gesellschaftlichen Mehrwerts bezahlt. Wie das Proletariat sind die meisten Staatsangestellten Menschen ohne Eigentum an Produktionsmitteln und daher gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Dieselbe Stellung nehmen auch die Angestellten der Kirchen ein. Diese Art von Menschen sind für den Kapitalismus überaus wichtig; dass sie als letzte genannt werden, resultiert lediglich aus einer logischen Hierarchie. Aus ihnen rekrutiert sich die staatliche Bürokratie, Verwaltung und Regierung. Sie stellen einen Großteil der Beschäftigten der ideologischen Staatsapparate: Der Schulen und Universitäten, der staatlichen Medien, der Kirchen – kurz: aller Arten von modernen Pfaffen und Apologet_innen der herrschenden Verhältnisse. Sie stellen in den meisten Staaten sämtliche Mitglieder des staatlichen Repressionsapparats, also der Polizei, der Geheimdienste und der Armee[83].

Diese Klassen sind nicht durch irgendein Gesetz fixiert wie Stände oder Kasten. Klassenzugehörigkeit gibt es nicht auf dem Papier, sondern nur in der ökonomischen Realität. Von einer Klasse in eine andere auf- oder abzusteigen ist prinzipiell nicht ausgeschlossen, aber für die meisten Menschen keine realistische Möglichkeit. Ändert sich bei einzelnen Menschen auch hin und wieder die Klassenzugehörigkeit, so ändert sich doch niemals die Tatsache, dass es Klassen gibt – solange man sie nicht durch eine Revolution abschafft. Die Durchlässigkeit der Klassen nach oben und unten ist also nicht, wie es gelegentlich behauptet wird, ein Beweis dafür, dass es keine Klassen mehr gebe. Im Gegenteil setzen Auf- und Abstieg zwischen den Klassen die Klassengesellschaft logisch schon voraus. Die vielgepriesene „Chancengerechtigkeit“ entpuppt sich somit als bloße Durchsetzung der Starken gegen die Schwachen, die ungehindert durch überkommene soziale Zugehörigkeiten vonstattengehen soll.

 

4. Der Staat:

Engels schreibt, „daß ein wesentliches Kennzeichen des Staats in einer von der Masse des Volks unterschiednen öffentlichen Gewalt besteht“[84]. Diese öffentliche Gewalt „besteht nicht bloß aus bewaffneten Menschen, sondern auch aus sachlichen Anhängseln, Gefängnissen und Zwangsanstalten aller Art, von denen die Gentilgesellschaft nichts wußte“[85]. In der Gentilgesellschaft – den auf Stammesbeziehungen beruhenden kleinen Gemeinschaften, die dem Entstehen der Klassengesellschaft vorausgingen – gab es also keinen Staat. Mit dem Entstehen des Privateigentums, der Ausbeutung und somit auch der Klassen haben nicht mehr alle Mitglieder der Gesellschaft dieselben, gemeinsamen ökonomischen Interessen (das Interesse am Überleben der Gruppe, an einer erfolgreichen Jagd usw.) sondern es entstehen Klasseninteressen. Die Ausgebeuteten entwickeln ein Interesse an der Milderung und schließlich Aufhebung ihrer Ausbeutung. Die ausbeutende, herrschende Klasse hingegen hat ein Interesse an der Verstärkung und Festigung des Ausbeutungsverhältnisses, weil dieses ihnen die Aneignung fremden Mehrprodukts und dadurch ein Leben im Luxus erlaubt. Der Staat ist daher „ein Produkt der Gesellschaft auf bestimmter Entwicklungsstufe; er ist das Eingeständnis, daß diese Gesellschaft sich in einen unlösbaren Widerspruch mit sich selbst verwickelt, sich in unversöhnliche Gegensätze gespalten hat, die zu bannen sie ohnmächtig ist. Damit aber diese Gegensätze, Klassen mit widerstreitenden ökonomischen Interessen nicht sich und die Gesellschaft in fruchtlosem Kampf verzehren, ist eine scheinbar über der Gesellschaft stehende Macht nötig geworden, die den Konflikt dämpfen, innerhalb der Schranken der ‚Ordnung‘ halten soll“[86]. In jeder Klassengesellschaft gibt es darum einen Staat, aber Staaten sind keine natürliche, überhistorische und ewig notwendige Art und Weise, das gesellschaftliche Zusammenleben zu organisieren. Gesellschaften basieren zwar auf einer ökonomischen Basis, ohne die sie nicht existieren könnten, aber die Produktionsverhältnisse sind immer im jeweiligen politisch-juristischen Überbau festgeschrieben: Gesetze legen fest, was erlaubt ist und stellen somit sicher, dass Verhaltensweisen, die mit den herrschenden Eigentumsverhältnissen in Konflikt stehen, bestraft und verhindert werden. Dazu gehört auch und vor allem die Niederhaltung revolutionärer Bewegungen, die dem Staat und den herrschenden Verhältnissen gefährlich werden könnten. Da die herrschenden Verhältnisse immer im Interesse der jeweiligen herrschenden Klasse sind, sichert der Staat immer das Interesse der herrschenden Klasse. Das bedeutet aber keineswegs, dass der Staat in jedem Fall auch das Interesse jedes einzelnen Kapitalisten (oder jeder Kapitalistin) vertritt. Es werden häufig Gesetze erlassen oder politische Entscheidungen getroffen, die dem Interesse mancher Kapitalist_innen widersprechen. Das ist z.B. der Fall, wenn ein Gesetz die Koalitionsfreiheit, also das Recht auf Gründung von Gewerkschaften schützt oder wenn ein Energiemonopol eingeschränkt wird. Die Kapitalakkumulation kennt keine Rücksicht auf die Interessen des Arbeiters und der Arbeiterin und würde sie, wären dem Kapital keinerlei Beschränkungen auferlegt, innerhalb weniger Jahre völlig verschleißen oder ihren Lohn auf ein Niveau drücken, das zum Überleben nicht mehr ausreicht. Wenn alle Arbeiter_innen an Hunger oder Überarbeitung sterben, findet andrerseits auch keine Kapitalakkumulation mehr statt. Das Kapital selbst legt sich jedoch nicht die Beschränkungen auf, die notwendig wären, um das Überleben und die Arbeitsfähigkeit der Arbeiterklasse als Ganzer zu erhalten. Der Grund dafür ist die Konkurrenz: Wenn ein_e Kapitalist_in im Alleingang seinen/ihren Arbeiter_innen den doppelten Lohn zahlt, hat er/sie im Verhältnis zu seinen Konkurrenten einen bedeutenden Kostennachteil und wird wahrscheinlich über kurz oder lang untergehen. Daher ist eine übergeordnete Instanz notwendig, die die Bewegungsfreiheit aller Kapitale (oder zumindest aller Kapitale einer Branche) im Sinne der Arbeiter_innen zügelt. Die übergeordnete Instanz kann z.B. auch in dem Falle zur Tat schreiten, wo das Interesse eines Kapitalisten/einer Kapitalistin an Extraprofiten aus einem Energiemonopol das Interesse aller anderen Kapitalist_innen an niedrigen Energiepreisen so stark schädigt, dass darunter die Kapitalakkumulation auf nationalem Niveau in nennenswertem Maße leidet. Diese Instanz kann nur der kapitalistische Staat sein. Weil dieser eben das Interesse der Kapitalistenklasse an der Kapitalakkumulation verfolgt und (im Idealfall) nicht das Interesse der einzelnen Kapitalist_innen, wenn es mit dem allgemein kapitalistischen Interesse in Konflikt steht, nennt Engels den kapitalistischen Staat den „ideelle(n) Gesamtkapitalist(en)“[87]. Der ideelle Gesamtkapitalist sorgt dafür, dass die Gesetze für alle gelten, ob Arbeiterin, Kapitalist, Staatsangestellter oder Kleinbäuerin.

Heißt das, dass der kapitalistische Staat klassenneutral, also ein Staat aller Menschen ist? Nein, denn die Gesetze, die der Staat durchsetzt, sind nicht klassenneutral. Das bürgerliche Recht schützt das Privateigentum an Produktionsmitteln. Diebstahl und Raub werden bestraft. Das Privateigentum an Produktionsmitteln ist aber einer kleinen Minderheit der Gesellschaft vorbehalten, und indem es der Mehrheit per Gesetz verboten ist, sich diese Produktionsmittel einfach anzueignen, sind die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse im Gesetz kodifiziert. Wer arm ist, hat im Kapitalismus nur die Möglichkeit, durch Lohnarbeit an die Mittel seines Bedarfs zu kommen – es sei denn, er begibt sich auf Wege, die abseits der bürgerlichen Legalität liegen. Gerade indem alle Menschen gleichermaßen die Gesetze befolgen müssen, ist die Ungleichheit garantiert, weil eben die zu befolgenden Gesetze Ungleichheit implizieren. Der Staat ist daher immer die Diktatur einer Klasse über andere Klassen. Diktatur ist in diesem Kontext nicht unbedingt als eine Regierungsform ohne Wahlen, ohne Gewaltenteilung, als Herrschaft der Generäle o.ä. zu verstehen. Der allgemeinste Begriff der Diktatur ist bei Marx, Engels und Lenin mit Herrschaft jeglicher Art gleichzusetzen. Die Diktatur der Bourgeoisie kann sich auch als bürgerliche Demokratie mit Mehrparteiensystem, Gewaltenteilung und Pressefreiheit äußern. Denn die bürgerliche Pressefreiheit ist in Wirklichkeit die Freiheit der großen Medienkonzerne, ihre Meinung in die Öffentlichkeit zu tragen. Damit unterstützen sie die großen bürgerlichen Parteien und erschweren den revolutionären Arbeiterparteien den Aufstieg zu einer systemsprengenden Kraft. Und die Gewalten setzen, auch wenn sie getrennt sind, immer noch das bürgerliche Recht und damit das Interesse der Bourgeoisie durch.

Um die Herrschaft der Bourgeoisie über das Proletariat aufrechtzuerhalten, bedient sich der Staat repressiver Maßnahmen (indem er die Geltung der Gesetze durchsetzt, Demonstrationen zusammenprügelt und „Verfassungsfeinde“ überwachen lässt), ideologischer Maßnahmen (indem er die herrschende Ideologie durch die Medien, Schulen, Universitäten, Kirchen, das Parlament usw. verbreitet) und ökonomischer Maßnahmen (indem er durch begrenzten sozialen Schutz die Wahrscheinlichkeit von Unruhen, Protestwählertum usw. eindämmt).

Der Staat bedarf, um durchsetzungsfähig zu sein, einer effektiven Gewalt, die sowohl feindliche Mächte außerhalb des Staatsgebiets in Schach halten oder gar unterwerfen kann, als auch die Geltung der herrschenden Ordnung im Inneren durchzusetzen versteht. Außerdem nimmt der Staat (selbst der von den Neoliberalen geforderte „Nachtwächterstaat“) umfangreiche ökonomische und sonstige organisatorische Funktionen wahr, die einen effizienten Verwaltungsapparat erfordern. Der Aufbau einer solchen Gewalt, bestehend aus Armee, Polizei, Geheimdienst usw., und einer solchen Verwaltung ist sehr kostspielig. Um diese und andere Staatsausgaben zu decken, ist jeder Staat unbedingt auf Staatseinnahmen angewiesen. Er muss daher das gesellschaftliche Mehrprodukt, im Kapitalismus den gesellschaftlich produzierten Mehrwert, besteuern und ist somit darauf angewiesen, dass ein gesellschaftliches Mehrprodukt in ausreichender Höhe produziert wird. Der kapitalistische Staat im Besonderen fördert also nicht nur den Bestand der Eigentumsverhältnisse, sondern auch die Kapitalakkumulation seiner „eigenen“ Kapitalist_innen[88]. Deshalb ist der Staat daran interessiert, dass die Produktionskosten durch Lohnhöhe und Steuerniveau nicht so hoch werden, dass sich die Produktion im eigenen Land nicht mehr lohnt. Es entsteht also ein grundsätzlicher Widerspruch zwischen dem staatlichen Interesse, Steuern einzunehmen und durch vergleichsweise hohe Löhne einen starken inneren Markt zu schaffen sowie die soziale Unzufriedenheit zu verringern – und dem staatlichen Interesse an günstigen Akkumulationsbedingungen für das Kapital[89].

Weil der kapitalistische Staat unabdingbarer Bestandteil des Kapitalismus ist und den Kapitalismus gewaltsam erhält, ist ein Sturz des Kapitalismus nicht denkbar ohne den Sturz des kapitalistischen Staats. Jede revolutionäre Bewegung sieht sich zunächst mit den Repressionsorganen der Nation konfrontiert, in der sie agiert und deren Staat und herrschende Klasse sie bekämpft. Nationen sind als historisch gewachsene Wirklichkeit zu analysieren und müssen in jeder revolutionären Strategie berücksichtigt werden.

Im Sozialismus gibt es zunächst auch noch Staaten. Da die Macht der Bourgeoisie noch nicht vollständig gebrochen ist und der Sozialismus sich gegen seine Feinde, die ihn abschaffen und zum Kapitalismus zurückkehren wollen, verteidigen muss, bedarf es im Sozialismus eines Herrschaftsapparats besonderer Art – der revolutionären Diktatur des Proletariats[90]. Der sozialistische Staat wird sich in vielen wesentlichen Punkten vom kapitalistischen Staat unterscheiden: Er ist Staat des Proletariats und nicht der Bourgeoisie. Er hat die Versorgung der Menschen mit Bedarfsgütern zum Ziel und nicht die Profitmacherei der Wenigen. Er ist Eigentümer der Produktionsmittel und verbietet das Privateigentum an Produktionsmitteln[91]. Er plant die Produktion und Konsumtion umfassend und gemäß den Bedürfnissen der Menschen, statt lediglich in marktgesteuerte Wirtschaftsprozesse zu intervenieren. Indem er der Staat der großen Bevölkerungsmehrheit ist und diese in die Planung und Durchführung der Produktion sowie in die Lenkung der Gesellschaft insgesamt organisch integriert, ist der sozialistische Staat ein fundamental demokratischer, egalitärer Staat – wohingegen der kapitalistische Staat, auch wenn er eine gewählte Regierung hat, letztlich immer der Machtausübung einer kleinen Minderheit dient. Auf der anderen Seite übernimmt der sozialistische Staat Elemente des bürgerlichen Staats: Es gibt keinen Grund, weshalb nicht die Verwaltungsstrukturen des bürgerlichen Staats, sofern sie sich gemäß den Zielen des Sozialismus umformen lassen, für den Aufbau des Sozialismus nutzbar gemacht werden sollten.

Mit dem graduellen Verschwinden der Klassen und ihrer Gegensätze wird auch eine von der Gesellschaft getrennte Gewalt, die sich in der Verfügung einer bestimmten Klasse befindet, immer überflüssiger. Wenn in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft die Klassen, die Warenform der Güter und das Geld als Verteilungsmechanismus verschwinden, spricht man vom Kommunismus. Mit dem langsamen Übergang der sozialistischen in die kommunistische Gesellschaft wird der Staat nicht abgeschafft, er stirbt ab.

