Lesekreis

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   Nach drei Jahren intensiver politischer Arbeit haben wir, die Genoss_innen der Marxistischen Aktion Tübingen, den kollektiven Entschluss gefasst, unser bisheriges politisches Projekt aufzulösen – nicht, weil es gescheitert oder überflüssig geworden wäre, sondern weil es seine Aufgabe erfüllt hat und die Zeit reif dafür ist, neuen Zukunftsperspektiven Platz zu machen. Nach einer tiefgreifenden und systematisch geführten Debatte über die bisher von uns gesammelten Erfahrungen und die notwendigen Schritte nach vorn sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass die organisatorische Form, die wir uns als MAT gegeben haben, an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gestoßen ist und sich zu einer Schranke entwickelt hat, die den Aufbauprozess unserer Bewegung nicht mehr vorantreibt, sondern hemmt. Und wenn sich die konkreten Erfordernisse des politischen Kampfes verändern, dann müssen wir unsere Strukturen diesen Erfordernissen anpassen.

Was war

   Die Ziele, die wir beim Aufbau der Marxistischen Aktion in unserem Selbstverständnis formuliert haben, bleiben aktuell und werden durch unseren jetzigen Schritt in keiner Weise widerrufen oder in Frage gestellt. An unserem Standpunkt, dass „eine wirklich emanzipatorische Perspektive nur im Kampf um den Sozialismus (als – durchaus widerspruchsvoller – Übergangsperiode zum Kommunismus) bestehen“ kann, hat sich nichts geändert. Ebenso gilt für uns weiterhin, dass „tatkräftige internationale Solidarität mit all jenen, die überall auf der Welt gegen Ausbeutung und Imperialismus aufbegehren“ ein zentraler Bestandteil revolutionärer Arbeit sein muss. Das wirkungsvollste Mittel der internationalen Solidarität besteht jedoch darin, den Klassenkampf in unserem eigenen Land, einem der wichtigsten Zentren des Imperialismus, zu organisieren und voranzutreiben. Karl Liebknechts Losung, „der Hauptfeind steht im eignen Land!“, hat heute nichts an ihrer Aktualität und Dringlichkeit verloren. Daher bleibt der „Aufbau einer starken kommunistischen Organisation“, wie wir es bei unserer Gründung damals formuliert haben, der wichtigste Punkt auf der Tagesordnung all jener, die es mit dem Kampf gegen den Kapitalismus und all seine Erscheinungsformen ernst meinen. Die Marxistische Aktion Tübingen hat sich dabei nie als Selbstzweck, sondern immer als Mittel im Kampf um Etappenziele verstanden. Und was diese Etappenziele betrifft, lassen sich nach drei Jahren Arbeit durchaus Erfolge verzeichnen:

  • Zunächst hat die MAT ihre Zielsetzung, einen Zusammenschluss und einen Ort der kollektiven Aneignung theoretischer und praktischer Kenntnisse für Kommunist_innen in Tübingen zu schaffen, erfolgreich umgesetzt. Der Grundsatz, dass „Theorie ohne Praxis leer, ebenso aber Praxis ohne Theorie blind ist“, hat sich in der Vergangenheit bestätigt und wird auch in der Zukunft unsere Maxime bleiben. Im Laufe der Zeit hat eine beachtliche Anzahl vorwiegend junger Menschen in der Arbeit in und mit der MAT die notwendigen Kenntnisse erworben, um sich aktiv in die Kämpfe gegen den Kapitalismus und für eine revolutionäre Perspektive jenseits der herrschenden Verhältnisse einbringen zu können. Einige dieser Genoss_innen sind mittlerweile in anderen Städten aktiv, andere werden sich weiterhin hier in Tübingen am Aufbau beteiligen.