 

Eine Gesellschaft ohne Staat bedeutet nicht, dass in ihr jeder tun und lassen kann, was er will und dass man nicht bestraft wird, wenn man seinen Nachbarn totschlägt. Regeln, die zum Funktionieren der Gesellschaft von allen befolgt werden müssen, wird es trotzdem geben. Aber ihre Einhaltung wird von Organen überwacht werden, die der Gesellschaft als Ganzer unterstehen und nicht einer Klasse. Außerdem wird die Zahl der Regelverstöße enorm zurückgehen, weil der Klassenwiderspruch verschwindet, weil niemand mehr gezwungen ist, sein Überleben durch Kriminalität zu sichern und weil mit dem Verschwinden der bürgerlichen Ideologien und der allgemeinen Erhöhung der Bildung die Einsicht in die Notwendigkeit bestimmter Regeln sehr zunehmen wird. Es versteht sich von selbst, dass solche tiefgreifenden Veränderungen nicht über Nacht realisierbar sind, sondern sich notwendigerweise über längere Zeiträume hinziehen.

 

5. Warum Sozialismus?

Marx schrieb in den „Thesen über Feuerbach“: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern[92]. Angesichts dieses für den Marxismus zentralen Diktums kann es verwundern, dass Marx dennoch Jahrzehnte seines Schaffens dafür aufgewandt hat, ersteres zu tun, nämlich die Welt zu analysieren. Das wäre jedoch ein Missverständnis der Intentionen von Marx. Was er meinte, war keineswegs, dass die theoretische Analyse falsch, überflüssig oder wirkungslos sein muss. Was den Marxismus-Leninismus vor allen bisherigen philosophischen Systemen auszeichnet, ist vielmehr die Einheit von Theorie und Praxis, als die er sich definiert. „Das heißt nicht einfach, daß jede Praxis von theoretischen Erwägungen begleitet und geleitet wird; in diesem trivialen Sinne gilt das für jedes Handeln, zumal für jede Politik. Vielmehr durchdringen sich im Marxismus philosophische Theorie und politische Praxis in der Weise, daß jede theoretische Konzeption als ein Moment der Praxis, als eine Position innerhalb der Fronten des Klassenkampfs definiert wird“. Konkret heißt das für die Entwicklung von marxistischer Theorie und Praxis: „Aus der Praxis entspringt ein Theorieentwurf, dieser wiederum beeinflußt die Praxis, seine praktische Anwendung beeinflußt die Theoriekritik, die Theoriekritik ihrerseits beeinflußt den Theorieentwurf“[93]. Die Tatsache, dass man eine Sache richtig erkennen muss, bevor man sie planmäßig verändern kann, erscheint banal. Dennoch mangelt es oftmals genau an dieser Erkenntnis: Als Beleg dafür soll die Theoriefeindlichkeit vieler Linker herhalten, aber auch die schwache „Kritik“ am wissenschaftlichen Sozialismus, die da lautet, er sei der Theorie nach ja schön und gut, aber der Praxis nach „funktioniere“ er nicht[94]. Die Gesellschaftstheorie des Marxismus ist eine Analyse der Realität – in erster Linie der gesellschaftlichen und in erster Linie der kapitalistischen. Sie ist nicht von vornherein wertend oder antikapitalistisch. Die Analyse führt allerdings zu Ergebnissen über die bestehende Gesellschaftsordnung, die diese Gesellschaftsordnung in keinem guten Lichte erscheinen lassen. Anders als der utopische Sozialismus[95] vor und nach Marx ist der wissenschaftliche Sozialismus von Marx, Engels und Lenin die wissenschaftliche Begründung der Notwendigkeit und der Möglichkeit des Sozialismus. Indem erkannt wird, was für die katastrophalen Lebensbedingungen des Großteils der Menschen verantwortlich ist, liegt auch die Lösung dieser Probleme auf der Hand, zumindest in ihrer allgemeinsten Form. Marx schreibt über den wissenschaftlichen Sozialismus: „Indessen ist das gerade wieder der Vorzug der neuen Richtung, daß wir nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern erst aus der Kritik der alten Welt die neue finden wollen.“[96]

In jedem Fall lässt sich festhalten, dass der Kapitalismus eine historische, vorübergehende Gesellschaftsformation ist und keine „natürliche“, notwendige Art und Weise von Menschen, ihr gesellschaftliches Miteinander zu organisieren. Es lässt sich festhalten, dass der Kapitalismus aufgrund seines ungebremsten Profittriebs die Zerstörung unserer natürlichen Umwelt in einer Geschwindigkeit betreibt, die Marx sich vermutlich nicht hätte träumen lassen, obwohl er die Umweltzerstörung als Gefahr bereits erkannt hatte[97]. Es lässt sich weiterhin festhalten, dass der Kapitalismus für die große Mehrheit der Menschen nicht viel zu bieten hat: Er ermöglicht gewaltige Fortschritte der Produktivkräfte, die jedem Menschen dieses Planeten einen würdigen Lebensstandard und soziale Sicherheit ermöglichen könnten. Da aber das Mehrprodukt von einer kleinen Klasse angeeignet wird, statt denen zu gehören, die es produziert haben, ist der obszöne Reichtum der ganz Wenigen mit der nackten Armut Vieler im Kapitalismus durchaus vereinbar. Wenn eine Analyse des Kapitalismus mit dem Ziel geleistet wird, tatsächlich die Struktur- und Bewegungsgesetze dieser Gesellschaft aufzuzeigen und nicht ihre Folgen zu beschönigen (wie es die bürgerliche Wirtschaftslehre tut), zeigt sie auf, dass das treibende Motiv und der Zweck der kapitalistischen Produktion der Profit ist. Das menschliche Bedürfnis nach Gebrauchsgegenständen, das am Beginn der Menschheitsgeschichte der Grund war, weshalb Menschen begannen, ihre Umwelt zu bearbeiten, zählt im Kapitalismus nur noch als zahlungsfähiges Bedürfnis. Nach Daten der Vereinten Nationen hungerten im Jahr 2009 eine Milliarde Menschen, von denen täglich ca. 100.000 sterben. Das sind über 30 Millionen pro Jahr und in Perioden der relativen Nahrungsmittelknappheit dürften es noch mehr sein[98]. Der Grund dafür ist nicht mehr der Mangel, wie auf weniger entwickelten Stufen der gesellschaftlichen Produktivkräfte. Momentan werden weltweit genügend Nahrungsmittel produziert, um 12 Milliarden Menschen zu ernähren[99]. Der britische Ökologe und Agrarwissenschaftler Jules Pretty schätzt, dass auf dem jetzigen Entwicklungsstand der Produktivkräfte eine ökologische, nachhaltige Landwirtschaft möglich wäre, die zumindest 9 Milliarden oder mehr Menschen ernähren könnte[100]. Zukünftiger technologischer Fortschritt und/oder eine eventuelle starke Reduktion des Fleischkonsums ist dabei nicht einmal einkalkuliert. Wenn Dutzende Millionen Menschen verhungern, während es technisch kein Problem wäre, sie zu ernähren, kann das nur als stiller Massenmord bezeichnet werden. Wo materieller Überfluss und Hunger nebeneinander existieren, wird der Gegensatz von Wert und Gebrauchswert am offensichtlichsten: Gebrauchswerte gibt es mehr als genug, sie werden sogar tonnenweise vernichtet, weil sie nicht verkauft werden können. Aber der Wert als Voraussetzung der Realisierung des Gebrauchswerts, also des Konsums, verhindert die rationale gesellschaftliche Nutzung der Produktivkräfte. Dass im Kapitalismus so viele Menschen verhungern, hat seine Ursache nicht erst in der protektionistischen Agrarpolitik der Europäischen Union oder in unkontrollierten Finanztransaktionen. Der Grund dafür ist der Kapitalismus selbst: Das Privateigentum als Voraussetzung des Werts, der Wert als Voraussetzung des Warentauschs, der Tausch als Voraussetzung des Konsums; der Profit, also die Akkumulation von Wert als alleiniges Ziel der Produktion. Jeder Versuch, die Profitmacherei durch Staatseingriff oder einen günstigen Tarifvertrag in die „richtigen“ Bahnen zu lenken, greift zu kurz und ist zum Scheitern verurteilt. Nicht nur muss jede Errungenschaft, die erkämpft wurde, ohne das kapitalistische System zu überwinden, permanent gegen Gegenangriffe verteidigt werden. Jede Reform stößt sich auch permanent an den Grenzen des Systems: Zu hohe Löhne oder Steuern führen das Kapital in Verwertungsschwierigkeiten, also in eine Krise, die wiederum zu Lohnsenkungen und Massenentlassungen führt. Jedes Gesetz z.B. zur Beschränkung der CO2-Emissionen muss gegen massiven Widerstand durchgesetzt und dann verteidigt werden und kann nur so weit aufrechterhalten werden, wie es die Verwertung des Kapitals nicht in Frage stellt.

Das Kapital und das Privateigentum an Produktionsmitteln wirken mehr und mehr als Schranke der Produktivkräfte[101]. Nennenswertes Wachstum wird nur noch durch ungedeckte Wechsel auf die Zukunft erreicht: Durch riesige Spekulationsblasen, die durch die reale Produktion nicht mehr ansatzweise gedeckt sind. Wenn diese Spekulationsblasen platzen, kann es zum Kollaps von Welthandel und -produktion kommen, wie seit 2008 geschehen. Die Spekulation zu beschränken, wie es reformistische Ökonom_innen fordern, hieße aber, dem finanzmonopolistischen Spätkapitalismus das wichtigste Mittel zu nehmen, das ihn überhaupt noch am Laufen hält. Die einzig vernünftige, humane und praktikable Lösung ist die allumfassende Enteignung des Kapitals und effiziente Planung der Produktion durch die ganze Gesellschaft.

 

6. Kann Sozialismus funktionieren?

Seit Adam Smith – dessen Loblied auf die Marktwirtschaft sich im Gegensatz zu seiner Arbeitswerttheorie auch heute noch großer Beliebtheit unter den liberalen Berufsideolog_innen der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten erfreut – gehört es zum theoretischen Fundus der Kapitalismusverteidiger_innen, dass Eigennutz und Konkurrenz Wesensmerkmale des Menschen allgemein seien, sodass die Möglichkeit des Sozialismus, weil er an die Stelle der Konkurrenz Assoziation und Zusammenarbeit setzen will, von diesen a priori (das heißt: erfahrungsunabhängig; bevor man ihn überhaupt ausprobiert hat) ausgeschlossen wird[102]. Diese Art von grundsätzlichen Einwänden gegen den Sozialismus lässt sich sehr leicht entkräften. Die erstaunliche Langlebigkeit des Kapitalismus rührt ja gerade daher, dass die große Mehrheit der Menschen ihr objektives materielles Interesse, nämlich den Kampf gegen das Kapital um bessere Lebensbedingungen und die Abschaffung des Kapitalismus, eben nicht verfolgt. Wären die Menschen wirklich einzig und allein vom Egoismus getrieben, hätten sich die Lohnabhängigen den Kapitalismus, der ihre materiellen Interessen schädigt und behindert wie nichts anderes, schon längst vom Hals geschafft. Darüber hinaus ist Eigennutz als überhistorische Wesenseigenschaft der Menschen, die also Menschen in jeder historischen Epoche und an jedem Ort der Welt immer aufweisen würden, überhaupt nicht nachweisbar. Die ökonomische Konkurrenz der Individuen, die die liberale Wirtschaftslehre als Ursprung und Berechtigung des Kapitalismus postuliert, war nicht vor dem Kapitalismus da und hat ihn auch nicht verursacht. Erst dadurch, dass die marktförmige Konkurrenz im Frühkapitalismus zur Realität wurde, erst durch die Zersplitterung des Gesellschaftskörpers in voneinander getrennt wirtschaftende Privatpersonen, entstanden die liberalen Ideologien, die Konkurrenz für etwas Fördernswertes und Notwendiges hielten. Erst seit die Menschen tatsächlich in Konkurrenz zueinander treten, benehmen sie sich auch dementsprechend. Die historische Widerlegung des liberalen Dogmas von der „Natur des Menschen“ ist zugleich eine schlagende Bestätigung des Historischen Materialismus, der das Bewusstsein der Menschen zur materiellen Basis in Beziehung setzt[103]. Weil im Kapitalismus der Erfolg des einen den Misserfolg des anderen, weil der Reichtum der Wenigen die Armut der Vielen voraussetzt und der Sozialismus eben diese Armut abschaffen will, deshalb scheint es so, als würde Egoismus dem Sozialismus zuwiderlaufen. In Wirklichkeit verlangt der Sozialismus keineswegs von den Menschen, ihre Bedürfnisse immer und überall zugunsten der anderen zurückzustellen. Es werden durch den Sozialismus lediglich die Bedingungen dafür geschaffen, dass der einzelne Mensch seine Interessen im Einklang mit den Interessen der anderen und nicht gegen sie verfolgen kann. Marx und Engels schreiben über den Sozialismus: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.[104]

Ein zweites Argument der Antikommunisten bezieht sich auf die Verfasstheit der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft: Da im Sozialismus nicht mehr für den Profit einiger weniger, sondern für das Wohlergehen aller produziert wird, bestehe auch für niemanden mehr ein Anreiz, zu arbeiten. Dieses Argument geht implizit davon aus, dass im Kapitalismus alle arbeiten würden, um die eigene Situation zu verbessern und dies im Sozialismus nicht mehr möglich sei. Nimmt man den Menschen die Belohnung fürs Arbeiten, tun sie es auch nicht mehr, so die Vorstellung. In Wirklichkeit verhält es sich aber umgekehrt: Im Kapitalismus arbeiten die allermeisten Menschen einen Großteil der Zeit gar nicht für sich selbst, sondern für den Profit eines anderen, nämlich des Kapitalisten. Der Nachweis, dass das so ist, wurde von Marx ausführlich geführt. Im Sozialismus dagegen käme das gesamte Arbeitsprodukt der gesamten Gesellschaft zugute. So lange nicht absoluter materieller Überfluss und ein hoch entwickeltes sozialistisches Bewusstsein vorherrschen, die solche Regulierungen überflüssig machten, würde die individuelle Arbeitsleistung eines jeden der Maßstab dafür sein, wie viel Konsumgüter jedem Mitglied der Gesellschaft zur persönlichen Verfügung gestellt werden. Im Fall von Arbeiten, die besonders unangenehm, anstrengend oder gefährlich, aber dennoch notwendig sind, könnte man materielle oder moralische Anreize einführen und so das System der Einkommensverteilung modifizieren[105]. Individuelle Leistung lohnt sich also nicht nur auch im Sozialismus, sie lohnt sich sogar viel mehr als im Kapitalismus, in dem der Zufall der Geburt hauptsächlich darüber entscheidet, ob man von eigener Arbeit leben muss und wie viel man vom Erarbeiteten behalten darf.

Mit dem liberalen Ökonomen Ludwig von Mises kam Anfang des 20. Jahrhunderts noch ein weiteres Argument hinzu. Der Sozialismus sei nicht nur ineffizient, sondern sogar unmöglich, behauptete von Mises. Seine Argumentation geht wie folgt: Man muss rechnen, um ökonomische Effizienz abschätzen zu können. Rechnen kann man nur mit Einheiten. Gebrauchswerte sind aber subjektiv und können daher keine Recheneinheiten sein, daher brauche man das Geld als Recheneinheit[106]. Dieser Einwand ist geradezu absurd: Entscheidend für eine effiziente Wirtschaftsrechnung ist der Arbeitsaufwand zur Produktion von Gütern, der sich sehr wohl berechnen lässt und sich als Recheneinheit eignet sowie die Seltenheit der Güter. Der durchschnittliche Arbeitsaufwand zur Herstellung eines Produkts wird im Kapitalismus von den Unternehmen ständig berechnet. In jedem Unternehmen herrscht intern nämlich ebenfalls Planwirtschaft. Lediglich das Ziel ist im Kapitalismus ein anderes, nämlich durch den Verkaufspreis die Produktionskosten zu überbieten. In einer sozialistischen Planwirtschaft würde natürlich versucht, die größtmögliche Effizienz, d.h. Einsparung von Arbeitskraft zu gewährleisten. Das ist anhand von Tabellen, in denen jedes Arbeitsprodukt und der notwendige Aufwand an Ressourcen eingetragen sind, sowie der modernen Computertechnik heute sehr gut möglich[107]. Solche effizienten Methoden der Wirtschaftsrechnung standen im 20. Jahrhundert in den sozialistischen Ländern leider noch nicht zur Verfügung. Gegen die Verwendung der Arbeitszeit als Rechnungseinheit wendet von Mises ein, dass Arbeiten nicht gleichartig und daher auch nicht auf eine gemeinsame Einheit reduzierbar seien. Sicher ist richtig, dass im Kapitalismus verschiedene Arbeiten in derselben Zeit unterschiedlich viel Wert produzieren. Das setzt aber voraus, dass es Wert, also gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, als Rechnungseinheit überhaupt gibt. Dass komplizierte Arbeit, die selbst das Produkt von Ausbildungsarbeit ist, mehr Wert schaffen kann als einfache, liegt daran, dass die komplizierte Arbeit die wertschöpfende Potenz der Arbeiten in sich gespeichert hat und im Produktionsprozess freisetzt. Einfache und komplizierte Arbeit stehen nicht im Widerspruch zur Arbeitswertlehre, sondern sind nur durch sie erklärbar. Der Einsatz spezialisierter Arbeitskräfte müsste im Sozialismus selbstverständlich im Einklang mit Angebot und Bedarf an solchen Arbeitskräften sowie anhand der Kosten, die für die Gesellschaft notwendig sind, um neue Arbeitskräfte auszubilden, berechnet werden. Und selbstverständlich wäre das auch möglich. Ein sparsamer Umgang mit Ressourcen ist aber sogar nur im Sozialismus möglich: Im Kapitalismus ist der Verbrauch von Ressourcen im Wesentlichen eine private Entscheidung. Seltene Ressourcen benötigen mehr Arbeitszeit, um gefördert zu werden oder unterliegen natürlichen Monopolen, d.h. sie befinden sich aufgrund ihres natürlichen Vorkommens in der ausschließlichen Verfügung eines oder weniger Produzenten; beides erhöht ihren Preis und senkt damit in der Regel den Verbrauch. Das passiert aber erst, wenn die Knappheit schon entstanden ist. Dem verschwenderischen Verbrauch der natürlichen Ressourcen, wie er im Kapitalismus vorherrscht, wird durch steigende Preise erst dann in gewissem Maße entgegengewirkt, wenn das Gut knapp, der Schaden also schon angerichtet ist. Im Sozialismus könnte man die Knappheit von Ressourcen voraussehen, einkalkulieren und gegebenenfalls rechtzeitig Ersatz finden.

An das dritte Argument, das sozialistische Wirtschaftssysteme für unmöglich oder zumindest für sehr ineffizient hält, schließt oft ein viertes an: Man habe ja am „Zusammenbruch“ des Sozialismus in der Sowjetunion, der DDR und den anderen sozialistischen Ländern in Osteuropa gesehen, dass Sozialismus „nicht funktioniere“. Ein Argument im eigentlichen Sinne ist das natürlich nicht, denn von einem empirischen Einzelfall kann nie auf ein allgemeines Gesetz geschlossen werden. Dennoch wollen wir auf diese antisozialistische Polemik kurz eingehen: Was man in den sozialistischen Ländern über 70 Jahre lang gesehen hat, ist nämlich, dass der Sozialismus sehr wohl machbar ist. Der Aufbau des Sozialismus fand in Russland unter schwierigsten Bedingungen statt: Rückständigkeit der russischen Industrie, der niedrige Bildungsgrad der Bevölkerung, Zerstörungen des Ersten Weltkriegs und des Russischen Bürgerkriegs, die schiere Größe des Landes, Klassenkämpfe im Inneren, der Zwang zur Industrialisierung und Aufrüstung angesichts des drohenden Faschismus, schließlich ab 1941 die Invasion der deutschen Wehrmacht in der Sowjetunion, über 20 Millionen Tote auf sowjetischer Seite – das waren die Ausgangsbedingungen, mit denen die Sowjetunion in den Kalten Krieg eintrat. Ihr Konkurrent waren die USA, das am weitesten entwickelte und reichste Land der Erde, das im 20. Jahrhundert nie einen Krieg auf eigenem Boden führen musste. Entartungen und Fehler, die beim Aufbau des Sozialismus auftraten, können nicht in allen Fällen durch die objektiven Hindernisse entschuldigt, in den meisten Fällen aber doch erklärt werden. Fehler müssen analysiert werden, damit man aus ihnen lernt. Das Vermächtnis der Sowjetunion und ihrer Schwesterstaaten besteht aber darin, dass eine Planwirtschaft über lange Zeit Bestand hatte und aus einem armen, rückständigen Agrarland eine moderne Industrienation machen konnte, die Raketen ins All schickte und ihren Bewohnern einen ungleich höheren Lebensstandard ermöglichte, als sie ihn vor der Revolution hatten. In China, dessen Gesellschaft noch weniger entwickelt war als die russische, herrschte 1949, beim Sieg der Revolution, eine durchschnittliche Lebenserwartung von 35 Jahren. Ende der 70er, nach Maos Tod, lag die Lebenserwartung in China bei durchschnittlich 65 Jahren und 1982 bei 68 Jahren[108]. Hunderten Millionen Menschen hat der Sozialismus in der Vergangenheit bessere Versorgung mit Lebensmitteln, Bildung und Medizin, soziale Sicherheit, ein solidarisches Miteinander auf Basis weitgehender materieller Gleichheit und ein längeres Leben ermöglicht. Und bis heute wirkt er auf diese Weise, selbst unter den widrigsten Umständen der fast vollständigen Isolation, der US-Handelsblockade und der fortwährenden Sabotageakte und terroristischen Angriffe der imperialistischen Geheimdienste, auf die Lebensverhältnisse von Millionen Menschen auf Kuba, trotz aller Widersprüche und Schwierigkeiten, durch die der kubanische Sozialismus gekennzeichnet ist. Der Kapitalismus andrerseits hat sein Versprechen von allgemeinem Wohlstand überhaupt nur für einen Teil der Menschen in den westlichen Gesellschaften eingelöst. Und selbst das konnte er nur, weil er gleichzeitig der Mehrheit der Menschen Armut, Hunger, Kriege, Unbildung, Entmündigung und Massensterben infolge heilbarer Krankheiten auferlegte und rücksichtslos die natürlichen Ressourcen des Planeten dabei verfeuerte. Heute zu behaupten, der Sozialismus sei ökonomisch gescheitert, ist leicht, weil es ein Allgemeinplatz ist. Die Wahrheit interessiert deshalb kaum jemanden, vor allem nicht die bürgerlichen Medien. Dass wider alle Tatsachen und in der Regel unwidersprochen die Lüge verbreitet werden kann, die DDR sei 1989 bankrott gewesen, soll als ein Beispiel unter vielen dafür herhalten[109]. Wer den Geschichtsrevisionist_innen und -fälscher_innen widerspricht, wird leicht selbst als Geschichtsrevisionist_in bezeichnet. Als in den frühen 30ern die Weltwirtschaftskrise in der gesamten kapitalistischen Welt wütete, erlebte die Sowjetunion eine Industrialisierung von historisch präzedenzloser Geschwindigkeit. Als in den 50ern und 60ern die sozialistischen Volkswirtschaften schneller wuchsen als die kapitalistischen, machte sich in den herrschenden Kreisen der westlichen Staaten die Angst breit, das sozialistische Lager würde das kapitalistische in näherer Zukunft wirtschaftlich in den Schatten stellen. Die schnelle wirtschaftliche Entwicklung Chinas unter Mao legte mehr als nur den Grundstein für den raketenhaften ökonomischen Aufstieg des Landes seit 1980. Der Siegestaumel nach dem Ende des real existierenden Sozialismus 1989-91 hat die herrschende Klasse vergessen lassen, dass auch sie mit dem Ende der Sowjetunion nicht gerechnet hatten. Die Ereignisse von 1989-91 hingen zwar mit (temporären) ökonomischen Problemen und Stagnationserscheinungen in den sozialistischen Ländern zusammen, waren aber im Wesentlichen politische Entscheidungen, die sehr wohl auch anders hätten getroffen werden können. Das vorläufige Scheitern des Sozialismus ist daher viel eher auf einen internen Umsturz als auf einen „Zusammenbruch“ zurückzuführen[110]. Die historische Bilanz des Sozialismus kann sich durchaus sehen lassen und zwar im Vergleich zu allen anderen Gesellschaftsformationen der Geschichte. Daran ändert sich auch dadurch nichts, dass es zu verschiedenen Momenten der Geschichte im Namen des Kommunismus zu bedeutenden Abweichungen von der sozialistischen Idee und schweren Fehlern gekommen ist. Diese im Einzelnen zu analysieren und zu bewerten, muss jedoch anderen Arbeiten vorbehalten bleiben.

 

7. Was tun?

Das Verhältnis von Reform und Revolution

Wenn der Sozialismus nicht nur dringend notwendig, sondern auch machbar ist, dann muss die nächste Frage sein, welchen Weg wir einschlagen müssen, um den Bruch mit den Eigentumsverhältnissen herbeizuführen, der dem Aufbau des Sozialismus vorangeht.  Während auch nicht-marxistische Linke die Diagnose teilen würden, dass der Kapitalismus für massenhaftes Elend, für Kriege, politische Repression, Umweltverschmutzung und andere Übel verantwortlich ist und überwunden werden muss, scheiden sich die Geister an der Frage, wie das zu bewerkstelligen ist. Manche Antikapitalist_innen, von denen sich viele auch Kommunist_innen nennen, sind der Meinung, man dürfe auf dem Weg zum Sozialismus und Kommunismus keine Kompromisse eingehen. Jeder Kompromiss wird von ihnen als ein Verrat an den proklamierten Zielen und an der Sache der Arbeiterklasse verurteilt. Lenin kritisierte die Vertreter_innen eines solchen „Linksradikalismus“: Es komme darauf an, bei allen Zwischenstationen und Zugeständnissen, die man zu machen gezwungen ist, das revolutionäre Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Es gibt Situationen, in denen man  durch die Umstände zu bestimmten Kompromissen gezwungen ist. In diesen Situationen wäre es dumm, dogmatisch zu denken, und taktische Rückzüge und Zugeständnisse in jedem Fall zu verwerfen. Oft führen nur Zugeständnisse an den Gegner dazu, dass man die notwendige Atempause bekommt, um später weiterkämpfen zu können. Andrerseits gibt es natürlich auch Kompromisse, die objektiv nichts anderes darstellen als Verrat an der Arbeiterklasse und ihrem Ziel. Es kommt daher immer darauf an, im Einzelfall zu analysieren, ob ein Kompromiss aus einer objektiven und anders nicht zu bewältigenden Schwierigkeit erwächst, oder ob er lediglich der Bequemlichkeit, dem Eigennutz, der Angst vor dem Gegner etc. entsprungen ist.

Während die (vermeintlich) „ultralinken“ Vorstellungen von einer Revolution ohne Umwege und Verzögerungen sich mit den Vorstellungen Lenins grundlegend darin deckten (bzw. decken), dass es einer sozialistischen Revolution bedarf, bestreitet der Reformismus das. Die Beispiele für reformistische Vorstellungen, Aussagen, Bewegungen oder Parteien sind zahllos und seit dem Entstehen der Arbeiterbewegung nahezu in allen Zeiten und Ländern vorzufinden. Ebenso, wie die Arbeiterbewegung nicht von Marx und Engels „erfunden“ wurde, sondern in den beiden Denkern lediglich die Begründer der Wissenschaft fand, die der theoretische Ausdruck der Arbeiterbewegung ist, gab es auch den Reformismus schon vor dem wissenschaftlichen Sozialismus. Im Kommunistischen Manifest kritisierten Marx und Engels den sogenannten „Bourgeoissozialismus“: Dieser „suchte der Arbeiterklasse jede revolutionäre Bewegung zu verleiden, durch den Nachweis, wie nicht diese oder jene politische Veränderung, sondern nur eine Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse, der ökonomischen Verhältnisse ihr (der Arbeiterklasse, Anm. d. V.)von Nutzen sein könne.mUnter Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse versteht dieser Sozialismus aber keineswegs Abschaffung der bürgerlichen Produktionsverhältnisse, die nur auf revolutionärem Wege möglich ist, sondern administrative Verbesserungen, die auf dem Boden dieser Produktionsverhältnisse vor sich gehen, also an dem Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit nichts ändern“[111]. Bald nach dem Tod von Marx und Engels begann der Streit zwischen den revolutionären Marxist_innen wie Lenin, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, und den Vertreter_innen des Reformismus, die sich (damals noch) ebenfalls auf den wissenschaftlichen Sozialismus von Marx und Engels beriefen, aber viele seiner Grundthesen verwarfen. Die wichtigsten Vertreter des Reformismus, gegen die Lenin und Luxemburg scharf polemisierten, waren Karl Kautsky, Georgi Plechanow, Eduard Bernstein und Rudolf Hilferding, wobei sich einige von ihnen erst im Verlauf ihres Lebens vom revolutionären Marxismus abwandten. Wissenschaftlich ist keine der Grundaussagen des Reformismus haltbar, wenngleich einige Reformist_innen wie Hilferding oder Plechanow bedeutende Beiträge auch zur Weiterentwicklung des Marxismus geleistet haben.