  • Als MAT haben wir uns in Tübingen und Umgebung kontinuierlich an Kämpfen und Bündnissen beteiligt, sei es im Bildungsstreik, sei es bei den Krisenprotesten oder sei es im Bereich Antifa, Antimilitarismus und Frauenkampf. Dabei ist es uns immer wieder gelungen, klassenkämpferische Positionen in tagesaktuelle Auseinandersetzungen hineinzutragen, Kämpfe zu radikalisieren, unsere Gruppe und unseren Einfluss zu vergrößern, und uns nicht zuletzt als verlässlicher und disziplinierter, wenn auch bisweilen unbequemer und nicht immer geliebter Bündnispartner zu etablieren.

  • Darüber hinaus ist es uns gelungen, Tübingen wieder aktiver in die regionale antifaschistische Arbeit einzubinden und bei nicht wenigen Gelegenheiten größere Mobilisierungen in der Umgebung (z.B. zum 1. Mai 2011 in Heilbronn) tatkräftig zu unterstützen oder gar die Beteiligung an bundesweit angelegten Massenaktionen mit zu organisieren, so z.B. bei den jährlichen Protesten gegen die NATO Sicherheitskonferenz in München oder bei den Blockadeaktionen gegen die Naziaufmärsche in Dresden und Dortmund.

  • Eines der Ergebnisse dieser Arbeit ist, dass die teils „antiautoritäre“ bzw. sich in Abgrenzung zum Marxismus als „undogmatisch“ bezeichnende, teils „antideutsche“ Hegemonie, die die sich als links verstehende politische Szene in Tübingen vor dem in Erscheinung treten der Marxistischen Aktion beherrschte, gebrochen werden konnte. Zwar kontrollieren diese Kräfte weiter wichtige Bereiche der lokalen Subkultur und die mit dieser verbundene Infrastruktur (Plenumsräume, Veranstaltungsräume, Infoladen, etc…), haben aber schon lange nicht mehr die alleinige Deutungshoheit darüber, was eigentlich „links“ bzw. „politisch korrekt“ sei und was nicht.

  • Nicht zuletzt in diesem Zusammenhang kommt der Bildungs- und Aufklärungsarbeit, die wir bisher geleistet haben, besondere Bedeutung zu. In Lesekreisen und auf zahlreichen Veranstaltungen haben wir nicht nur versucht, unsere Analysen und Positionen zu verbreiten und zu verteidigen, sondern auch aktiv gegen die überall in der Gesellschaft, und nicht selten besonders bei vermeintlichen Linken verwurzelten, antikommunistischen Vorurteile vorzugehen (der Antikommunismus sei „die Grundtorheit unserer Epoche“, so Thomas Mann). Dabei sahen wir uns nicht selten genötigt, uns gegen aktiv gegen uns betriebene Diffamierung und Polemik zur Wehr zu setzen. Fest steht, dass seit der Aufnahme unserer öffentlichen Theorie- und Schulungsarbeit die vermeintlichen „linken Basics“ in der lokalen Szene um Themen wie Imperialismus, Klassenkampf, internationale Solidarität, Arbeiter_innenbewegung, Faschismus und Sozialismus erweitert wurden, Vokabeln, die in der Szene vorher allenfalls als diffamierende Kampfbegriffe verwendet wurden.

   Unsere Entscheidung, die MAT trotz der erzielten Erfolge aufzulösen, fußt auf einer umfassenden und kollektiven Auswertung der Erfahrungen der letzten drei Jahre. Diese Debatte wurde zunächst nur gruppenintern geführt, eine ausführliche Veröffentlichung wird es an dieser Stelle dazu aber nicht geben. Ob wir zu einem späteren Zeitpunkt eine öffentliche Auswertung der gelernten Lektionen, der begangenen Fehler und der Probleme, die die von uns gewählte Organisationsform mit sich bringt, zugänglich machen werden, muss sich erst noch zeigen. Kritik und Selbstkritik (wo gefahrlos möglich auch öffentlich) sind unseres Erachtens nach unverzichtbare Instrumente, wenn uns daran gelegen ist, unsere Bewegung vor Stagnation und Dogmatismus zu bewahren – es gehört zu den großen Herausforderungen des bevorstehenden Aufbauprozesses, unsere Theorie immer wieder an der Praxis zu überprüfen und unsere Praxis immer wieder an der Theorie zu orientieren.