Ob jemand aus mangelhafter Analyse und Unwissen Reformist_in ist, oder bewusst, um die Herrschaft des Kapitals zu stützen, spielt für die Wirkung keine Rolle: Objektiv stabilisiert der Reformismus das bestehende System, weil er Illusionen über dessen Reformierbarkeit erzeugt und Menschen davon abhält, die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Reformist_innen sind zwar der Meinung, dass der kapitalistische Markt noch nicht alleine für Wohlstand für alle sorgt, aber dass er das tut, sobald der Staat die richtigen Rahmenbedingungen setzt. Reformist_innen lehnen explizit oder implizit die Erkenntnis ab, dass der Kapitalismus und seine inneren notwendigen Widersprüche die vorherrschende Menschenfeindlichkeit hervorgebracht haben. Reformist_innen wollen nicht den Kapitalismus überwinden, sondern den „Turbokapitalismus“, den „Raubtierkapitalismus“, den „Heuschreckenkapitalismus“ oder den „Casinokapitalismus“ – was sie am Bestehenden kritisieren, halten sie für die Folge einer Entartung des (somit von allen Vorwürfen freigesprochenen) „eigentlichen“ Kapitalismus. Sie wollen daher nicht das Kapital enteignen, sondern z.B. seine „Auswüchse“ auf den Finanzmärkten bändigen. Sie wollen nicht den Markt und das „freie Unternehmertum“ überwinden, sondern am „Allgemeinwohl“ ausrichten. Sie glauben, dass das Kapital, also die Vermehrung von Geld als Selbstzweck, wenn man es nur richtig kontrolliert, nicht mehr dem Profit, also der Geldvermehrung, dient, sondern den Menschen[112]. Andere Reformist_innen wollen den Kapitalismus durch schrittweise Reformen und materielle Verbesserungen langsam in den Sozialismus hinüberwachsen lassen. Der entscheidende Unterschied liegt aber nicht darin, ob man den „schnellen“ oder den „langsamen“ Weg einschlägt, denn ob eine Politik revolutionär oder reformistisch ist, ist keine Frage der Geschwindigkeit (oder zumindest nicht in erster Linie). Die entscheidende Linie, die die Revolution von der bloßen Reform trennt, ist dadurch abgegrenzt, dass ein Umsturz der Produktions- und der Herrschaftsverhältnisse stattfindet. In einer sozialistischen Revolution muss zuallererst die Macht der Bourgeoisie gebrochen werden, sodass staatliche Politik sich nicht mehr an Kapitalinteressen orientiert. Zweitens werden die Wesensmerkmale einer kapitalistischen Gesellschaft aufgehoben und an ihre Stelle treten Wesensmerkmale des Sozialismus: Anstelle von Privateigentum, Lohnarbeit und Markt treten Gemeineigentum, Entlohnung durch die Gesellschaft und Wirtschaftsplanung. Ob die notwendige Machtübernahme „schnell“ und durch ungesetzliche Mittel wie einen Volksaufstand (wie in Russland 1917) oder einen siegreichen Bürgerkrieg (wie in China 1949 und in Kuba 1959) vonstattengegangen ist oder „langsam“ und im Rahmen der bürgerlichen Legalität, ist im Prinzip nicht der entscheidende Unterschied. Da die Bourgeoisie im eigenen Land aber niemals freiwillig ihre Privilegien aufgeben wird und auch die Kapitalist_innen im Ausland selten tatenlos zusehen, wie ein Land sich ihrem Zugriff entzieht und sozialistisch wird, wird dem Proletariat normalerweise nicht die Chance gelassen, auf legalem Weg an die Macht zu kommen. Wenn dies, wie in Chile 1970 durch den Wahlsieg der Unidad Popular doch ab und zu gelingt, sind die Voraussetzungen für eine rein legale Fortsetzung der Revolution immer schlecht: Die reaktionären Kräfte in der chilenischen Armee und die rechten Parteien wurden aufgrund der Barrieren, die das bürgerliche Recht einer sozialistischen Umgestaltung setzt, nicht zerschlagen. So konnte 1973 ein von der CIA mitorganisierter Militärputsch gelingen und eine blutige faschistische Diktatur einsetzen, die Tausende Revolutionäre und Revolutionärinnen folterte und ermordete. Welchen Weg eine Revolution nimmt, lässt sich nicht allgemein formulieren, denn dafür sind die Bedingungen in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeiten zu unterschiedlich. Die revolutionäre Bewegung muss jedoch immer darauf achten, dass die Verteidigung der Arbeiterklasse und der Revolution mit den geeigneten Mitteln gewährleistet ist.

Es ist klar, dass Kommunist_innen mit den Zielen des Reformismus nicht viel gemein haben. Welche Position ist nun aber die der Kommunist_innen und warum? Und: Sind Kommunist_innen, weil sie gegen den Reformismus als Strategie sind, auch gegen Reformen?

Reform und Revolution schließen sich ihrem Begriff nach aus: Eine Reform ist eine Veränderung und Bewahrung des bestehenden Systems, eine Revolution ist seine Überwindung. Jeder Versuch der Verbesserung der Lebensumstände ohne Umsturz des Lohnsystems stößt an die Grenzen dieses Systems und kann nur noch durch seine Überwindung weitergeführt werden. Lohnforderungen können auf eine gewisse Höhe getrieben werden, dann aber machen sie eine qualitative Veränderung erforderlich, um ihr Ziel, die materielle Verbesserung, weiter zu verfolgen: Die Abschaffung von Kapital und Lohnarbeit. Wenn einer glaubt, mit hohen Löhnen seien seine Probleme gelöst, „so ist nur zu bemerken, daß die Krisen jedesmal gerade vorbereitet werden durch eine Periode, worin der Arbeitslohn allgemein steigt und die Arbeiterklasse realiter größern Anteil an dem für Konsumtion bestimmten Teil des jährlichen Produkts erhält. Jene Periode müßte – von dem Gesichtspunkt dieser Ritter vom gesunden und ‚einfachen‘ (!) Menschenverstand – umgekehrt die Krise entfernen. Es scheint also, daß die kapitalistische Produktion vom guten oder bösen Willen unabhängige Bedingungen einschließt, die jene relative Prosperität der Arbeiterklasse nur momentan zulassen, und zwar immer nur als Sturmvogel einer Krise“[113]. Wenn das Kapital gezwungen ist, hohe Löhne zu zahlen, sinkt seine Profitrate. Sinkt die Profitrate, sinkt auch das Wachstum der Produktion, Arbeiter_innen werden entlassen und die Kapitalist_innen versuchen alles, um die Löhne wieder zu senken. Das bedeutet keineswegs, dass es falsch wäre, für höhere Löhne zu streiken – im Gegenteil. Es bedeutet aber, dass jede Errungenschaft innerhalb des Kapitalismus dem ständigen Gegenangriff des Kapitals ausgesetzt ist und permanent verteidigt werden muss. Und es bedeutet, dass ein dauerhaft gutes Leben für die arbeitenden Massen nur zu haben ist, wenn die Produktion das auch direkt zum Ziel hat und sich nicht mehr daran orientieren muss, ob die Profite der Unternehmen hoch genug sind.

Auf der anderen Seite ist keine Revolution denkbar ohne vorherigen Kampf der Werktätigen um eine verbesserte Position innerhalb des Systems. Eine revolutionäre Organisation, die die Gewerkschaften nicht dominiert, ist von der Revolution noch weit entfernt. Mit einer Arbeiterklasse, die noch nie gestreikt hat, übernimmt man nicht die Macht. Erst wenn Kommunist_innen an allen wichtigen materiellen Kämpfen beteiligt sind und dort erfolgreich über ihre Analysen und Lösungsvorschläge informieren, diskutieren und die arbeitenden Massen davon überzeugen können, besteht die Basis, um den Sozialismus zur gesellschaftlichen Realität werden zu lassen. Marx schreibt: „die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift“[114]. Dafür zu sorgen, dass die Theorie die Massen ergreift und diese Massen sich zu einer „materiellen Gewalt“, einer Gegenmacht, formieren, ist die Aufgabe der Kommunist_innen. Die Bewegungsformen des dialektischen Widerspruchs zwischen Reform und Revolution in sich aufgenommen zu haben und den Klassenkampf an die jeweils neuen Bedingungen der Zeit anzupassen, bedeutet Marxismus-Leninismus. Wie genau ein Engagement der Kommunist_innen in den Gewerkschaften aussehen sollte, darum wird es an späterer Stelle gehen.

 

Die soziale Basis der sozialistischen Bewegung

Man kann aus vielen Gründen gegen den Kapitalismus sein. Trotzdem bieten manche Klassen naturgemäß einen fruchtbareren Boden für die revolutionäre Theorie als andere. Kapitalist_innen, denen der Kapitalismus ein luxuriöses Leben und die Privilegien der Macht bietet, werden ihm in der Regel mehr abgewinnen können als Menschen, die aufgrund des Kapitalismus täglich ums nackte Überleben kämpfen müssen. Die Arbeiter_innen in der Industrie spüren ständig den Gegensatz ihrer Interessen zum Kapital. Sie bemerken am Arbeitsplatz, wie sehr das Privateigentum die ökonomische Effizienz untergräbt, wenn arbeitssparende Maschinen nicht eingeführt werden, weil die Löhne so niedrig sind, dass es sich für das Kapital lohnt, die Arbeiten immer noch per Hand ausführen zu lassen. Oder wenn in den immer häufigeren Krisen 30 oder 40% der Produktionskapazität brachliegen und selbst unter Gesichtspunkten der rationalen Nutzung von Ressourcen das Privateigentum durch die allgemeine Assoziation der Produzenten, also den Sozialismus, ersetzt werden müsste. Das Industrieproletariat arbeitet Seite an Seite, was Solidarität schafft[115]. Es ist am Arbeitsplatz in Gewerkschaften und Betriebsräten organisiert und daher kollektiv erreichbar für kommunistisches Gedankengut. Außerdem ist die Industrie die Basis jeder Industriegesellschaft und bleibt das, allem Gerede von „Postindustrialismus“ oder „Dienstleistungsgesellschaft“ zum Trotz[116]. Auch Dienstleistungen und (vor allem) Landwirtschaft sind heute industrialisiert, d.h. mechanisiert, automatisiert und chemisiert (im Falle der Landwirtschaft). Ohne die Industrie würde der ganze Rest der Ökonomie kollabieren. Deshalb ist das Industrieproletariat in der Lage, durch Streiks an strategischen Stellen nahezu das gesamte System lahmzulegen und hat so die Fähigkeit, es unter günstigen Bedingungen endgültig zu Fall zu bringen. Mindestens in den Industrieländern kann also das Proletariat der Industrie nach wie vor als die Klasse gelten, die das Potential hat, zur primären revolutionären Kraft zu werden. Doch das Industrieproletariat ist heute in der Regel eine Minderheit, wenn auch eine große. Aber auch, wer Lohnarbeit im Dienstleistungssektor leistet, gehört zum Proletariat und hat ein Interesse am Ende des Kapitalismus. Auch im Dienstleistungsbereich organisieren die Beschäftigten sich in Gewerkschaften und kämpfen um ihren Lebensstandard und die Arbeitsbedingungen. Auch dieser Teil des Proletariats hat also das Potential, sich zu politisieren, zu radikalisieren und den Kapitalismus zu überwinden. Angestellte in manchen Zweigen des Staatsdienstes (z.B. Polizei und Armee) haben in vielen Fällen die bürgerliche Ideologie, also die Ideologie von der Alternativlosigkeit des Kapitalismus, in sich aufgenommen und verteidigen das System aus Überzeugung. Doch auch sie können verstehen, dass ihr Platz an der Seite der Arbeiterklasse ist und nicht an der des Staates. Der marxistische Schriftsteller Dietmar Dath drückte das so aus: „Der Soldat, der die Ölarbeiter im besetzten Land vor den dort lebenden Menschen beschützt, muß auf Betreiben dieser Organisationen (unserer Organisationen, Anm. d. Autors) mit den Ölarbeitern ins Gespräch kommen können, damit beide merken, daß sie vom existierenden Arrangement wenig mehr haben als die Partisanen und Selbstmordattentäter, die ihr Leben bedrohen“[117]. Revolutionäre Situationen entstanden in Russland 1917 und in Deutschland 1918 erst dadurch, dass die Soldaten selbst die Nase voll hatten vom Kapitalismus und seinen Kriegen. Trotzdem sollte man sich keine Illusionen darüber machen, dass die repressiven Staatsapparate (Polizei, Armee, Geheimdienste) existieren, um das bestehende System zu schützen und dass sie das auch unter Gewaltanwendung tun. Insbesondere die Geheimdienste sind fast unmöglich zu unterwandern und daher immer Bastionen des herrschenden Regimes. Natürlich gibt es aber auch andere Staatsangestellte wie Ärztinnen und Krankenpfleger, Lehrer und Lehrerinnen, Straßenreinigungspersonal und das Personal der nicht direkt repressiven Behörden. Diese Menschen sind zum Teil in derselben Lage wie das Proletariat und können daher potentiell auf seine Seite gebracht werden. Zahlreiche Selbstständige kämpfen täglich ums Überleben ihres kleinen Unternehmens, weil sie der Konkurrenz der Monopole nicht gewachsen sind. Sie mögen momentan noch den Standpunkt des Privateigentums vertreten, indem sie alles daran setzen, für ihr Eigentum den Schutz der Politik zu erwerben. Sie sind aber ständig vom Abrutschen ins Proletariat bedroht und können daher zum Teil auch zur Bewegung des Proletariats, zur kommunistischen Bewegung, gehören. In den Ländern der kapitalistischen Peripherie, den unterentwickelten Ländern, ist das Proletariat oft klein und zudem noch verhältnismäßig gut bezahlt. In solchen Ländern haben oft die Kleinbauern, Kleinbäuerinnen und Landlosen weniger zu verlieren, als die städtischen Arbeiter_innen. Daher stützten sich revolutionäre Bewegungen in Asien, Afrika und Lateinamerika meistens viel stärker auf das Land als auf die Städte und hatten damit auch Erfolg.

Im Kapitalismus ist die Menschheit in Klassen gespalten. Innerhalb der Klassen gibt es jedoch bedeutende Unterschiede. So sind Frauen und Mädchen seit Beginn des Kapitalismus und bis heute prozentual deutlich stärker benachteiligt als Männer. Beispielsweise sind und 60% der weltweit Hungernden weiblich[118]. Arbeiterinnen arbeiten oft in den ermüdendsten, ungesündesten und schlechtbezahltesten Stellen mit der geringsten Arbeitssicherheit. Oder sie verrichten überhaupt keine Lohnarbeit, weil sie zu Hause Reproduktionsarbeit (d.h. Arbeit zur Reproduktion der Arbeitskraft ihres Mannes) leisten müssen. Von vielen Männern wird die Hausarbeit nicht als „richtige Arbeit“ anerkannt, auch wenn sie oft sehr anstrengend ist. Somit leiden Arbeiterinnen mindestens unter einer doppelten Unterdrückung: Nicht nur unter der Ausbeutung durch das Kapital, sondern auch unter der Unterdrückung durch das Patriarchat.

Immigrant_innen bilden in vielen Industrieländern (z.B. Deutschland, Frankreich, USA usw.) einen wichtigen Teil der Arbeiterklasse. Oft ist ihr Aufenthaltsstatus illegal, weshalb sie gezwungen sind, im informellen Sektor zu miserablen Bedingungen zu arbeiten. Insgesamt ist die Lage der Arbeiter_innen mit ausländischer Herkunft im Durchschnitt schlechter als die ihrer einheimischen Kollegen. Zudem leiden Migrant_innen bei unzähligen Gelegenheiten im Alltag unter rassistischer Diskriminierung oder werden Opfer fremdenfeindlicher Gewalt.

Angesichts dieser Differenzierungen innerhalb der Arbeiterklasse ist es von zentraler Bedeutung, die Klasseneinheit zu schaffen und den besonderen Bedürfnissen der am stärksten unterdrückten Teile der Klasse, wie den Frauen und den Migranten, gerecht zu werden. Gleichzeitig muss klar bleiben, dass Geschlecht, Herkunft und Hautfarbe nicht klassenspezifisch sind: Alle Hautfarben und Geschlechter sind in allen Klassen vorzufinden.

Von entscheidender Bedeutung für den Erfolg des Sozialismus sind auch die antiimperialistischen Bewegungen. Ging es dem Antiimperialismus in früheren Zeiten auch noch um das Abschütteln des kolonialen Jochs durch die Menschen des Südens, richtet er sich heute, nach dem Ende des formalen Kolonialismus, gegen die Abhängigkeit der unterentwickelten von den entwickelten Ländern, gegen die monopolistischen Konzerne sowie ihre Staaten in Westeuropa, Nordamerika und Ostasien und gegen ihre Versuche, durch Erpressung, Bestechung, Geheimdienste, Terror, Kanonenbootdiplomatie und letztlich durch Krieg ihre Interessen dem Rest der Welt aufzuzwingen. Nationale Unabhängigkeit ist in jedem Land die Voraussetzung einer Entwicklung im Sinne der Mehrheit der Menschen. Ein Land, über dessen Schicksal die transnationalen Konzerne bestimmen, kann keinen sozialistischen Entwicklungsweg wählen, ohne zuerst die ausländische Dominanz abzuwerfen. Umgekehrt ist eine wirklich eigenständige Entwicklung im Sinne der Bevölkerungsmehrheit nur im Sozialismus möglich, weshalb es falsch ist, das Ziel der Unabhängigkeit vom Ziel des Sozialismus loszulösen. Nur die sozialistischen Befreiungsbewegungen können grundsätzliche und nachhaltige emanzipatorische Veränderungen durchsetzen, während nicht-sozialistische Unabhängigkeitsbewegungen bestenfalls dadurch der Sache des Sozialismus nützen können, indem sie die imperialistischen Staaten bekämpfen. In Deutschland, das kein abhängiges, sondern ein industrialisiertes, imperialistisches Land ist, stellt sich die Frage der nationalen Befreiung dagegen nicht. Die  revolutionären Kräfte in Deutschland können und müssen aber durch ihren Kampf im eigenen Land und ihre Solidarität die antiimperialistischen und revolutionären Kämpfe der Menschen in anderen Weltregionen unterstützen. Durch eine Kette von revolutionären Siegen in verschiedenen Ländern kann so dem Imperialismus und dem Kapitalismus das Wasser abgegraben werden: In dem Maße, wie revolutionäre Entwicklungen weltweit fortschreiten, verliert der Kapitalismus Absatzmärkte, Kapital, Ressourcen und billige Arbeitskräfte, was seine Krisenhaftigkeit verstärkt und den Sieg der Arbeiterklasse auch in den letzten Bastionen der alten Gesellschaft beschleunigt. Schließlich kann so das Fernziel der internationalen revolutionären Arbeiterbewegung erreicht werden: Die sozialistische Weltrevolution und der schrittweise Übergang zur globalen kommunistischen Gesellschaft.

 

Die kommunistische Partei

Wie stellt sich nun die Situation in Deutschland dar? Immer größere Teile der Gesellschaft stellen das bestehende System in Frage und sind auf der Suche nach Alternativen. Etwa die Hälfte der deutschen Bevölkerung hält den Sozialismus für eine gute Idee[119]. Hier können Kommunist_innen ansetzen: Unzufriedenheit muss in Kämpfe übersetzt werden, moralische Kapitalismuskritik in wissenschaftlich fundierte und diffuses Dagegensein in eine effiziente Organisationsform. Dass der Kapitalismus beständig Unzufriedenheit hervorbringt, bedeutet nicht, dass diese Unzufriedenheit sich automatisch auch gegen den Kapitalismus richtet. Dazu bedarf es der korrekten Analyse. Auch Neonazis und andere Faschisten machen sich die Unzufriedenheit mit dem Bestehenden zunutze, richten ihre Feindschaft aber nicht gegen das Privateigentum, den Markt und das Kapital, sondern gegen Ausländer_innen, Jüdinnen und Juden sowie aus ihrer Sicht „Andersartige“. Ihr „nationaler Sozialismus“ ist in Wirklichkeit ein nationalistisch legitimierter Kapitalismus, der den bürgerlich-demokratischen Kapitalismus an Menschenfeindlichkeit noch weit übertrifft[120].

Heute wünschen sich viele Millionen Menschen in Deutschland eine andere Gesellschaft. Die Kommunist_innen greifen dieses Potential aber nicht auf, weil sie aus ihrer strukturellen Schwäche nicht herauskommen. Wenn aber die Kommunist_innen nicht die Unzufriedenen und sozial Ausgegrenzten informieren und für sich gewinnen, werden rassistische und reaktionäre Gruppen, neofaschistische Parteien, religiöse Sekten und andere Rattenfänger es tun und so für die Bourgeoisie die Kastanien aus dem Feuer holen. Allein deshalb ist kommunistische Politik notwendiger denn je. Kommunist_innen müssen den Rückstand, in dem sie sich seit 1989/90 fast überall befinden, aufholen und wieder zur tatsächlichen Avantgarde werden. Lenin schreibt: „Es genügt nicht, sich „Avantgarde“, Vortrupp zu nennen – man muß auch so handeln, daß alle übrigen Trupps erkennen und gezwungen sind anzuerkennen, daß wir an der Spitze marschieren“[121]. Was meint Lenin nun genau damit, wenn er die Kommunist_innen die Vorhut oder Avantgarde des Proletariats nennt?

Während der größte Teil der werktätigen Massen sich falsche Erklärungen über die Ursachen der eigenen Probleme macht, haben Kommunist_innen aus der Analyse der herrschenden Verhältnisse Kenntnis über die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus gewonnen und kennen daher auch die Folgen, die er für die Menschen hat, die unter dem Diktat des Kapitals leben. Ein_e Kommunist_in ist jemand, der/die außerdem zu dem Schluss gekommen ist, dass Hoffnung auf das Ende des Kapitalismus nicht ausreicht, sondern dass die Revolutionäre und Revolutionärinnen auf den Sturz des Kapitalismus und für den Sozialismus gezielt hinarbeiten und sich dafür mit Gleichgesinnten zusammenschließen müssen. Von Lenin stammt die für den Marxismus-Leninismus zentrale Erkenntnis, dass die Arbeiterklasse trotz ihres Interessengegensatzes zum Kapital von selbst kein revolutionäres Bewusstsein entwickelt, sondern lediglich im besten Fall ein „trade-unionistisches Bewusstsein“[122], also gewerkschaftliches Bewusstsein, annehmen kann. Natürlich ist es möglich, dass ein_e einzelne_r Arbeiter_in sich von sich aus mit revolutionärer Theorie beschäftigt und die richtigen politischen Schlussfolgerungen daraus zieht, jedoch wird sich die Masse der Arbeiter_innen nicht von sich aus so entwickeln. Das ist so, weil der Klassenkampf zwischen Arbeiter_innen und Kapitalist_innen, der um die konkreten Arbeitsbedingungen innerhalb des Kapitalismus (wie Arbeitslöhne, Arbeitszeiten, Sicherheitsmaßnahmen usw.) entspringt, zwar die Arbeiter_innen darin schult, ihre Interessen zu vertreten, aber ihnen nicht in Argumenten auseinandersetzt, warum der Kapitalismus die Wurzel ihrer Probleme ist – dies kann nur ein Mensch leisten, der sich diese systematische Kenntnis angeeignet hat. Die Arbeiterklasse macht sich notwendigerweise Illusionen über ihre eigene Lage: Weil sie von Massenmedien und anderen ideologischen Apparaten dazu verleitet wird und weil sie aufgrund der immanenten Struktur der kapitalistischen Gesellschaft (dem Fetischcharakter der Ware) an der Einsicht in die Bedingungen ihres Lebens gehindert wird. Wenn die Arbeiterklasse das revolutionäre Bewusstsein aber nicht von selbst entwickelt, muss man es in sie hineintragen. Dieses Hineintragen ist die Aufgabe der Kommunist_innen, die mit dem Proletariat gemeinsam kämpfen, aber aufgrund ihrer wissenschaftlichen Analyse des Kapitalismus den Kampf anführen und mit weitergehenden, über den systemimmanenten Verteilungskampf hinausgehenden Zielen politisieren. Wenn die Kommunist_innen also die Rolle der Avantgarde übernehmen, heißt das nicht, wie Lenin oft unterstellt wurde, dass sie sich anmaßen, über den Rest der Gesellschaft zu entscheiden und dass die Kommunist_innen der Arbeiterklasse rücksichtslos ihren Willen aufzwingen würden. Die Rolle der Avantgarde kommt der kommunistischen Organisation nicht von selbst zu, sondern kann nur im Kampf verdient werden. Es geht darum, dem Klassenkampf eine organisierte Form zu verleihen und ihn mithilfe der Erkenntnisse des Marxismus-Leninismus auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen. Letztlich bleibt es die individuelle Entscheidung jedes Arbeiters und jeder Arbeiterin, ob er/sie sich vom Kommunismus überzeugen lässt und ihn unterstützen will. Aber die Arbeiter_innen mit dieser Entscheidung überhaupt zu konfrontieren, ihnen die Möglichkeit zur Erkenntnis der Ursachen ihrer eigenen Lage überhaupt zu gewähren, dafür bedarf es einer revolutionären Kampforganisation. Und diese Organisation nennt Lenin die Partei neuen Typs, oder auch die kommunistische Partei. Da sich heute einige Parteien aus Tradition kommunistisch nennen, die in Wirklichkeit reformistische Ziele verfolgen, gilt es, die Merkmale einer kommunistischen Partei nach Lenin hervorzuheben und somit zu verdeutlichen, worin sich der neuartige Typus dieser Parteien äußert. Also: Welche Art von Organisation brauchen wir, um erfolgreich die Massen für den Sozialismus zu gewinnen?

Dath formuliert Frage und Antwort so: „Das Manifest der Kommunistischen Partei trägt als letztes Wort im Titel, wo man ansetzen konnte. Erst der Bolschewismus aber ging mit diesem urbürgerlichen Mittel der Erzeugung von sozialem Druck, Verbreitung von Propaganda und Hebel im Kampf um die Staatsmacht operativ so um wie Picasso mit der Geometrie und Schönberg mit den zwölf Tönen. Lenins ‚Was tun?‘ setzt an einer Evidenzwahrheit an, die heute so gut wie alle öffentlich agierenden Linken vergessen zu haben scheinen: Wenn mein Ziel ist, die Besitzlosen zu befreien und die Geschichte planbar zu machen, dann muß ich mir darüber klar sein, daß diese Besitzlosen nicht irgendwann nach Feierabend das bestehende System sprengen können. Unterdrückte, Ausgebeutete als solche sind zunächst mal arme Hunde in stabiler Umlaufbahn um die Machtzentren. Sie müssen ihren verhexten Zustand selbst aufheben, wenn diese Aufhebung demokratisch sein soll, aber sie tun es nicht von allein und automatisch sonst wären sie nie Besitzlose geworden. Also, ‚Was tun?‘“[123]

Die faschistische Diktatur hat jede Opposition gegen das politische und wirtschaftliche System unterdrückt. Der bürgerlich-demokratische Staat erlaubt dagegen politische Opposition (d.h. Opposition, die nicht den Kapitalismus in Frage stellt, aber die momentane Regierung) und in einem engen Rahmen sogar Systemopposition. Der Grund dafür ist nicht, dass die herrschende Klasse in der BRD, den USA oder Japan „moralischer“ denkt als die in anderen Ländern – denn immerhin wurden die meisten der repressivsten Diktaturen des 20. Jahrhunderts, wie die von Suharto, Videla, Pinochet, Marcos, Mobutu, Franco oder „Baby Doc“ Duvalier, von westlichen Politikern, Kapitalisten und Geheimdiensten an die Macht gebracht oder dort gehalten. Der Grund für die Verbreitung von repräsentativen Demokratien ist, dass die Vorteile eines solchen Regimes für die Bourgeoisie in den meisten Situationen die Nachteile überwiegen: In den Diktaturen ist die Opposition verboten, sie richtet sich darum immer direkt gegen das gesamte politische System. Die Geschichte zeigt, dass der Kampf gegen die Diktatur sich leicht radikalisieren und zum Kampf gegen den Kapitalismus werden kann[124]. Deswegen wird die Demokratie nur in Krisenzeiten außer Kraft gesetzt, wenn die Bevölkerung droht, sich mehrheitlich für ein anderes System zu entscheiden. Gleichzeitig darf aber auch nicht vergessen werden, dass die jetzigen politischen Systeme der entwickelten kapitalistischen Länder das Produkt teils jahrhundertelanger Klassenauseinandersetzungen sind und dass die Arbeiterklasse die relativen Freiräume, die der bürgerlich-demokratische Staat bietet, erst erkämpfen musste. Um Erfolg zu haben, müssen in der bürgerlichen Demokratie alle legalen Mittel genutzt werden, die zur Verfügung stehen: Das schließt gewerkschaftliches Engagement ein, Einmischung in und Anheizen von anderen sozialen Konflikten (z.B. in den Bereichen Bildungsprotest, Antifaschismus, Antikriegsbewegung usw.), aber, wo möglich und sinnvoll, auch die Teilnahme an Wahlen. Nicht nur gewährt der Parteienstatus gewisse rechtliche Vorteile, u.a. auch eine teilweise staatliche Finanzierung. Das Parlament und der Wahlkampf bieten ausgezeichnete Möglichkeiten, marxistische Positionen in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Menschen zur Wahl der Partei des Sozialismus zu bringen, bedeutet, sie von den bürgerlichen Parteien loszureißen, die sie im Parlament „ver- und zertreten“ (Marx). Dabei dürfen die bürgerlichen Wahlen aber nie zum Selbstzweck werden: Das primäre Ziel ist nicht, möglichst viele Abgeordnete ins Parlament zu schicken, um die Gesetzgebung zu beeinflussen. Parlamentssitze können zwar sehr nützlich sein und die kommunistische Partei sollte um sie kämpfen, aber letztlich muss es darum gehen, die Thesen und Ziele des Kommunismus besser propagieren und zum politischen Erwachen der ausgebeuteten Klassen, vor allem der Arbeiterklasse, beitragen zu können. Weil die kommunistische Partei unbedingt alle legalen Kampfmittel, die zu ihrer Verfügung stehen, ausnutzen muss und der Einzug ins Parlament den Kampf um den Sozialismus sehr erleichtern kann, sind auch alle anarchistischen oder sonstwie „linksradikalen“ Gruppen zu kritisieren, die die Teilnahme an Wahlen als „bürgerlich“ ablehnen. Da es aber nicht darum geht, den Sozialismus auf parlamentarischem Weg durch ein paar Gesetzesänderungen einzuführen, darf der parlamentarische Kampf nie auf Kosten der außerparlamentarischen Kämpfe (z.B. Lohnkämpfe) geführt werden. Diejenigen Parteien, die heute nur noch dem Namen nach sozialistisch und kommunistisch sind, wurden nicht deshalb reformistisch, weil sie sich an Wahlen beteiligten. Sie wurden reformistisch, weil sich in ihnen falsche theoretische Auffassungen über viele Dinge breitmachten, unter anderem auch über die Rolle von Wahlen für die kommunistische Bewegung. Eine Art „Automatismus“, dass die Teilnahme an Parlamentswahlen zur Aufgabe des revolutionären Ziels führt, dass „Macht korrumpiert“ oder Ähnliches, gibt es jedenfalls nicht. Wenn es auch nicht immer falsch sein muss, bei Wahlen Bündnisse mit anderen Parteien und Listen einzugehen, so muss doch jedes Mal streng geprüft werden, ob sich ein solches Bündnis rechtfertigen lässt. Forderungen wie die nach der „Einheit aller Linken“, um einen Sieg der „Rechten“ zu verhindern, weisen in die falsche Richtung. Der entscheidende Kampf spielt sich nicht zwischen „links“ und „rechts“ ab, sondern zwischen Parteien, die den Kapitalismus abschaffen wollen und solchen, die ihn erhalten wollen[125]. Oft genug schon standen vermeintlich „linke“ und „fortschrittliche“ Bewegungen im entscheidenden Augenblick revolutionären Veränderungen im Weg oder verrichteten sogar das blutige Werk der Konterrevolution: z.B. die deutsche SPD 1919 oder die Kuomintang in China 1927. Einer kommunistischen Partei kann es nicht darum gehen, an der Verwaltung des Kapitalismus mitzuwirken und ihn zu verbessern. Sie steht grundsätzlich in der Opposition, geht Bündnisse mit den bürgerlichen Parteien nur in Ausnahmefällen ein (z.B. vor einer drohenden Machtübernahme des Faschismus) und arbeitet daran, die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse so weit zu Gunsten der Arbeiterklasse zu verändern, dass es zum endgültigen Bruch kommen kann. Dazu muss die Partei die aktive und passive Unterstützung eines Großteils der Bevölkerung haben. Gibt es in einem Land aber z.B. mehrere revolutionäre sozialistische Parteien, dann kann ein Bündnis dieser Parteien natürlich auch den Kampf um den Sozialismus erleichtern.