Was kommen wird

   Auch wenn das 1989/91 viele anders gesehen haben mögen, das Ende der Geschichte ist noch lange nicht erreicht. Der Versuch, dem Kapitalismus ein Ende zu setzen und die Emanzipation des Menschen von der Ausbeutung durch den Menschen gesellschaftliche Realität werden zu lassen, hat eine große historische Niederlage erlitten – dies ändert jedoch nichts an der Legitimität und letztlich der historischen Notwendigkeit dieses Zieles. Und deshalb muss unsere Bewegung neu formiert und aufgebaut werden, hier in Tübingen und überall.

   Wenn wir von Aufbau sprechen, dann meinen wir den Aufbau einer Organisation, die fähig ist, den Kampf für unsere Interessen und letztlich für den Umsturz der herrschenden Verhältnisse und die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung mit dem Ziel, den Kommunismus zu erreichen, erfolgreich zu führen. Und wenn wir von Organisation sprechen, dann meinen wir einen Zusammenschluss von Menschen, die auf Basis der systematischen Analyse der Gesellschaft (mit Hilfe der marxistischen Theorie) kollektiv über die richtige Strategie und Taktik zur Verwirklichung dieser Ziele entscheiden, um diese dann ebenso kollektiv in der Praxis ihres Kampfes umzusetzen. Eine solche Organisation wird nicht aus einer autonom und nur lokal agierenden Kleingruppe hervorgehen – und sie ist nur zu haben für den Preis der Aufgabe eben dieser lokalen Autonomie, die noch allzu oft als heilige Kuh der linken Subkultur stur dem notwendigen Aufbau im Wege steht.

   Einige von uns sind der Auffassung, dass die Bedingungen für den Aufbau einer Organisation, die den oben formulierten Ansprüchen gerecht werden kann, für junge Kommunist_innen in Deutschland im Augenblick in der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) am vielversprechendsten sind. Der Aufbau einer Gruppe hier in Tübingen hat bereits begonnen: SDAJ-Tübingen

   Nun ist es aber so, dass jeder Versuch, den Kapitalismus zu bekämpfen und letztlich zu überwinden, auf allen Ebenen mit der Gegenwehr seiner herrschenden Klasse, der Bourgeoisie, und ihres Staates konfrontiert ist. In Schulen und Universitäten wird der jungen Generation die Staatsdoktrin des Antikommunismus eingehämmert, die bürgerliche Presse hetzt gegen uns und dämonisiert unsere Bewegungen. Überall da, wo Menschen für ihre Interessen eintreten und sich organisieren, tritt ihnen die Staatsmacht wo nötig brutal in ihrem nackten Klassencharakter entgegen. Demonstrationen werden immer rigoroser verboten, behindert, mit Schlagstöcken, Pfefferspray und Wasserwerfern angegriffen, wir und unsere Verbündeten werden kriminalisiert, eingesperrt und isoliert. Und überall dort, wo die staatlichen Repressionsmittel nicht ausreichen, bedient sich die herrschende Klasse Schergen und Handlangern, die uns mit staatlichen Geldern und geheimdienstlicher Unterstützung bekämpfen, uns einzuschüchtern und zu spalten versuchen. Die Rede ist von Faschisten aller Couleur. Die historische Aufgabe des Faschismus aus Sicht der Herrschenden war die Zerschlagung der Arbeiter_innenbewegung. Ob NPD, Kameradschaften oder bewaffnet mordende Terrorgruppen wie der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU), ihre Funktion bleibt auch heute objektiv dieselbe: Sie sollen unseren Widerstand bekämpfen, linke Kräfte schwächen und die Empörung und Verzweiflung der Menschen im Kapitalismus durch ihre rassistische und antisemitische Propaganda auf der einen und ihre soziale Demagogie auf der anderen Seite in Bahnen lenken, die dem System nicht gefährlich werden können, sondern ihm sogar in die Hände spielen. Das können wir hierzulande, in noch beängstigeren Dimensionen aber in anderen Ländern beobachten, so zum Beispiel in Griechenland, wo die faschistische Partei Chrysi Avgi bei den letzten Wahlen im Mai über 20 Sitze im Parlament erhalten hat. Je tiefer die Krise des Systems, je offensichtlicher sein menschenfeindlicher und irrationaler Charakter, desto fruchtbarer der Boden, auf den die neofaschistische Ideologie fällt. Daraus ergibt sich für uns die Schlussfolgerung, dass der Aufbau antifaschistischer Abwehrorganisationen einen notwendigen Teil unserer revolutionären Arbeit darstellt.