Richtig funktionieren und organischer Teil der Massen werden kann die Partei nur, wenn ihre Führung von unten kontrolliert, d.h. gewählt und abgewählt wird und wenn repräsentative Führung und Basis in einem ständigen Dialog miteinander stehen. Umgekehrt müssen wichtige Entscheidungen schnell und für alle verbindlich getroffen werden können. Um Fehler erkennen zu können, ist das Prinzip der Selbstkritik ebenso wichtig wie das der Kritik anderer. Daher sind Demokratie und Zentralismus – vereint im demokratischen Zentralismus als dem Organisationsprinzip der kommunistischen Parteien – sowie Kritik und Selbstkritik die wichtigsten Grundlagen des Funktionierens einer kommunistischen Partei. „Einheit der Aktion, Freiheit der Diskussion und Kritik“ lautet Lenins Definition des demokratischen Zentralismus. Er fuhr fort: „Die Kraft der Arbeiterklasse ist die Organisation. Ohne Organisation der Massen ist das Proletariat nichts. Organisiert ist es alles. Organisiertheit ist Einheit der Aktion, ist Einheit des praktischen Handelns“[126]. Einerseits muss innerhalb der Partei die vollständigste Demokratie und freie Diskussion gewährleistet sein, damit Differenzen auf dem Weg des Arguments ausgeräumt werden können und damit die Führungsebenen den Willen der Mehrheit repräsentieren können. Andrerseits bedeutet Einheit der Aktion aber auch, dass strategische und taktische Entscheidungen verbindlich für alle sind und von allen in die Tat umgesetzt werden müssen. Können Differenzen nicht rechtzeitig durch die Diskussion beseitigt werden, muss die Minderheit sich der Mehrheit unterordnen – nicht, weil die Mehrheit immer Recht hätte, denn natürlich kann auch die Mehrheit sich irren. Das Prinzip der Mehrheitsentscheidung ist keine Methode zur Wahrheitsfindung (dafür gibt es die Wissenschaften, die natürlich ebenfalls Theorie und Praxis der kommunistischen Partei bestimmen müssen), sondern lediglich die beste Methode, das Funktionieren der Partei zu gewährleisten und zu regeln.

Welche Rolle spielt die Jugend in der revolutionären Bewegung? Junge Menschen würden am längsten davon profitieren, wenn der Kapitalismus abgeschafft würde und zugleich am meisten darunter leiden, wenn er weiterhin besteht. Manche Folgen des Weltkapitalismus, in erster Linie die ökologischen, werden ihre katastrophale Wirkung erst in einigen Jahrzehnten voll entfalten. Natürlich ist aber die Jugend ebensowenig eine Klasse wie etwa die Studierenden eine Klasse sind. Überproportional viele Studierende sind Kinder reicher Eltern, profitieren in mancher Hinsicht vom Kapitalismus und haben Aussicht auf hochbezahlte Berufe. Viele Studierende denken elitär, fühlen sich als Teil des „Establishments“ oder vertreten in Protesten allenfalls ihre beschränkten Interessen, ohne sich für den Rest der Gesellschaft zu interessieren. Die meisten Studierenden haben nach dem Studium aber keine hohe Bezahlung in Aussicht. Im Gegenteil sind die Beschäftigungsverhältnisse vieler Akademiker_innen geradezu prekär: Befristete Arbeitsverträge, Monatseinkommen deutlich unter 2000€ bei anstrengender Arbeit sind eher die Regel als die Ausnahme. Die Mehrheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen gehört zu den ausgebeuteten, beherrschten Klassen. Gleichzeitig haben sie aber auch besondere Bedürfnisse, die zu denen der älteren Mitglieder dieser Klassen hinzukommen: Der Kampf gegen den Mangel an Ausbildungsplätzen, gegen Kommerzialisierung und Verschlechterung des Bildungssystems, mehr Raum für Freizeitbeschäftigungen usw. Junge Menschen sind den ideologischen Apparaten des kapitalistischen Systems (wie Schule, Hochschule, Medien usw.) noch nicht so lange unterworfen wie ihre Eltern und sind deshalb tendenziell eher bereit, die herrschenden Verhältnisse zu hinterfragen. Es gibt also viele Gründe, weshalb die revolutionäre Bewegung der Jugend besondere Aufmerksamkeit schenken muss. Es sind diese Gründe, aus denen Lenin und Karl Liebknecht die Existenz einer eigenen, von der kommunistischen Partei organisatorisch unabhängigen, aber politisch ihr verbundenen kommunistischen Jugendorganisation forderten. Indem die Jugendorganisation junge Menschen zusammenschließt und durch intensive theoretische und praktische Bildung zu Revolutionären und zukünftigen Parteimitgliedern macht, ist sie gleichzeitig Schule und Reserve der Partei.

Eine besondere Rolle kommt den Gewerkschaften im revolutionären Kampf zu: Die Gewerkschaften sind die Organisationen der Arbeiterklasse, deren Funktion es ist, innerhalb des Kapitalismus die Interessen der Werktätigen zu vertreten und zu erkämpfen. Für diesen Kampf stehen ihr bestimmte legale Instrumente zur Verfügung, deren wichtigste der Streik und der Tarifvertrag sind. Gewerkschaften schaffen die kapitalistische Lohnarbeit und all ihre Folgen nicht ab, können die Bedingungen der Arbeit für die Arbeiterklasse aber verbessern. Daher kann die Gewerkschaft immer nur innerhalb eines engen Rahmens die Interessen der Arbeiterklasse vertreten, nämlich nur, wenn und insofern sie der Erhaltung des kapitalistischen Systems nicht zuwiderlaufen. In vielen Ländern haben die Gewerkschaftsführungen sich allerdings selbst von diesem begrenzten Ziel entfernt und vertreten die Interessen des Kapitals gegen die der Arbeit statt umgekehrt. Solche „gelben Gewerkschaften“, zu denen auch die großen Gewerkschaften in Deutschland zu rechnen sind, propagieren die „Sozialpartnerschaft“ von Kapital und Arbeit statt dem Klassenkampf und erdulden jahrzehntelange Stagnation oder sogar Rückgang der Reallöhne als angeblich unvermeidliche Folgen der „Globalisierung“. Es versteht sich, dass die Führungen dieser Gewerkschaften, die Lenin als besser bezahlten Teil der Arbeiterklasse sah und als „Arbeiteraristokratie“ bezeichnete, Gegner_innen der revolutionären Bewegung sind und von dieser bekämpft werden müssen. Dies kann aber am besten dann geschehen, wenn diesen Führer_innen die Gefolgschaft abgeworben wird: Für eine Klassenorientierung der Gewerkschaften kämpfen heißt, sich innerhalb dieser Gewerkschaften für eine konsequente Ausnutzung aller der Arbeiterklasse zur Verfügung stehenden Kampfmittel einzusetzen. Dies kann aber nur dann zum Erfolg führen, wenn die kommunistische Partei planmäßig die Politisierung und Radikalisierung der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter_innen in Angriff nimmt. Eigene, kommunistische Gewerkschaften zu gründen würde diesen Zweck nicht erfüllen, weil es ja gerade darum geht, unpolitische Arbeiter_innen durch den Kampf um ihre Interessen auf die Widersprüche des Kapitalismus aufmerksam zu machen und nicht darum, bereits kommunistisch gesinnte Arbeiter_innen zusammenzuschließen – dafür ist die kommunistische Partei da. Die Gewerkschaften sollen zur Massenorganisation der Arbeiterklasse werden, während die Partei die Avantgarde der Klasse werden will und daher nicht unbedingt zahlenmäßig groß zu sein braucht – zumindest sollte zahlenmäßige Größe der Partei bei der Auswahl ihrer Mitglieder nie den Vorrang vor Verlässlichkeit, Kampfbereitschaft und dem Stand des revolutionären Bewusstseins haben. Wenn „von links“ die Forderung kommt, in den Gewerkschaften aufgrund ihrer reaktionären Politik nicht mehr zu arbeiten, so ist dem entgegenzuhalten, dass die Gewerkschaften – ob reaktionär oder nicht – die wichtigsten Organisationen der Arbeiterklasse sind und von diesen so wahrgenommen werden. Die Gewerkschaften ihren reformistischen oder „neoliberalen“ Führungen zu überlassen, bedeutet, eine der wichtigsten Waffen im Kampf um die Köpfe der Werktätigen aus der Hand zu geben.

All diese Grundprinzipien, nach denen die kommunistische Partei aufgebaut ist und nach denen sie um den Sozialismus kämpft, bilden ihre Strategie. Die Strategie der Partei ist ihr grundlegender Kompass, ihr langfristiger Plan für den Sturz des Kapitalismus. Strategie ist nicht zu verwechseln mit Taktik: Verschiedene Taktiken können Teil derselben Strategie sein und die kommunistische Partei kann ihre Taktik ändern, ohne die Strategie zu ändern. Wenn die strategische Orientierung der Partei richtig ist, muss sie bis zum Sieg der Revolution nicht mehr geändert werden. Bis dahin können sich die Kampfbedingungen aber oft und sehr grundlegend ändern, weshalb die Taktik immer wieder der Realität angepasst werden muss: So kann sich z.B. die Praxis in Bezug auf Wahlen ändern, wenn sich die Staatsform ändert oder der Schwerpunkt der Agitation kann sich z.B. von den Kleinbauern und Kleinbäuerinnen stärker auf die Industriearbeiter_innen verschieben, wenn die Industrialisierung eines Landes fortschreitet. Das Ziel, die sozialistische Revolution durch die Organisierung und die Machtübernahme der ausgebeuteten Klassen zum Sieg zu führen, bleibt aber durch all diese unterschiedlichen Entwicklungsphasen des Kampfes hindurch dasselbe.

Der Marxismus-Leninismus ist eine Weiterentwicklung des Marxismus: Er ist, genauer gesagt, der Marxismus in der Epoche des Monopolkapitalismus. Er ist außerdem der wissenschaftliche Sozialismus, der seine Analyse und Kritik der kapitalistischen Verhältnisse gegenüber dem „klassischen“ Marxismus von Marx und Engels um die Strategie des Auswegs daraus erweitert hat: Den Aufbau der kommunistischen Partei, der kommunistischen Jugendorganisation und anderer Massenorganisationen der unterdrückten Klassen, das Engagement dieser Organisationen in den stattfindenden Klassenkämpfen und das Anheizen von Klassenkämpfen, wo sie noch nicht stattfinden. Solche Organisationen müssen die Kommunisten aufbauen, wo sie noch nicht bestehen und stärken, wo sie zwar bestehen, aber zu klein und schwach sind. Dies ist das Erbe von Lenin, der wie kein_e anderer Marxist_in vor ihm die revolutionäre Theorie mit einer revolutionären Praxis zu verbinden wusste.

Angelehnt an das berühmte Diktum von Marx endet dieses Büchlein „mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“[127]. Nach wie vor steht die Menschheit vor der Alternative Sozialismus oder Barbarei. Wir können nicht mehr tun, als dafür kämpfen, dass sie rechtzeitig den richtigen Weg einschlägt!

 

 

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Wenzel, Siegfried: Was war die DDR wert? Und wo ist dieser Wert geblieben, Berlin, 2009.

 

 

Fußnoten:


[1] Hans Heinz Holz: Philosophisch-politische Perspektiven des Marxismus heute.

[2] Immanuel Kant: Was ist Aufklärung?

[3] Lenin: Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Lenin Werke, Band 19, S.3-9.

[4] Eine empfehlenswerte Einführung in den Marxismus bietet ebenfalls Josef Schleifstein: Einführung in das Studium von Marx, Engels und Lenin. Allerdings setzt Schleifstein an vielen Stellen andere Akzente als die vorliegende Arbeit und geht aufgrund ihres Erscheinungsdatums auf aktuelle Entwicklungen nicht ein.

[5]Michael Heinrich: Kritik der Politischen Ökonomie. Eine Einführung, S. 35.

[6] Von einer Tautologie spricht man, wenn die Erklärung und das zu Erklärende identisch sind, sich gegenseitig notwendigerweise einschließen und daher die Erklärung nichts zum Verständnis der Sache beiträgt. Z.B. ist es eine Tautologie, zu sagen, dass jemand tot ist, weil er gestorben ist.

[7] Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, MEW Bd. 20, S 1-303

[8] Wucherkapital nannte man früher Kapital, das durch Zinsen und deren Anhäufung vermehrt wurde.

[9] Marx: Das Kapital Band I, Nachwort zur zweiten Auflage, MEW 23, S. 27. Anmerkung: Demiurg bedeutet etwa „Schöpfer“ (von griechisch ?????????? für „Handwerker“)

[10] Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, S. 274.

[11]„Ewig“ ist hier im Sinne von „seit dem Urknall“ zu verstehen, denn „vor“ diesem Ereignis gab es zumindest laut Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie weder Raum noch Zeit. Dieser nicht unumstrittenen Frage im Detail nachzugehen, würde hier jedoch offensichtlich viel zu weit führen.

[12] Was nicht heißt, dass nicht trotzdem noch viele Menschen Religionen anhängen können, da sich wissenschaftliche Erkenntnisse immer nur so weit verallgemeinern können, wie es die gesellschaftlichen Verhältnisse zulassen.

[13] Immanuel Wallerstein: Das moderne Weltsystem, Band I, S. 13.

[14] Marx: Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie, MEW 42, S. 176 .

[15] Marx: Vorwort zu: Zur Kritik der Politischen Ökonomie, MEW 13, S. 8f.

[16] Georg Lukács: Geschichte und Klassenbewusstsein, S. 71., Hervorhebung im Original.

[17] Marx: Thesen über Feuerbach, MEW 3, S. 5f.

[18] Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8, S. 115.

[19]Vgl. z.B. Wallerstein: Das moderne Weltsystem, S. 274ff, 382, 387.

[20]Marx/Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, S. 474.

[21] Lukács: Geschichte und Klassenbewusstsein, S. 70.

[22] A.a.O., S. 64f.

[23] Marx: Zur Kritik der Politischen Ökonomie, MEW 13, S. 15.

[24] Vgl. Marx: Das Kapital Band I, MEW 23, S.50.

[25] A.a.O.

[26] Vgl. Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen, S. 96.

[27] Zur Kritik der Grenznutzenlehre vgl. z.B. Hans-Peter Büttner: Die Nutzlosigkeit der neoklassischen Nutzenlehre.

[28]Marx: Zur Kritik der Politischen Ökonomie, MEW 13, S. 23.

[29] Vgl. Eugen von Böhm-Bawerk: Zum Abschluß des Marxschen Systems; Böhm-Bawerks Kritik verwirft die Arbeitswertlehre als Ganze mit der Begründung, sie sei redundant. An der Argumentation Böhm-Bawerks, die auch heute noch die wesentlichen Kritikpunkte der bürgerlichen Preistheorien an der Arbeitswertlehre zusammenfasst, ist von marxistischer Seite ausführliche Kritik geübt worden. Die Einwände gegen die Arbeitswerttheorie können unserer Meinung nach nicht aufrechterhalten werden. Vgl. Rudolf Hilferding: Böhm-Bawerks Marx-Kritik

[30]Später werden wir sehen, dass sie auch numerisch auseinanderfallen, aber das ist auf dieser Stufe der Analyse noch nicht wichtig.

[31] Zur Zusammenfassung vgl. Ingo Stützle: Zur konstitutiven Relevanz der Geldware in Marx‘ Kritik der Politischen Ökonomie; Stützle vertritt allerdings hier seine eigene Position (eine sogenannte „monetäre Werttheorie), die mit der Marxschen Werttheorie nicht deckungsgleich und unseres Erachtens wissenschaftlich nicht haltbar ist. Zur Kritik der „monetären Werttheorie“ Vgl. Z.B.  Guenther Sandleben: Monetäre Werttheorie als Preistheorie.

[32] Marx: Das Kapital Band I, MEW 23, S. 105.

[33]Diese Form der Ökonomie, die Subsistenzwirtschaft, existiert nicht nur in Abenteuergeschichten sondern war den längsten Teil der menschlichen Geschichte die einzige Produktionsweise und ist auch heute noch in vielen Ländern verbreitet.

[34]Marx: Das Kapital, Band I, MEW 23, S. 107.

[35]Michael Heinrich hat dieses entscheidende Argument bei Marx nicht verstanden. Deshalb vertritt er die von Marx vehement bekämpfte Auffassung, die Warenwerte entstünden erst im Austausch gegen Geld und seien nicht schon vorher Eigenschaft der Ware als Ware. Heinrich nennt dies „monetäre Werttheorie“ und hält es für eine sensationelle Entdeckung. In Wirklichkeit handelt es sich um den neuen Anstrich eines alten bürgerlichen Irrtums, auf dessen Widerlegung Marx viel Zeit verwandt hat. In diesem wie in vielen anderen Punkten hat Heinrich den Boden des Marxismus lange verlassen. Vgl. z.B. Michael Heinrich: Kritik der Politischen Ökonomie. Eine Einführung.

[36] Ein unendliches exponentielles Wachstum des Werts ist allerdings nicht möglich. Durch die Einführung neuer Maschinen (s.u.) sinkt nämlich der Wert jener Produkte, die mit den alten, schlechteren Maschinen produziert wurden. Deshalb steht der Wertsteigerung durch die Mehrwertproduktion immer auch eine Wertsenkung durch neue Produktionstechniken gegenüber. Marx erklärt im Dritten Band des Kapital, warum in Wirklichkeit dem exponentiellen Wachstum Schranken gesetzt sind, vgl. Marx: Das Kapital Band III, MEW 25, S. 409ff.

[37]Marx: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband I, S. 514

[38]Ebenda, S. 512.

[39]Ebenda, S. 513.

[40] Marx verwendet diesen Begriff z.B. hier: Marx: Das Kapital, Band I, S. 163.

[41] Dieser Abschnitt ist Gegenstand von Band II des Kapitals.

[42] Marx: Das Kapital, Band II, MEW 24, S. 131f.

[43] Ebenda, S. 168.

[44] Weil die Banken dem industriellen Kapitalisten mehr Kapital zur Verfügung stellen als er ohne sie hätte und dieses Kapital etwa durch technische Neuerungen oder zeitlich versetzte Produktionsabläufe die Zeit, in der der Kapitalist ohne Einkommen ist, verkürzt.

[45] Das ist auch der Grund dafür, weshalb vermeintlich „kapitalismuskritische“ Forderungen nach Abschaffung der Banken (aber Beibehaltung des Marktes und des Privateigentums) nur reaktionär sein können, denn eine Abschaffung nur des zinstragenden Kapitals würde die produktiven Potentiale der Gesellschaft verringern ohne irgendeine ihrer fundamentalen Widersprüche lösen zu können.

[46] Auch hier ist die Bemerkung notwendig, dass an späterer Stelle dieser Begriff des Profits revidiert werden wird, dazu siehe das folgende Kapitel.

[47] Als Produktionszweig soll uns hier ein Teilbereich einer Volkswirtschaft gelten, dessen Kapitalien gleichartige/ähnliche Waren produzieren und in dem daher auch die organischen Zusammensetzungen nicht stark voneinander abweichen.

[48]Auf internationaler Ebene sind die Bedingungen der Kapitalakkumulation in der Regel weitaus ungleicher, weshalb internationale Kapitalströme ein viel geringeres Volumen haben als die nationalen. Zu berücksichtigen sind dabei etwa Steuer- und Subventionspolitik der Nationalstaaten, Schutzzölle, unterschiedliche nationale Lohnniveaus, verschiedene geographische und klimatische Bedingungen, sehr unterschiedlich entwickelte Infrastrukturen usw. Kapitalexport im großen Stil gibt es heute, allem Geschwätz von „Globalisierung“ zum Trotz, in erster Linie innerhalb der kapitalistischen Zentren. Eine internationale Durchschnittsprofitrate bildet sich daher nicht. Vgl. Ansgar Knolle-Grothusen & Peter Hartmann: Umrisse einer ökonomischen Analyse des Kapitalismus heute.

[49] Die Rede ist ausdrücklich von einer Tendenz. Es wird nicht behauptet, dass die Profitraten in den verschiedenen Sektoren immer genau gleich wären. Im Gegenteil bringt die Konkurrenz notwendigerweise ständig ungleiche Profitraten hervor und diese Verschiedenheit gibt dem kapitalistischen System eine gewisse Flexibilität .

[50] Die Marxsche Lösung des Transformationsproblems ist heftig umstritten, was jedoch hier nicht Gegenstand sein kann. Siehe dazu z.B. Ladislaus von Bortkiewicz: Wertrechnung und Preisrechnung im Marxschen System; Paul Sweezy: Theorie der kapitalistischen Entwicklung; Hans-Peter Büttner: Wertbegriff und ökonomische Theorie; Andrew Kliman: Reclaiming Marx‘ „Capital“: A Refutation of the Myth of Inconsistency; Duncan Foley: The Value of Money, the Value of Labor-Power, and the Marxian Transformation Problem. Die Liste der Beiträge ist hier keineswegs vollständig.

[51] Absurderweise zählt im Kapitalismus nicht das Bedürfnis nach einem bestimmten Gegenstand, damit dieser Gegenstand produziert und konsumiert wird. So lange hinter dem Bedürfnis keine Kaufkraft steckt, ist es ökonomisch völlig irrelevant. Über eine Milliarde Menschen, die gegenwärtig hungern, hungern auch nicht deshalb, weil es für sie nicht genug Nahrung gäbe oder man diese nicht leicht herstellen könnte. Sie hungern, weil sie kein Geld besitzen, um die Nahrung zu kaufen.

[52]Vgl. Kapital Bd. III, MEW 25, S. 242-277; Marx zählt folgende entgegenwirkende Ursachen auf: Erhöhung des Ausbeutungsgrads der Arbeit, Kauf der Arbeitskraft unter ihrem Wert, Verbilligung der Bestandteile des konstanten Kapitals, relative Überbevölkerung, Außenhandel, Zunahme des Aktienkapitals. Dem sind sicherlich noch andere Ursachen hinzuzufügen, wie z.B. die Verkürzung der Umschlagszeit des Kapitals und die Verschiebung des Gewichts der Beschäftigung in den industrialisierten Ländern auf den Dienstleistungssektor, der eine niedrigere organische Zusammensetzung aufweist. Marx selbst nennt das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate „das wichtigste Gesetz der modernen Politischen Ökonomie“ (Marx: Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie, MEW 42, S. 641). Am Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate gibt es allerdings auch Kritik. Vgl. z.B. Nobuo Okishio: Technische Veränderungen und Profitrate; Paul M. Sweezy: Theorie der kapitalistischen Entwicklung, S. 119-133.

[53] Es ist sogar zu erwarten, dass der konjunkturdämpfende Effekt des tendenziellen Falls der Profitrate in den kommenden Jahrzehnten merklich zunehmen wird: Eine der bedeutendsten Tendenzen, die dem Fall der Profitrate temporär entgegenwirken kann, ist die Verringerung der Umschlagszeit des Kapitals. Wenn eine bestimmte Masse Kapital einen geringeren Profit abwirft, dann kann das zu einem gewissen Grad dadurch ausgeglichen werden, dass sich das Kapital einfach schneller verwertet, indem z.B. Transportzeiten oder die Dauer für Geldtransaktionen verringert werden. Diese Prozesse gehören dem Zirkulationsprozess des Kapitals an und produzieren daher keinen Wert. Dauerte es früher Monate, eine Schiffsladung Gold von London nach New York zu bringen, ist heute eine Zahlung in Sekundenbruchteilen digital zu vollziehen. Wenn sich die Zeitdauer für derartige Vorgänge aber null annähert, kann sie nicht weiter sinken. Damit entfällt auch die den Fall der Profitrate dämpfende Wirkung. Vgl. Ansgar Knolle-Grothusen & Peter Hartmann: Umrisse einer ökonomischen Analyse des Kapitalismus heute, S. 39.

[54] Expropriateure sind die Kapitalisten, weil ihre Klasse nur durch die Trennung der großen Bevölkerungsmehrheit von den Produktionsmitteln entstehen konnte und existieren kann.

[55]Marx: Das Kapital, Band I, MEW 23, S. 791.

[56]Es ist wichtig zu betonen, dass dies nur für die einzelnen Profite und Mehrwerte der Kapitalisten gilt. Denn geht man davon aus, dass die Arbeitswerttheorie gilt, so müssen gesamtgesellschaftlich die Profite (und Zinsen, Steuern und Grundrente) dem produzierten Mehrwert entsprechen. Der Profit weicht deshalb vom Mehrwert ab, weil der gesellschaftlich produzierte Mehrwert unter verschiedenen Eigentümern ungleich verteilt wird. Es kann aber natürlich auch nicht mehr Mehrwert verteilt werden, als in der Gesellschaft produziert wurde.

[57]Von wenigen exotischen Rentierstaaten abgesehen, die kaum oder keine Steuern erheben.

[58] Nach welchen Gesetzen die Grundrente entsteht, ist Gegenstand der Untersuchung bei Marx, vgl. MEW 25, S. 627-821.

[59] Auch wenn die Zinsen ebenfalls Teil des Mehrwerts sind, wurde dem Kreditwesen aufgrund seiner weitergehenden Relevanz hier ein eigener Abschnitt eingeräumt.

[60]Auch die Miteigentümerschaft am Unternehmen stellt keinen grundsätzlichen Unterschied des Aktienkaufs zum Bankkredit dar, da das Zahlungsversprechen an die Bank, das der Bank regelmäßige Zinsen beschert, genauso auf dem Markt gehandelt wird wie die Aktie, die ihrem Eigentümer eine Dividende sichert. Der Marktpreis richtet sich dabei jeweils nach der erwarteten Höhe der regelmäßigen Einkünfte.

[61] Somit entpuppen sich auch die diversen Konzepte, die den Zins für das Problem schlechthin halten und einen Kapitalismus ohne Kreditwesen wollen, als unrealisierbares, utopistisches Quacksalbertum, das nur dazu dient, ein richtiges Verständnis des Kapitalismus zu behindern.

[62] Die bürgerliche Wirtschaftstheorie unterscheidet in der Regel zwischen Monopolen (ein Produktionszweig wird von einem Unternehmen beherrscht) und Oligopolen (ein Zweig wird von wenigen Unternehmen beherrscht). Die Schwäche dieser Unterscheidung liegt darin, zu verschleiern, dass auch in „oligopolisierten“ Industriezweigen, wenn auch in geringerem Maße, dieselben monopolistischen Erscheinungen zutage treten wie in vollständig „monopolisierten“. Außerdem gelten Monopole der bürgerlichen Theorie als unerwünschte Unregelmäßigkeit, die den „eigentlichen“ freien Wettbewerb behindern, statt als notwendiges historisches Entwicklungsstadium des Kapitalismus. Der qualitative Unterschied, den die Konzentration und Zentralisation ab einem gewissen Punkt hervorbringen, wird damit nicht berücksichtigt.

[63] Die Frage, ob sich parallel zur von Marx angenommenen Durchschnittsprofitrate auf höherem Niveau eine Monopolprofitrate herausbildet, an die alle monopolistischen Unternehmen sich tendenziell angleichen, ist umstritten.

[64] Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, S. 740.

[65] In Anlehnung an die bürgerlichen marginalistischen Theorien spricht Sweezy hier von einer „Grenzprofitrate“, die dem zusätzlichen Anteil des Profits entspricht, der durch eine zusätzliche Investition abgeworfen wird.  So kann es z.B. sein, dass eine neue Investition zwar die Profitrate erhöht, aber die Grenzprofitrate dieser Investition niedriger ist als die einer gleichwertigen Investition in einem anderen Zweig., Vgl. Sweezy, S. 323f.

[66]Diese These wurde von Paul Sweezy und Paul Baran in ihrem Werk „Monopolkapital“ begründet.

[67] Z.B. hatte der US-amerikanische Konzern General Electric 2007 ein Volumen von nahezu 800 Milliarden US$, was deutlich mehr ist als z.B. das BIP von Argentinien oder der Niederlande in demselben Jahr. Vgl. UNCTAD World Investment Report 2007, S.229.

[68] Zur Theorie des Monopolkapitalismus und Imperialismus gibt es umfangreiche Literatur, vgl. etwa: Wladimir Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus; Paul M. Sweezy/Paul A. Baran: Monopolkapital; Ernest Mandel: Der Spätkapitalismus.

[69]Letztere Theorien, die sich v.a. mit der Abhängigkeit und Verfestigung von Unterentwicklung durch die Struktur des Weltmarkts befassen, werden oft als „Dependenztheorien“ zusammengefasst. Sie schließen oft direkt an die Erkenntnisse der traditionellen marxistischen Imperialismustheorien an und versuchen, sie um die Perspektive der unterentwickelten Länder zu erweitern. Für eine marxistische Analyse der internationalen Beziehungen sind sie als wichtiger Fortschritt zu betrachten.

[70] Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, S. 740.

[71] Ebenda, S. 729.

[72] Sie bewegt sich nah an der von Ernest Mandel entwickelten, die disproportionale Entwicklung der Produktionsabteilungen berücksichtigenden Krisentheorie. Vgl. Ernest Mandel: Marxistische Wirtschaftstheorie, S. 359-401; Ernest Mandel: Der Spätkapitalismus, S. 257-263, S. 401-431.