   Und weil diese Erkenntnis wirkungslos bleiben muss, wenn sie nicht praktisch wird, wird aus einem Teil der MAT eine eigenständige Antifa-Gruppe hervorgehen, deren Aufgabe darin bestehen soll, gemeinsam mit anderen Gruppen aus der Region eine schlagkräftige und koordinierte antifaschistische Praxis zu entwickeln: Antifa Aufbau Tübingen

   Die SDAJ Tübingen und die Antifa Aufbau Tübingen werden in Zukunft eng und solidarisch zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen. Revolutionärer Aufbau und antifaschistischer Widerstand bilden keinen Gegensatz, sondern eine notwendige Einheit. Aufgrund der unterschiedlichen Anforderungen in beiden Bereichen halten wir es im Augenblick jedoch für sinnvoll, sie organisatorisch voneinander zu trennen.

   Die Marxistische Aktion Tübingen hat sich also weder einfach gespalten, noch werden ihre Arbeit und die Menschen, die sie getragen haben, spur- und geräuschlos von der politischen Bühne verschwinden. Die Genoss_innen, die in der MAT gemeinsam gelernt, gemeinsam gearbeitet und gemeinsam gekämpft haben, werden weder das Lernen, noch das Arbeiten, noch das Kämpfen einstellen, sondern sie haben die Form ihres jeweiligen Engagements bewusst und nach langer Diskussion den Erfordernissen der aktuellen Situation angepasst. Wir sind der Überzeugung, dass dieser Schritt eine Weiterentwicklung und letztlich eine Stärkung unserer Strukturen bedeutet. Der Schritt, den wir hiermit vollziehen, steht im Einklang mit dem Selbstverständnis, das wir vor drei Jahren formuliert haben: „Es gilt eine gemeinsame revolutionäre Organisation aufzubauen, uns zu vernetzen, uns zusammenzuschließen! Gemeinsam kämpfen heißt für uns internationale, antirassistische Solidarität und konzentrierter Einsatz für eine andere Welt.“ Und dies können wir nur schaffen, wenn es uns gelingt „kommunistische Theorie und Praxis so zu verbinden, dass in ihnen die Interessen, Bedürfnisse und Wünsche jenes großen Teils der Menschheit ihren Ausdruck finden, der vom Kapitalismus kein gelingendes Leben zu erwarten hat.“

In diesem Sinne: Die Versammlung ist hiermit beendet!

Aber: Der Kampf geht weiter!

Gegen Faschismus und Kapitalismus!

Gemeinsam kämpfen für eine revolutionäre Perspektive, für die soziale Revolution, für den Kommunismus!

P.S.: Wir werden noch einige Zeit per Mail erreichbar sein, von heute an aber weder bei Aktionen noch in Bündnissen weiter als MAT in Erscheinung treten. Unsere Homepage wird, solange dies möglich ist, zu Dokumentationszwecken weiter online bleiben. Sämtliche von uns veröffentlichte Broschüren sowie die von uns ausgearbeiteten Lesekreise können auch in Zukunft auf den jeweiligen Blogs #INFO und AK-Theorie abgerufen werden.

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#INFO-Seite online!

Alle #INFO-Broschüren der MAT gibts zum Download unter infomat.blogsport.de