[73]Marx: Das Kapital, Band III, S. 501.

[74]Die Gründe für diese strukturell bedingte und wachsende Überakkumulation zu diskutieren, würde hier eindeutig zu weit führen. Eine mögliche Erklärung bieten John Bellamy Foster & Fred Magdoff: The Great Financial Crisis.

[75] Auch deshalb sind die wirtschaftspolitischen Konzepte des neoliberalen Monetarismus, denen zufolge die Notenbank durch eine Erhöhung der im Umlauf befindlichen Geldmenge eine Kreditklemme aus der Welt schaffen kann, oft wirkungslos.

[76] Marx: Das Kapital, Band II, S.185-186.

[77]Vgl. Nikolai Kondratieff: The Long Wave Cycle.

[78] Vgl. Immanuel Wallerstein: Absturz oder Sinkflug des Adlers?, S. 60.

[79]Vgl. z.B. Paul Sweezy & Paul Baran: Monopolkapital; John Bellamy Foster & Fred Magdoff: The Great Financial Crisis.

[80] Lenin: Die große Initiative, S. 410.

[81] Diese Unterscheidung geht auf eine Textstelle aus „Karl Marx: Das Elend der Philosophie“ (S. 181) zurück. Dort spricht Marx vom politisch unbewussten Proletariat als „Klasse gegenüber dem Kapital“, die sich aber erst als „Klasse für sich selbst“ konstituieren müsse.

[82] Wallerstein: Das moderne Weltsystem, S. 122f.

[83] Von Erscheinungen der Privatisierung der Staatsgewalt wie der zunehmenden Rolle von Söldnerarmeen und dem Staatsterror durch Todesschwadronen und Paramilitärs in vielen Ländern der „Dritten Welt“ sei hier abgesehen.

[84] Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, S. 115.

[85] Ebenda, S. 166.

[86] Ebenda, S. 165.

[87] Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, S. 260.

[88]Wobei sich umgekehrt die Kapitalisten herzlich wenig um Loyalität gegenüber „ihrem“ Staat kümmern und, sofern die Profitrate es gebietet, im Ausland genauso gerne ihr Geld vermehren wie im Inland.

[89] In den unterentwickelten Ländern, in denen die industrielle Reservearmee des Proletariats oft noch groß ist, kann das Kapital sich dagegen leisten, Millionen Menschen verhungern zu lassen oder im Arbeitsprozess schon als Kinder zu verschleißen.

[90] Den Kommunist_innen wird der Begriff der Diktatur des Proletariats oft zum Vorwurf gemacht. Das besondere daran ist jedoch nicht, dass es sich um eine Herrschaft einer Klasse über eine andere handelt, sondern lediglich, dass es der erste Staat ist, der das auch offen zugibt.

[91] Lediglich in Anfangsphasen des Aufbaus des Sozialismus ist Privateigentum an Produktionsmitteln im kleinen Maßstab denkbar.

[92] Marx: Thesen über Feuerbach, MEW 3, S. 7.

[93] Holz: philosophisch-politische Perspektiven des Marxismus.

[94] Dass eine Theorie, die beansprucht, die Realität zu beschreiben, sich auch an der Praxis messen lassen muss bzw. dass eine Theorie nicht „theoretisch“ richtig, aber „praktisch“ falsch sein kann, erscheint ebenfalls als banal. Dank dem erfolgreichen Wirken der bürgerlichen Ideologie und der Apparate, die sie transportieren, sind es aber oft noch trivialere Erkenntnisse, die den Menschen erst noch erklärt werden müssen.

[95]Vor Marx in Gestalt humanistisch und sozialethisch motivierter Sozialisten von Thomas Morus bis Robert Owen. Nach Marx in Gestalt des Anarchismus, der im Allgemeinen nicht die politökonomische Analyse den politischen Schlussfolgerungen zugrundelegt, sondern sie durch weitgehend moralische Kritik an der politischen Herrschaft ersetzt. Dabei geraten die ökonomischen Verhältnisse, die die Herrschaft erst hervorbringen, aus dem Blickwinkel und werden höchstens als „zusätzliches“ Unterdrückungsverhältnis kritisiert. Deshalb wird auch von Anarchisten zumeist nicht verstanden, dass die politische Herrschaft überhaupt erst nach der Auflösung der Klassenwidersprüche verschwinden kann. In der Übergangsphase, die zu diesem Zustand führen soll, kann die Herrschaft dagegen nur von unten kontrolliert, aber nicht „abgeschafft“ werden.

[96] Marx: Briefe aus den deutsch-französischen Jahrbüchern, MEW 1, S. 344.

[97] Marx‘ Bewusstsein für die Notwendigkeit der Erhaltung der Lebensbedingungen des Planeten und die destruktive Wirkung des Kapitalismus kommt an verschiedenen Stellen zum Ausdruck. So z. B. hier: „Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“, Marx: Das Kapital, Band I, S. 529f und „Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias <gute Familienväter> den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.“, Marx: Das Kapital, Band III, S. 784.

[98] The Sydney Morning Herald: Malnutrition killing 100,000 a day: UN; BBC: World Hunger ‘hits one billion’.

[99] Christi van der Westhuizen: Food for 12 Billion. So why did 854 Billion go without?.

[100] Jules Pretty: Can Ecological Agriculture feed nine billion people?

[101]Zur ausführlichen Behandlung dieses Themas siehe unsere Broschüre zum Thema „Planwirtschaft und Marktwirtschaft. Über Effizienz, Verschwendung und Ressourceneinsatz im Kapitalismus und danach“.

[102]Smith sprach natürlich nicht über den Sozialismus. Er unterstellte den Menschen jedoch einen Hang zu Tauschen, der aus dem menschlichen Vernunft- und Sprachvermögen resultiere und sah den Eigennutz, nicht die Menschenliebe, als Ansporn zu ihrem Handeln an. Die heutige Argumentation gegen den Sozialismus stützt sich weitgehend auf diese Postulate. Vgl. Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen, S. 59f.

[103]Die gängigen Argumente gegen den Sozialismus wurden schon unzählige Male widerlegt, aber da die stupide Logik des Antikommunismus leider immer noch hegemonial ist, scheint es notwendig, die Argumentation des Marxismus ein weiteres Mal zu wiederholen. Lesenswert ist diesbezüglich auch Harry & Fred Magdoff: Approaching Socialism.

[104]Marx/ Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, S. 482.

[105] Es versteht sich von selbst, dass das Einkommen von Menschen mit Behinderungen  nicht nach der Arbeitsleistung bemessen werden kann sondern in seiner Berechnung einer Berücksichtigung ihrer besonderen Bedürfnisse bedarf.

[106] Hier könnte auffallen, dass von Mises von einem richtigen Verständnis dessen, was Geld überhaupt ist, weit entfernt ist. Er sieht Geld als Recheneinheit der Produktion und Verteilung und nicht als dinghaften Ausdruck eines gesellschaftlichen Verhältnisses, des Werts. Wäre es bloße Recheneinheit, hätte allerdings auch kein Kommunist etwas dagegen. Da es aber den Tausch zwischen Privateigentümern vermittelt und somit sein Nicht-Besitz immer Ausschluss von der Bedürfnisbefriedigung bedeutet, muss die Überwindung des Kapitalismus letztendlich auf die Überwindung des Geldes hinauslaufen.

[107] In einer entwickelten Gesellschaft mit mehreren Millionen verschiedenen Produkten kann mithilfe einer solchen Tabelle nur von Computern der gesamte Bedarf an Ressourcen und Arbeitsleistung berechnet werden. Eine solche Gesellschaft bedürfte nicht mehr des Marktes, des Tausches und des Geldes zur Koordination der Produktion und Verteilung. Sie wäre damit auch viel sozialistischer, d.h. näher am Entwicklungsziel Kommunismus, als jede bisherige sozialistische Gesellschaft es war. Zur genauen Ausgestaltung einer auf Arbeitszeitrechnung basierenden sozialistischen Planwirtschaft siehe Paul W. Cockshott & Allin Cottrell: Alternativen aus dem Rechner. Für sozialistische Planung und direkte Demokratie (auch online); für weitere Texte zur sozialistischen Wirtschaftsplanung mithilfe von moderner Informationstechnologie, siehe: http://helmutdunkhase.de/

[108]Vgl. z.B. Joseph Ball: Did Mao Really Kill Millions in the Great Leap Forward?; Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme, S. 582.

[109]Dass selbst die Statistiken der Deutschen Bank eindeutig beweisen, dass die ökonomische Situation der DDR 1989/90 von einem Staatsbankrott (d.h. der Zahlungsunfähigkeit) weit entfernt war, ist allerdings ein Ärgernis, dass den herrschenden Meinungsmacher_innen bei der Umschreibung der Geschichte im Weg steht; Vgl. Siegfried Wenzel: Was war die DDR wert?, S. 17; oder auch: Deutsche Bundesbank: Die Zahlungsbilanz der ehemaligen DDR 1975-1989.

[110] Dies gilt vor allem auch für die Sowjetunion, von der die Impulse zur Restauration des Kapitalismus ausgingen. In der Sowjetunion gab es keine antisystemische Massenbewegung, die stark genug gewesen wäre, den Sozialismus zu zerstören. Das schafften lediglich die herrschenden Eliten in der Kommunistischen Partei. Hobsbawm schreibt: „Sozial und politisch war die Gesellschaft im größten Teil der Sowjetunion stabil (…). War es ein Zufall, daß es im Gegensatz zu Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn in der Sowjetunion kein Äquivalent zu den Studentenaufständen des Jahres 1968 gegeben hat? (…) Woher der Druck für einen Wandel in der Sowjetunion auch gekommen sein mag: in den Wurzeln des Landes war er nicht entstanden.“ Vgl. Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme, S. 592.

[111]Marx/Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, S. 489.

[112]So z.B. Gregor Gysi:  Gerechtigkeit ist modern.

[113] Marx: Das Kapital Band II, MEW 24, 409f.

[114] Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, MEW 1, S. 385.

[115] Allerdings entwickelt das Kapital diverse Vorgehensweisen, die, außer dass sie z.T. die Arbeitsproduktivität erhöhen, auch die Solidarität unter den Arbeitern unterminieren. Dazu gehört die massenhafte Einführung von prekären Beschäftigungsverhältnissen, die auf die Normalarbeitsverhältnisse Druck ausüben, das Schüren von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, der Flächentarifvertrag, der es den Arbeitern ermöglicht, ohne eigenes Engagement als „Trittbrettfahrer“ von gewerkschaftlichen Kämpfen zu profitieren oder der Mechanismus der „indirekten Steuerung“, der die Beschäftigten dazu bringt, Institutionen zu ihrem eigenen Schutz zu unterlaufen. Vgl. Wilfeld Glißmann/Klaus Peters: Mehr Druck durch mehr Freiheit. Die neue Autonomie in der Arbeit und ihre paradoxen Folgen. Unsere Aufgabe besteht darin, die menschenfeindliche Logik dieser Taktiken des Kapitals zu enthüllen, damit sie ihre Wirkung auf das Denken der Arbeiterklasse verlieren.

[116]Abgesehen davon, dass der relative Rückgang der Industriearbeiterschaft in den westlichen Nationen vor allem eine Auslagerung dieser Arbeitsprozesse in andere Länder des Weltsystems, vor allem in die ostasiatischen, war.

[117]Dietmar Dath: Maschinenwinter, S. 125.

[118] United Nations Economic and Social Council : Strengthening efforts to eradicate poverty and hunger, including through the global partnership for development.

[119] Laut einer Studie der konservativen Bertelsmann-Stiftung haben Ende 2009 ca. 70% der Deutschen ihr Vertrauen in die „Entscheidungsträger von Politik und Wirtschaft“ sowie die sozialen Sicherungssysteme verloren. 73% sind ohne Hoffnung auf eine nachhaltige Verbesserung der Situation. 20% der Befragten sprechen sich eindeutig für einen „Systemwechsel“, für eine Überwindung von Kapitalismus und  parlamentarisch-repräsentativem System aus. Quelle: Bertelsmann-Stiftung: 2010: Wendemarke oder tiefer in die Depression?; Auf die Frage „Halten Sie den Sozialismus für eine gute Idee,  die schlecht ausgeführt wurde?“, antworteten 2007 57% der Ostdeutschen und 45% der Westdeutschen mit ja. Die Zahl der Ostdeutschen, die den Sozialismus befürworten, ist seit den 90ern gesunken, was wohl auf das Aussterben der Generationen zurückzuführen ist, die ihn noch erlebt haben. Die entsprechende Zahl der Westdeutschen ist allerdings deutlich gestiegen. Zu bemerken ist auch, dass die undifferenzierte Formulierung „schlecht ausgeführt“ gar nicht zulässt, den historischen Sozialismus im Großen und Ganzen positiv zu bewerten. Außerdem wird nicht definiert, was Sozialismus ist, sodass die Vorstellungen davon mit Sicherheit sehr heterogen und zum Teil wohl auch sehr „unsozialistisch“ sein werden. Die Bereitschaft zum Nachdenken über Alternativen ist dennoch bemerkenswert. Quelle: http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E04108908DDE546E2A13FAAFC155E0A11~ATpl~Ecommon~SMed.html

[120] Dass die Faschisten in allen Ländern, in denen sie an die Macht kamen, nicht die geringsten Anstalten machten, den Kapitalismus zu überwinden, ist bekannt. Aber auch die heutigen Neonazis sehen das trotz „nationalrevolutionärer“ Rhetorik und sozialer Demagogie kaum anders. Die NPD schreibt in ihrem Parteiprogramm: „Ziel nationaldemokratischer Wirtschaftspolitik ist die Synthese von unternehmerischer Freiheit und sozialer Verpflichtung“, Quelle: Parteiprogramm der NPD; selbst die in ihrem Selbstverständnis stärker „revolutionär“ orientierten extremen Rechten richten ihre Kapitalismuskritik nur gegen die Zirkulationssphäre, nicht aber gegen das Privateigentum selbst.

[121]Lenin: Was tun?, LW 5, S. 440.

[122]Lenin: Was tun? ; „trade-unionistisches Bewusstsein“, angelehnt am englischen Wort „Trade Union“ (Gewerkschaft), bezeichnet für Lenin einen Entwicklungsstand des Bewusstseins der Arbeiterklasse, bei dem diese zwar den Interessensgegensatz zwischen Arbeitern und Kapitalisten erkennen, aber ihn auf Lohnkämpfe, also innerhalb des Kapitalismus ausgetragene (aber nicht lösbare) Konflikte beschränkt. Trade-unionistisches Bewusstsein ist also auch Klassenbewusstsein, aber kein revolutionäres Bewusstsein.

[123]Dath: Maschinenwinter, S.91.

[124] So in Italien und Griechenland während des Zweiten Weltkriegs, in Kuba in den 50ern, in Südvietnam während des Vietnamkriegs oder in Portugal während der Nelkenrevolution 1974.

[125] Dies muss deshalb hervorgehoben werden, da zwar alle der üblicherweise als „rechts“ geltenden Parteien Verteidiger der kapitalistischen Verhältnisse sind, aber noch lange nicht alle „linke“ Parteien konsequent den Kapitalismus bekämpfen.

[126] Lenin, Werke Bd.11, S.314.

[127]Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, S.385.

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